Kühle Knubbligkeit, schroffe Kanten

Das Kunsthaus Zürich zeigt Werke von Alberto Giacometti, die seit dem Tod des Künstlers nicht zu sehen waren. Die Ausstellung dazu ist überwältigend: Sie zeigt uns selbst in unserer Unvollkommenheit.

Alberto Giacometti im Kunsthaus Zürich. Foto: Doris Fanconi © 2016 ProLitteris, Zürich

Alberto Giacometti im Kunsthaus Zürich. Foto: Doris Fanconi © 2016 ProLitteris, Zürich

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Mit der Präsentation von Alberto Giacomettis Werken in Zürich ist das so eine Sache. Im Sommer 1939 hatte man den noch recht unbekannten Künstler an die Landi eingeladen, wo er eine seiner Plastiken im Atrium des Textilpavillons aufstellen sollte. Giacometti reiste aus Paris an, um bei der Platzierung dabei zu sein. Als man ihn fragte, wohin man den Lastwagen schicken sollte, um das Stück abzuholen, winkte er ab – und zog eine Streichholzschachtel aus der Jackentasche, aus der er eine winzige Gipsfigur klaubte. Natürlich erntete er konsternierte Blicke. Das Ding sei doch unsichtbar, lachte man, und zudem eine Beleidigung für die übrigen eingeladenen Künstler. Giacomettis Tobsuchtsanfall brachte nichts; das Gipsfigürchen musste einer «normal» proportionierten Bronze weichen, und der Bildhauer reiste beleidigt ab.

Jetzt versucht man es noch einmal mit den Gipsfiguren in Zürich. Das Kunsthaus – Sitz der Alberto-Giacometti-Stiftung, der weltweit bedeutendsten Museumssammlung seiner Werke – richtet in der Ausstellung «Alberto Giacometti. Material und Vision» den Spot auf 75 Gipsfiguren, die seit dem Tod des Künstlers (1901–1966) dem Blick der Öffentlichkeit entzogen waren. 2006 erst kamen die Gipse ins Kunsthaus, als Schenkung von Albertos Bruder Bruno (der ihm, übrigens, damals auch die Einladung an die Landi besorgt hatte), nachdem sie jahrzehntelang in irgendeiner Pariser Lagerhalle vor sich hingestaubt hatten.

Der Hund vor seinem Grab

Inzwischen sind sie von den hauseigenen Spezialisten wieder in Schuss gebracht worden. Allerdings sehr behutsam: Der Schmutz wurde entfernt, nicht aber die karamellartige Kruste aus Trenn- und Isoliermitteln, die man zu Lebzeiten Giacomettis aufgetragen hatte, um von den Gipsen Bronzeabgüsse machen zu können. Ebenso wenig wurden in Einzelteile zersägte Exemplare – auch das eine für den Gussprozess nötige Prozedur – wieder zusammengesetzt.

Mit anderen Worten: Man unterliess jeden Eingriff, der die Spuren des realen Künstleralltags abgewaschen hätte. Ein Vorgehen, das man sich leisten kann, wenn man auf fast 200 unbeschichtete und unzersägte Stiftungsplastiken zurückgreifen kann. Und ein cleverer Schachzug insofern, als man das Schaffen dieses bekanntesten Exponenten der Schweizer Kunstgeschichte damit aus einem Blickwinkel zeigen kann, der bisher kaum je eingenommen wurde.

Nehmen wir etwa den «Homme qui marche I», den jeder von der 100-Franken-Note her kennt. Statt mit vorgebeugtem Oberkörper durch den Raum zu schreiten, «schwebt» er jetzt im Bührle-Saal mit amputierten Beinen vor einer Wand, in Position gehalten durch eine eigens angefertigte Stützvorrichtung. Wo die Schenkel sein müssten, da ist – gar nichts. Sie sind im Depot geblieben. Weiter unten aber, als drittes Teilstück der Gussvorlage: die Füsse samt der Boden­platte.

Oder nehmen wir «Le chien», den Publikumsliebling im Giacometti-Bestand des Kunsthauses. Schwierig, sich nicht in dieses mit hängendem Kopf durch einen unsichtbaren Regenschauer trottende Tier zu verlieben; Marlene Dietrich war so entzückt, als sie es Ende der 50er im New Yorker Moma sah, dass sie Giacometti einen Strauss roter Rosen schickte. In Zürich steht der bronzene Hund nun gewissermassen vor seinem eigenen Grab: Zu seinen Pfoten wurde eine Vitrine eingerichtet, in der die in Einzelteile zerlegte, braune Gipsform des «Chien» – Torso, Beine, Schlappohr, Schwanz – ausliegt wie ein freigelegtes Fossil.

Etwas makaber mutet das an, wie schon zuvor beim «Homme qui marche», und man fragt sich: Was bringt das? Sicher, man begreift die Kunstwerke hier auf eine andere Art, kann sie nicht nur visuell, sondern auch technisch fassen. Andererseits ist da auch ein Hauch von Entzauberung: als hätte ein Magier seine Tricks verraten. Man sieht hin und begreift – und ist dann ein bisschen enttäuscht, weil das Geheimnis gelüftet ist.

