Künstlerin contre cœur

Die feministische Underground-Pionierin Julie Doucet aus Kanada ist Stargast am Comix-Festival Fumetto in Luzern. Zu sehen ist Neues und ihre frühe wilde Phase.

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«Toc, toc!»: Draussen, ausserhalb des ersten Comicpanels, klopft sich der Sensenmann mit einem Knochen auf seinen weissen Schädel. Drinnen gibt sich eine junge Frau gerade der schwarzen Woge ihres Weltschmerzes hin. Ihre Augenbrauen krümmen sich wie fette Leichenwürmer über den verquollenen Augen, aus denen Sturzbäche strömen. Und schon naht die U-Bahn: «5–––4––3–2». Im nächsten Panel sieht man die Zahl «1»; und, «Zero Bang!», wirft sich die Verzweifelte der U-Bahn entgegen. Doch an der Tür des ersten Wagens wird sie abprallen. Dumm gelaufen.

Der Strip entstand 1987. In jenem Jahr erfand sich Julie Doucet als Cartoonistin. «Obsessiv gezeichnet habe ich von klein auf, und meine Mutter fütterte mich mit komischen Comics», erinnert sie sich im Gespräch, in dem sie sich so vorsichtig durch ihre Künstlerkarriere tastet, als sei diese Neuland für sie. Und vermutlich ist sie das auch: Doucet meisselt sich ihre Sicherheiten nicht in Stein; ein dünner, unruhiger Tintenstrich tuts auch. Sie ist keine, die mit Schablonen arbeitet oder sich an dem Branding festhält, das ihr den grossen Erfolg gebracht hat – als ­rotzige, authentische, düstere, feministische Underground-Zeichnerin. Ja, sie zieht ihren Stiefel durch. Aber dann zieht sie ihn auch wieder aus. Darum ist über die Jahrzehnte ein sehr hetero­genes Werk entstanden, dem jetzt am Comix-Festival Fumetto in Luzern eine erste Retrospektive gewidmet ist – mit gutem Grund empfohlen ab 16 Jahren.

Es war also Ende der Achtziger – «in jener freien Ära hoher Arbeitslosenquoten, als man nach dem Studium genauso gut auf Kunst wie auf einen guten Job setzen konnte», lacht Doucet –, als sie für ihren Zorn und ihre Traurigkeiten einen Underground-Groove entwickelte, der sie zum Big Shot der Szene machen sollte. Es ist ein wilder, wütender, schwarz schwärender Comicstil, die optische Übersetzung eines aus der Not geborenen, bitter selbstironischen Lachanfalls, eingekastelt in raffinierte Panel­aufbauten. Julie Doucets Geschichten sind grob, aber detailprall gezeichnet und machen eine klare, persönliche Ansage im Schwarz-Weiss-Grau.

Drogen, Sex, Versumpfen

Die 1965 in Montreal geborene Künst­lerin sucht darin sich selbst heim: erst in der autobiografischen Serie «Dirty Plotte» (1991 bis 1998) und 1999 in der gefeierten Graphic Novel «My New York Diary». Dort erzählt sie von den sechs Monaten im Jahr 1991, in denen sie ihre Freiheit und Anerkennung als Frau und Künstlerin erkämpfte. In nervös gestrichelten Strips läuft sie mal mit vollgeblutetem Slip durch die Strassen auf der Suche nach einem Tampax, alles ersäuft im Blut. Mal lässt sie sich buchstäblich von einer Bierflasche begatten. Fehlgeburten, Drogen, Sex und Versumpfen: Julie Doucet fahndet in dieser Phase unerbittlich nach ihren Wahrheiten und weiblichen Realitäten. Und Aline Kominsky-Crumb, Robert Crumbs Frau, die sich ­ihrerseits mit harten autobiografischen Comicbeats einen Namen gemacht hat, gibt der Kanadierin eine Plattform in ihrem Underground-Magazin «Weirdo».

