Menschheitstraum oder Maschinenhölle?

Das Vitra Design Museum erklärt, wie Roboter unser Leben verändern – eine grandiose Schau zwischen Untergang und Fortschritt.

Freund oder Feind? Roboter werden immer stärker unser Leben prägen – im Guten wie im Schlechten. Foto: PD

Freund oder Feind? Roboter werden immer stärker unser Leben prägen – im Guten wie im Schlechten. Foto: PD

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«Vertrauen Sie Robotern?», fragt der Knife-Hand-Chop-Bot. Eine Klinge blitzt auf und verlangt vom Besucher, die Hand mit gespreizten Fingern auf den Tisch zu legen. Die Messerspiel-Maschine treibt einem den Angstschweiss auf die Stirn – in Gedanken zumindest, denn sie läuft zum Glück nicht. Die Vertrauensfrage stellt sich, seit Karel Capek das Wort «Roboter» 1920 in einem Theaterstück erstmals verwendet hat. Seither ging es stets ums Ganze: um Utopie oder Dystopie, Fortschritt oder Untergang, Vertrauen oder Kontrollverlust.

Hundert Jahre später hat die Technik die Science-Fiction-Visionen eingeholt: vom Mars-Mobil über Chatbots bis zu den allgegenwärtigen Drohnen. Dass Letztere Menschen töten oder Pakete ausliefern können, zeigt: Nicht die technischen Fragen drängen, sondern die gesellschaftlichen, ethischen, philosophischen. Eben darauf fokussiert die grandiose Ausstellung im Vitra Design Museum in Weil am Rhein, die in Zusammenarbeit mit dem Museum für angewandte Kunst in Wien und dem Design Museum Gent entstanden ist.

Programmierte Arbeiter

14 Fragen führen als roter Faden durch das Thema, das die Kuratoren zwischen Kunst, Wissenschaft, Design und Architektur beleuchten. Die aufwendige Gesamtschau ergründet die Grautöne zwischen heller Begeisterung und düsterem Abgesang, auf die sich Science-Fiction oft versteift. Passend dazu ist der erste der vier Themenräume in schwarz getaucht, um von Metropolis bis Matrix der Populärkultur nachzuspüren.

Dabei differenziert sich das Bild, das viele von Robotern im Kopf haben. Humanoide Maschinen wie die Transformers aus den gleichnamigen Filmen oder auch der Star-Wars-Roboter R2-D2, der im Original zu sehen ist, machen nur einen kleinen Teil aus. Eine genaue Definition gibt es nicht, ein Roboter ist jedes Gerät, das die Umgebung mit Sensoren wahrnimmt, die Eindrücke verarbeitet und darauf reagiert. Also auch ein Tablet oder der Autopilot im Flugzeug.

Im nächsten Raum blendet das Neonlicht wie in einer Fabrikhalle, wo der Roboter in der Automobilindustrie seinen Aufstieg begann. Kaum eine Produktion, die die programmierten Arbeiter seither nicht umgewälzt haben. «Denken Sie, ihr Job könnte von einem Roboter übernommen werden?», fragt ein Schriftzug. Die Angst ist berechtigt, die Wahrscheinlichkeit aber nicht berechenbar. 1982 prognostizierte der Club of Rome in 40 Jahren hundert Millionen Arbeitslose, geschaffen durch die Mikroelektronik. Es kam anders.

Erneut sind wir aufgefordert, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Der Fotograf Edward Burtynsky dokumentiert chinesische Fabrikarbeiter, die zu Maschinen degradiert werden. Das Künstlerkollektiv Robotlab kehrt das Ganze um: Ein stählerner Roboterarm kritzelt ziellos Manifeste aufs Papier. Subversiv fragt die Installation nach dem Sinn und Zweck von Robotern, die ihm erst der Mensch geben kann. Der Intellekt lässt sich bisher nicht automatisieren.

«Glauben Sie an Tod und Wieder­geburt von Dingen?» Über dem dritten Kapitel schwebt eine Frage, die nicht so weit hergeholt ist, wie sie klingt. In Japan gibts Shinto-Begräbnisse für Aibo-Hunde. Seit Sony keine Ersatzteile mehr herstellt für die Haustierroboter, segnen auch sie irgendwann das Zeitliche, und ihre Besitzer müssen Abschied nehmen. Auch wenn Maschinen Empathie nur spielen – für den Menschen wirkt sie real. Schon das Tamagotchi hätschelten manche, als wäre es tatsächlich am Leben. Heute trösten kuschelige Roboterrobben vereinsamte Alzheimerpatienten, und das offenbar mit Erfolg.

Wer nun den Kopf schüttelt, denkt eine Vitrine weiter nochmals nach. Das Gerät Leka hilft autistischen Kindern, sich der Welt mitzuteilen. Subtil verdeutlicht die Ausstellung, wie willkürlich wir Technologie in gut oder schlecht einteilen. Und wie schnell wir uns in eine neue vergucken. In der Fotoserie «Removed» porträtiert Eric Pickersgill Menschen, die auf ihre leeren Handflächen starren und ihr Umfeld ignorieren. Die Smartphones hat er wegretouchiert.

Science-Fiction-Architektur

Von der endgültigen Verschmelzung von Mensch und Maschine handelt der letzte Ausstellungsteil, der bange fragt: «Tritt der Roboter an die Spitze der Evolution?» Schon heute werden Natur und Technik eins, etwa mit Prothesen. Künftig sollen Roboter in unsere Blutbahn, unser Gehirn, unser Bewusstsein eindringen, prophezeien Technikgläubige. Am Ende der Entwicklung sehen sie die Singularität: den Moment, an dem die künstliche Intelligenz den Menschen überholt. Und so landet die Ausstellung am Schluss, wo sie angefangen hat: bei Science-Fiction.

Wie sich manches im Kreis dreht, veranschaulicht auch die Baukultur. Greg Lynn entwirft einen Kokon, dessen Oberfläche die Bewohner dank einem Drehmechanismus rundum nutzen können. Willkommen im Space-Age der Mondlandejahre! Die Zukunftsträume entpuppen sich als Nostalgie. Die Vergangenheit ist indes ein schlechter Indikator für die Zukunft. Daran erinnert der Pavillon, den die Uni Stuttgart vor dem Museum aufgebaut hat. Ein Roboter wickelte Glasfasern zu pilzförmigen Stützen, die sich zu einem Dach auffächern. Richard Buckminster Fuller wäre nie auf die Idee gekommen, so zu bauen, als er vor 50 Jahren seine Kuppeln entwarf, von denen ein Exemplar auf dem Vitra-Campus steht. Dabei war er seiner Zeit um Jahrzehnte voraus.

«Hello, Robot», bis 14. 5. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.02.2017, 18:15 Uhr

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