Dazu kommt: So interessant diese Gipse auch sind – an die Klassiker, wie man sie kennt, kommen sie nicht heran. Als hätte Kunsthauskurator Philippe Büttner das geahnt, hat er den «neuen» Werken eine Staffage bereits bekannter Giacomettis zur Seite gestellt. Fast 250 Exponate sind so im Bührle-Saal zusammengekommen: Plastiken aus der Stiftung und Leihgaben, Gemälde (auch solche von Albertos Vater Giovanni), Arbeiten aus der kubistischen und surrealistischen Periode, meterhohe und winzig kleine Werke sowie solche aus Stein und Ton und Plastilin und sogar Holz, und es ist schlicht – zu viel.

Die Ausstellungsarchitektur tut, was sie kann, um Ordnung in diese Fülle zu bringen. Die Wände halten sich in Grautönen zurück; entlang der Mittelachse wurde eine Reihe von Kabäuschen errichtet, die man wie (Atelier)zimmer betreten oder durch Sichtfenster einsehen kann. Vitrinen und Nischen versammeln Gruppen ähnlicher Werke. Ein Statement in eigener Sache hat man am Ende des Saals gewagt, wo die komplett unverdeckten, raumhohen Fenster den Blick an Giacomettis Plastiken vorbei auf die Erweiterungsbaustelle vis-à-vis lenken. Hier die Vergangenheit, dort die Zukunft, will das sagen; und man muss zugeben: Das Rot der Kräne und das Blau der vorbeifahrenden Trams kontrastieren wunderbar mit den dezenten Farben der Giacometti-Welt.

Dem Meister hätte es wohl gefallen. Er mochte es schlicht und ohne Tamtam. Sein schäbig-abgerissenes Sakko war legendär; bisweilen passierte es, dass jemand den arrivierten Künstler für einen Clochard hielt und ihm eine Tasse Kaffee spendierte. Er soll dann jeweils herzlich gedankt haben, ohne sich weiter vorzustellen. Alberto Giacometti wollte so leben, «dass, wenn ich morgen mittellos dastünde, sich für mich nichts ändern würde». Sprich: ein paar Tassen Kaffee zum Frühstück, hart gekochte Eier mit Schinken und Brot zum Znacht, Wein, Zigaretten, bisweilen ein Besuch im Bordell.

Dazwischen: Arbeit. Viel Arbeit, obsessiv und kompromisslos und immer dieselben Themen umkreisend, ohne ihrer je überdrüssig zu werden – Balthus sagte: «Alberto könnte seine Teetasse anschauen und sie immer wieder wie zum ersten Mal wahrnehmen» –: die Wahrnehmung der menschlichen Figur im Raum. Und des Menschlichen an sich. Und dann natürlich die ganzen Spielformen der Haptik und der Materialität, die sich in dieser Ausstellung ganz besonders gut erfahren lassen: hier die schroffen Kanten der Tonfiguren, da die kühle Knubbeligkeit der Bronzen, dort die pudrige Fragilität der Gipse.

Der Schlüssel zur Ausstellung

So gesehen, ist der Titel der Schau, «Material und Vision», treffend gewählt – und auch das Ausufernde mit seinen Wiederholungen und seiner Überfülle erweist sich als sinnvoll. «Es fällt mir immer schwerer, meine Arbeiten fertig zu machen», sagte Giacometti, wenige Jahre bevor ihn die Folgen seiner chronischen Bronchitis ins Grab brachten. «Jede meiner Skulpturen, auch die scheinbar vollendete, ein Fragment, jede ein Versagen. Aber in jeder ist etwas von dem vorhanden, was ich eines Tages schaffen möchte. Das gibt mir unbändige Lust, mit meiner Arbeit fortzufahren – und eines Tages werde ich mein Ziel vielleicht doch erreichen.»

Hier liegt der Schlüssel für diese Ausstellung. Und dafür, weshalb es angezeigt ist, sich ihr zu stellen und sie sogar mehrmals zu besuchen. Giacometti interessierte das, was jeden von uns mehr interessiert als alles andere: wie wir selber sind, mit all unserem Hadern und Zaudern. Giacometti sah und zeigte den Menschen nicht idealisiert wie bei den Griechen, Römern, bei Michelangelo oder noch bei Rodin, nur wenige Jahrzehnte zuvor. Sondern entidealisiert: als lang gezogenen Lulatsch, schmächtig und abstrus proportioniert. Wer das anschaut, braucht sich seiner eigenen Unzulänglichkeit nicht zu schämen. Denn was da vor uns steht, ist wie wir: weit am Ideal vorbei, getrieben, rastlos, mitgenommen. Und in dieser Unvollkommenheit – vollkommen.

Bis 15. Januar. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.10.2016, 22:44 Uhr

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