Jeder ist sein eigener Dada

Der Dadaismus ist der bedeutendste Beitrag der Schweiz zur Kunstgeschichte. Die Ausstellung «Dada Universal» im Landesmuseum Zürich beleuchtet das Phänomen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Hugo Ball, der intellektuelle Kopf der dadaistischen Bewegung, stellt in seinem Buch «Die Flucht aus der Zeit» rhetorische Fragen: «Ist der Dadaismus wohl als Zeichen und Geste das Gegenspiel zum Bolschewismus? Stellt er der Destruktion und vollendeten Berechnung die völlig donquichottische, zweckwidrige und unfassbare Seite der Welt gegenüber?» Im Unterschied zu ihrem Nachbarn an der Spiegelgasse 14, dem revolutionären Politiker Lenin, ging es den Dadaisten in der Tat um alles andere als um die Ausführung einer politischen Mission mit klar umrissenem Welt- und Menschenbild. Sie waren im Gegenteil darauf bedacht, Sinn und Sinneinheiten zu zer­stören – auch und vor allem in der Sprache selbst.

Das millionenfache Töten auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges hatte ihnen brutal vor Augen geführt, dass und wie vermeintlich vernünftige Entscheidungen und Handlungen zu sinnloser Zerstörung führen. «Man kann nicht verlangen, dass unsere zitternden Nüstern den Leichendunst mit Bewunderung einsaugen», heisst es bei Ball, der nach anfänglicher Kriegsbegeisterung zum Pazifisten wurde.

Geträumte Revolution

Es ging den Dadaisten um die Erschaffung neuer Satzgebilde und -gefüge, um Sätze, die nicht beschmutzt waren von dem mörderischen System, das zum ­Niedergang der Zivilisation beigetragen hatte. Deswegen galt ihr Kampf den Konventionen und Überlieferungen, die im Verdacht standen, das Massenmorden ermöglicht zu haben. Es war ein künstlerischer Aufstand von Migranten in der vom Krieg verschonten Schweiz, keine Revolution der Politik, sondern eine ­gegen sie.

«Die Spiegelgasse wurde», wie Peter Weiss in seiner «Ästhetik des Widerstandes» schreibt, «zum Sinnbild der wachen und der geträumten Revolution.» Dass die wache Revolution der Bolschewisten, die zu immer noch mehr Toten führte, gescheitert ist, wissen wir; dass die geträumte Revolution auf der anderen Seite der schmalen Altstadtgasse, an der Spiegelgasse 1 nämlich, noch heute weiterwirkt, erfahren wir auf eindrückliche Weise in der Ausstellung «Dada Universal» im Landesmuseum Zürich.

Die Ausstellungsmacher Juri Steiner und Stefan Zweifel haben zusammen mit dem Gestalter und Szenografen Alex Harb ein raffiniertes Konzept erarbeitet. Den Dadaismus stellen sie nicht als eine klar definierbare Kunstrichtung vor, die man nur verstehen kann, wenn man sie unter das analytische Seziermesser legt. Vielmehr ziehen die frankophilen Kuratoren eine rhizomartige Methode vor: Sie fächern die in verschiedene Richtungen ausstrahlende Bewegung anhand von Begriffen wie Maske, Tanz, Dionysos, Traum, Splitterbombe, Mystik usw. in insgesamt 18 Vitrinen auf. Damit werden sie nicht nur der Ästhetik des Dadaismus gerecht, sondern eröffnen dem Besucher je nach Wissensstand ganz andere Bedeutungshöfe. Wer etwa mit dem Situationismus à la Guy Debord wenig anzufangen weiss, wendet sich «wie in einem Flipperkasten», so die Kuratoren, der nächsten Konsole zu, an der es um «Feldpriester», «Sexualität» oder die «Fountain» von Marcel Duchamp geht (die auch als «Mona Lisa» des Dadaismus bezeichnet wird).

