Hasenhasser im hohen Gras

Die fünfte Skulpturen-Biennale im Weiertal bietet zwischen Wasserzauber und Märli-Telefon auch politische Botschaften.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herrje! Hat jemand den Osterhasen abgemurkst? Jedenfalls sieht das, was da vor uns im hohen Gras liegt, wie der Tatort eines Ritualmordes aus, begangen von einem Osterhasser mit Hang zur dramatischen Inszenierung: Zwei tote Rammler, beide vergoldet, wurden vor einer Art Mini-Kirchenfassade auf dem Boden drapiert, gerahmt von einer Handvoll fluoreszierender Pilze. Rund um dieses schräge Arrangement wurde ein Gitter hochgezogen, gewissermassen als Trennlinie zwischen Kunst und Natur. Und das ergibt durchaus Sinn, schliesslich ist das Ganze Teil einer ­Ausstellung mit dem Titel «Refugium». Es geht also um Zufluchtsorte, und solche definieren sich nicht zuletzt dadurch, dass sie sichere Zonen von unsicheren abgrenzen.

Wo aber ist es sicher, dies- oder jenseits des Zauns? Wenn man sich die toten Hasen von Marianne Engel so ansieht, ist das gar nicht so eindeutig. Und wenn man dann noch weiss, dass die Künstlerin hier auf Marlen Haushofers dystopischen Kultroman «Die Wand» anspielt, in dem eine Frau das zweifelhafte Glück ereilt, die einzige Überlebende einer Kata­strophe zu sein, dann läuft das Assoziationskarussell – Schicksal! Glaube! (Umwelt-)Politik! – erst recht rund.

Hirschhorn und Pipilotti

Dabei wird zweierlei klar. Erstens: Die Kunst, die uns hier vorgesetzt wird, legt das vorgegebene Motto erfreulich ambivalent aus. Zweitens: Maja von Meiss’ Skulpturen-Biennale im Winterthurer Weiertal hat in der fünften Ausgabe gesundes Selbstbewusstsein ent­wickelt. Gastkuratorin Kathleen Bühler, sonst verantwortlich für Zeitgenössisches am Kunstmuseum Bern, kam, sah und krempelte um. Jedenfalls ein bisschen: Weniger Werke als in den Jahrgängen davor sind zu sehen; dafür solche, die nicht nur hübsch im Garten aussehen, sondern auch mal unbequem sind. Das tut gut an diesem Ort, der mit seinen saftigen Endloswiesen und sattgelben Rapsfeldern wie ein kleines, von der Welt da draussen unberührtes Paralleluniversum anmutet.

Es gibt hier sogar Kabeltelefon, und das erst noch unterm Boskoop-Apfelbaum: Wer sich einen der roten Hörer ans Ohr drückt, kriegt – wie früher auf der Bank, als Mami und Papi Erwachsenenkram abwickelten – die (leicht schaurige) Geschichte von Peter und den Weiertal-Moorwesen vorgelesen.

Also, was denn nun? Märchenstunde oder Komplexkunst? – Beides! Das ist ja gerade das Schöne an dieser Open-Air-Schau. Dass sie zwar Hirnfutter bietet – aber eben als Sahnehäubchen einer lauschigen Fahrt ins Grüne.

Schön, wenn solche taufrischen Werke einer nachdrängenden Künstlergeneration die ihrer Idole locker an die Wand spielen.

In den besten Momenten verschmilzt das eine gar mit dem anderen, etwa da, wo Monica Ursina Jäger und Michael Zogg – sie Künstlerin, er Produktdesigner – einen filigranen Polyeder im Gartenteich driften lassen, beziehungsweise nur dessen obere Hälfte; die untere wird durch die Wasserspiegelung «herbeigehext». Oder da, wo die Künstlerzwillinge huber.huber einen goldglänzenden Kuhdraht unter Strom gestellt haben (und wem fällt die Parallele zu Marianne Engels goldenen ­Hasen auf?).

Beides ist entzückend unprätentiös, für den Ort massgeschneidert und obendrauf politisch: Der Polyeder taucht im realen Leben als Gerippe von Schutzzelten in Katastrophengebieten auf, und die Botschaft des helvetisch-goldenen Abgrenzungsdrahtes ist ohnehin unmissverständlich.

Schön, wenn solche taufrischen Werke einer nachdrängenden Künstlergeneration die ihrer Idole locker an die Wand spielen. Thomas Hirschhorns auseinandergesägter und mit Klebeband (was sonsts?) zusammengeflickter Pick-up beim Ausstellungseingang kann getrost weiter dort draussen parkiert bleiben. Und Pipilotti Rists in den Obstkeller hineinprojizierte Videoaufzeichnung einer Geburt (nichts für Zartbesaitete!) ist zwar bestechend präsentiert – man schaut sie sich auf einem Kissen kniend und durch ein kleines Fensterchen lugend an, die kühle, urige Kellerluft in der Nase –, aber mit Entstehungsjahr 1992 so etwas wie der Methusalem unter den gut zwei Dutzend Exponaten.

Auch, aber nicht nur wegen Pipilotti sollte man übrigens möglichst gegen Abend ins Weiertal hinausfahren. Wenn die Nacht sich anschleicht, kommen nicht nur die ausgestellten Videoarbeiten am besten zu Geltung. Auch über die restliche Kunst legt sich ein Schleier der Dunkelheit: das Refugium der Nacht.


Vernissage heute Freitag 18 Uhr. Bis 10. September. Kulturort Weiertal, Rumstalstr. 55, Winterthur. www.skulpturen-biennale.ch (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 18.05.2017, 18:35 Uhr)

Artikel zum Thema

Kunst als reizvolle Nebensache

Die vierte Skulpturen-Biennale im Winterthurer Weiertal will nicht avantgardistische Speerspitze sein. Gezeigt werden Werke, die vor allem die Sinne ansprechen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Kostenlose E-Books

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.

Kommentare

Blogs

Nachspielzeit Der Fussball frisst die Leichtathletik

Von Kopf bis Fuss Abwarten ist die beste Medizin

TA Marktplatz

Die Welt in Bildern

Der strenge Blick: In Hongkong werden die Sicherheitsmassnahmen hochgefahren vor der Ankunft des chinesischen Präsidenten Xi Jinping. (29. Juni 2017)
(Bild: Damir Sagolj) Mehr...