«Heute muss ich sehr lachen über meine ‹Dirty›-Periode. Das war so inspiriert, so voller Rage und roher Energie. So jung! Aber», gesteht die Künstlerin, «um die Jahrtausendwende hatte ich ­davon die Schnauze voll.» Damals sei die Comicwelt noch ein ätzender Boys’ Club gewesen. Inzwischen sei die Szene ­ästhetisch wie personell viel offener und anregender; die neunte Kunst verschränke sich mit den anderen. Seinerzeit habe sie sich zudem kaum davon ­ernähren können und sei auch künstlerisch nicht vorangekommen. «Das Autobiografische wird mit der Zeit eine ­Masche; zu einfach. Man wird blind für die Welt.» Doucet liess Cartoons und Graphic Novels hinter sich und begann mit ex­perimentelleren Arbeiten, mit Collagen, Seidendrucken, Linol- und Holzschnitten. In «365 Days» (2007) zeichnet sie sich im Rückblick, beim ­Kriseln und Kotzen, beim Linolschnitte-Machen und Über-Comics-Motzen. Irgendwann wuchs sich der Comic-Zweifel zum regelrechten Kunstekel aus.

«Ich wusste nicht mehr, was das Gewesene soll», sagt sie heute. Zu einem Zeitpunkt, als sie ironischerweise recht gut von den alten Comics leben konnte, mochte sie keinen Stift mehr in die Hand nehmen und auch kein Papier. Es war der Terroranschlag auf «Charlie Hebdo» 2015, der sie ins Atelier zurückbrachte. «Ich habe die Zeichner teilweise gut gekannt, ihre Ermordung erfüllte mich mit einer tiefen Traurigkeit. Plötzlich wurde der Wunsch, etwas Schönes zu schaffen und dagegenzuhalten, übermächtig.»

Dada und Geometrie

Diesem Wunsch gibt sie seither nach, ­obwohl die Frage nach dem Sinn für sie unbeantwortet geblieben ist – eine Künstlerin contre cœur. «Es ist stärker als ich.» 2016 erschien ein Buch aus von ihr betexteten 50er-Jahre-Fotocomics, «Carpet Sweeper Tales». «Das Widerständige, Kryptische daran reizt mich», erklärt die Frau, die selbst am liebsten im Tapetenmuster verschwindet, sich hinter ihrer Brille versteckt und zum Film über sie nur sagt, die Dreharbeiten seien einfach schrecklich gewesen.

Lieber spielt Doucet mit dadaistischen Techniken, folgt dem Surrealismus des kanadischen Klangpoeten Claude Gauvreau, nutzt geometrische Formen. Sie hat ihre Liebe für die leisen Bilder des Hongkonger Zeichners Chihoi entdeckt und für die lauteren, rätselhaften Strips der jungen Finnin Amanda Vähämäki.

Trotzdem vertritt sie ihre feministischen Positionen noch heutzutage klar und deutlich – gegen den konservativen Rollback, den sie auch in Kanada beobachtet. «Wenigstens haben wir Justin Trudeau. Was in den USA passiert, ist eine Katastrophe. Mein Vater, der an der Grenze wohnt, erlebt täglich, wie Illegale, Afrikaner, Syrer, zu uns herüberkommen. Kanada ist nicht ganz so rassistisch wie die USA, zum Glück.» 1998 kehrte die Getriebene nach verschiedenen Stationen nach Montreal zurück – und die Stadt, die ihr einst geistig tot ­erschien, pulsiert jetzt als preisgünstige lebendige Künstlermetropole. Eine Sicherheit hat sie so endlich doch gewonnen: ihre Beheimatung am Mont Royal.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.03.2017, 18:07 Uhr

Fumetto 2017

26. Ausgabe

1. bis 9. April in Luzern und Emmen 10 Hauptausstellungen

Stargast Julie Doucet, akku Kunstplattform, Gerliswilstr. 23, Emmen.

Artist in Residence Judith Vanistendael, Hotel Schweizerhof Luzern.

Comic & Kunst Bertrand Lavier. Kunstmuseum Luzern, bis 28.5..

CH-Förderformat Fumettoschleuder Anne-Danielle Furrer (Anda). Comicbau 711, Gerliswilstr. 21, Emmen.
www.fumetto.ch


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