Auf diese Weise legt sich jeder seinen eigenen Dada zurecht und kommt damit der disparaten Kunstströmung näher als mithilfe eines auktorialen Erzählerprinzips. Diese Präsentation, die sich bis zu den Zürcher Unruhen der 1980er-Jahre ausdehnt, macht die Ausstellung zum 100. Geburtstag der Kunstbewegung intellektuell anregend, ohne dass sie auf Sinnlichkeit verzichten muss. An jeder Station befindet sich eine Art digitale Säule mit einer Skizze all dessen, was zu sehen ist. Hier lassen sich Informationen zu den hinter Glas befindlichen Objekten bequem abrufen – man tippt einfach auf die Stelle, die einen besonders interessiert, und erhält dann das Zusatzmaterial. Das hat den grossen Vorteil, dass man sich zuerst mit den Kunstobjekten beschäftigt, bevor man sie zutextet – durchaus ein dadaistisches Vorgehen! Hinter den schwarzen Punkten tauchen dann Namen wie Hans Arp, André Breton, Louis Aragon, Emma Hennings, Sophie Taeuber-Arp, Adolf Wölfli oder Antonin Artaud auf mit Hinweisen auf die Werke und deren Kontext. Je weiter man auf diesem Stationenweg voranschreitet (begleitet von Ton- und Filmmitschnitten), umso plausibler wird die Aussage des später zum Katholizismus konvertierten Hugo Ball: «Dada ist die Weltseele.»

Ursprung der Kunst

Das Verdienst der Zürcher Ausstellung, die mit ihrem überbordenden Assoziationsreichtum da und dort auch über die Stränge schlägt, liegt darin, Dada für die Jetztzeit zu retten – und nicht museal zu mumifizieren. Die Protagonisten der chaotischen Bewegung waren nicht einfach irgendwelche Spinner, die sich vom Verstand distanzierten und auf Emotion machten, oder zu spät geborene Romantiker, die der Politik den Rücken kehrten und sich tanzend ins Tessin verabschiedeten – nein, Dada ist und bleibt eine eminent wichtige Kunstbewegung, die bis heute die Schriftsteller und Künstler inspiriert – und die Philosophen dazu. Und zwar vor allem deshalb, weil Dada mit Nachdruck etwas zur Sprache und damit zur Welt brachte, was menschlich ist und dennoch leicht betrogen wird: die radikale Skepsis gegenüber allem, was sich als Sinn des Daseins anbietet. Als Absage an fertige Lebensrezepte steht der Dadaismus damit am Ursprung dessen, was Kunst ist.

Die Ausstellung im Landesmuseum öffnet am Freitag (5. Februar), sie dauert bis zum 28. März.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 03.02.2016, 23:24 Uhr)

Collection

100 Jahre Dada

«Dadaglobe Reconstructed» im Kunsthaus

Dada-Bibel mit 95 Jahren Verspätung

Am 15. November 1920 schrieb Sophie Taeuber an ihren zukünftigen Mann Hans Arp: «Heute kam der beiliegende Zeddel von Tzara.» Und meinte damit dessen «höflichste» Einladung, an einem Buch mitzuarbeiten, das, wäre es je zustande gekommen, so etwas wie die Dada-Bibel geworden wäre. 50 gleich gesinnte Kunstschaffende in Europa und in den USA hatte der umtriebige Tristan Tzara zu diesem Zweck angeschrieben und sie um Zusendung von «3 bis 4 schwarz-weissen Zeichnungen» gebeten sowie um ein «deutliches Photo Ihres Kopfes, dessen freie Bearbeitung Ihnen überlassen bleibt».

