«Ganz legal ist es ja nicht, was wir hier machen»

Schleuser im Privatwagen: Die Aktionskünstler des Peng Collective wollen, dass Bürger Flüchtlinge schmuggeln.

Die Gruppe will Kampagnen machen, die sich getrauen: Der Fluchthilfe-Clip des Peng Collective. (Youtube/Marie Bauer)


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Immer wieder schaut die Frau am Steuer des weissen VW besorgt in den Rückspiegel. Das Auto schlängelt sich die Serpentinen eines Passes hoch, doch sie hat keinen Blick fürs Alpenpanorama. Auch ihr Mann auf dem Beifahrersitz wirkt angespannt. Dann hören wir, was die beiden denken. Sie: «Wir fahren hier seit Jahren in den Urlaub; bisher war die Fahrt immer etwas Entspanntes. Aber heute bin ich aufgeregt.» Er: «Am Anfang war mir ziemlich mulmig. Ganz legal ist es ja nicht, was wir hier machen.» Der Grund für ihre Anspannung sitzt im Fond des Autos: ein Flüchtling aus Afrika. Die Eheleute sind Fluchthelfer.

Der Kurzfilm stammte vom Peng Collective, einer Gruppe politischer Aktionskünstler aus Berlin. Mit dem Clip bringt sich die Gruppe pointiert in die Debatte über Flüchtlingsströme, Schlepper und Grenzen ein. «Grund für die Kampagne ist eine EU-Migrationspolitik, die jegliches Mass an Menschlichkeit verloren hat», so Peng-Mitglied Luth Huhn gegenüber der Arte-Sendung «Tracks». Er vergleicht Brüssels Plan, Schlepperboote zu versenken, mit dem Schiessbefehl, der für Soldaten der DDR an der innerdeutschen Grenze galt.

Freilich ist die Aktion mehr als reine Provokation. Peng will Bürger dazu animieren, sich tatsächlich als Fluchthelfer zu betätigen. Dass das Einschleusen von Flüchtlingen gemäss deutschem Aufenthaltsgesetz strafbar ist, macht dem Kollektiv keine Angst. Die Gruppe hat kurzerhand einen Rechtshilfefonds aufgebaut.

Guerilla-Aktion bei Shell

Der Aufruf zum zivilen Ungehorsam passt zur Unverfrorenheit, mit der das Peng Collective schon in der Vergangenheit agierte. Die Gruppe arbeitet mit Guerilla-Taktiken, ihre Proteste bestehen nicht selten aus Täuschungsmanövern. 2013 sorgten die Mitglieder des Kollektivs zum ersten Mal für Schlagzeilen. Als Erfinder getarnt, traten sie an einer Jugend-forscht-Veranstaltung des Ölkonzerns Shell auf. Dort wurde ihr Vortrag über eine angebliche Luftreinigungsmaschine zum unterhaltsamen Protest gegen Shells Ölbohrpläne in der Arktis.

Im Jahr darauf infiltrierten sie die Digital-Messe Re:publica, um gegen die Datensammelwut von Google zu protestieren. Als Google-Mitarbeiter stellten sie die Produktelinie Google Nest vor: eine App vermittelt Umarmungen dank konstanter Überwachung des Nutzers, Drohnen hüten die Kinder und zeichnen deren Alltag auf, und eine Datenversicherung belohnt, wer im Netz viele Spuren hinterlässt. Der Albtraum jedes Datenschützers, vorgetragen mit der Google-typischen Euphorie.

Diesen Frühling gelang dem Peng Collective dann sein bisher grösster Erfolg. Die Gruppe gab sich als Pressesprecher von Vattenfall aus und verkündete den Ausstieg des Energiekonzerns aus der Braunkohleförderung. Die Pressekonferenz fand im Foyer des Firmensitzes statt und die Neuigkeit verbreitete sich in den deutschen Medien, noch ehe irgendwer von Vattenfall eingreifen konnte.

NGO-Welt auf den Kopf stellen

Diese Aktionen sollen die NGO-Welt auf den Kopf stellen, so Mitglied Paul von Ribbeck. Der Zivilgesellschaft solle der Raum verschafft werden, der ihr gebühre. «Wir dürfen nicht alle Entscheidungen der Wirtschaft und der Politik überlassen.»

Deshalb will die Gruppe auch weiterhin Kampagnen aushecken, die Grenzen überschreiten. Etwa wie jene im August in Berlin, wo das Kollektiv Verdienstkreuze für Flüchtlingshelfer verlieh. Vor dem Brandenburger Tor. Im Namen der EU. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 16.09.2015, 16:03 Uhr)

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