Und das Bestellte kam, erstaunlich schnell und in Hülle und Fülle: von Max Ernst aus Köln etwa, von Raoul Hausmann aus Berlin, von Man Ray aus New York und eben: von Sophie Taeuber aus Zürich, die sich dafür, halb hinter einem bemalten Holzkopf versteckt, in jenem Filzhut ablichten liess, den man von der 50-Franken-Note her kennt. Fast 200 Päckchen landeten auf dem Pariser Schreibtisch Tzaras, der das Material mit Elan zu sichten und ordnen begann. Schliesslich war die Herausgabe eines Dada-Almanachs – wie es die Künstler des Blauen Reiters vorgemacht hatten – schon seit Jahren in seinem Kopf herumgespukt. «Jede Seite muss explodie- ren», hatte er 1918 einem Freund geschrieben – und explosiv war ein Projekt, das auf der Zusammenarbeit von Künstlern aus elf verschiedenen Nationen beruhte, in jener von Nationalismus und Misstrauen geprägten Zeit ohnehin. Man kann sich die Erregung des 24-jährigen Nachwuchsverlegers also vorstellen, als sein Traum konkrete Formen anzunehmen begann.

Warum trotzdem nichts daraus wurde? Weil offenbar auch eine Anarcho-Bewegung wie Dada nicht vor internen Zwistigkeiten gefeit ist. Nachdem Tzaras engster Mitstreiter und Mentor, der 17 Jahre ältere Francis Picabia, sich 1921 öffentlich von Dada distanzierte, stand Tzara mittellos und desillusioniert vor einem Haufen Gedichte, Collagen, Fotomontagen und Zeichnungen. Einen Teil davon liess er in einer Mappe verschwinden, anderes machte er diskret zu Geld – und bereute es ein Leben lang, dass sein Herzblutprojekt, für das er sich den klingenden Namen «Dada­globe» ausgedacht hatte, Wunschdenken geblieben war.

Dass sich das nun ändert, pünktlich zum 100. Geburtstag der Dada-Bewegung, die Tzara damals in Zürich mit ins Leben rief, verdankt sich der New Yorker Kuratorin Adrian Sudhalter. Als sie während der Recherche für eine Dada-Ausstellung für das Moma 2006 immer wieder auf Hinweise zu «Dadaglobe» stiess, fing sie Feuer – und widmete sich anschliessend sechs Jahre lang der Rekonstruktion dessen, was sogar renommierte Dada-Forscher für ein Phantom gehalten hatten. Nun, das Phantom hat Form angenommen: für kurze Zeit als Kabinettausstellung «Dadaglobe Reconstructed», die 160 der einst von Tzara bestellten Werke wieder zusammenführt. Und längerfristig als Publikation, die soweit als möglich auf den Originalentwürfen Tzaras basiert. Zwei Bijous! Paulina Szczesniak

5. 2. bis 1. 5. im Kunsthaus Zürich; Publikation: Scheidegger & Spiess, 66 Fr.

Artikel zum Thema

Sehnsucht nach Radikalität

Doppeljubiläum: Das Theater Neumarkt feiert sein 50-Jähriges mit einer Reminiszenz an 100 Jahre Dada. Mehr...

Das grosse Nein des Dadaismus

Essay 2016 begeht Zürich das 100-Jahr-Jubiläum einer Kulturrichtung, die alle Gewissheiten radikal infrage stellte. Doch wie feiert man so etwas? Mehr...

Da, da und da hats Dada in der Stadt

Das Cabaret Voltaire veröffentlicht einen Stadtplan mit Orten der Dada-Bewegung in Zürich. Anhand des Plans zeigt Cabaret-Voltaire-Direktor Adrian Notz, dass in Zürich sämtliche Grenzen relativ sind. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Werbung

Kommentare

Abo

Weekend-Abo für 1.- testen

Unter der Woche Zugang auf das digitale Angebot, am Wochenende die Zeitung im Briefkasten. Jetzt testen.

«Jede Dame feierte ihre eigene Party»

Interview Kunstkritikerin Ludmila Vachtova über eigenwillige und wilde Frauen in der Dada-Bewegung. Mehr...

Sie sind Dada

Porträt Alle 165 vom Cabaret Voltaire als Dadaisten gefeierten Persönlichkeiten – mit den «Offizien» im Video. Mehr...

Dada Data

Webdoku Am 5. Februar 2016 schlägt die Stunde der Zürcher Kunstbewegung – auch hier: Ein interaktives Projekt zum 100. Geburtstag von Dada. Mehr...