Nacktwanderer-Bild bringt Fotografen um Sieg

Eigentlich stand der Sieger am Swiss Photo Award schon fest. Warum sich die Jury in letzter Minute noch umentschieden hat.

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Tumult beim diesjährigen Swiss Photo Award: Kurz vor der Verleihung der Preise hat die Jury entschieden, einen der Preise nicht dem ursprünglich vorgesehenen Fotografen zu verleihen. Konkret wird der «Tages-Anzeiger Kategorienpreis in Reportage» nicht an Roshan Adhihetty gehen, sondern an Christian Bobst für seine Serie über senegalesische Wrestler. Dies gab Romano Zerbini, Leiter des Swiss Photo Awards, in einer Medienmitteilung bekannt.

Als Begründung für den Entscheid nennt Zerbini digitale Eingriffe, welche Roshan Adhihetty an einem seiner Fotos von Nacktwandern vorgenommen hatte. Dies war der Jury zum Zeitpunkt des ursprünglichen Entscheids nicht bekannt gewesen; erst während eines Ausstellungsrundgangs mit den Nominierten waren die Jurymitglieder von Adhihetty selber über seine Arbeitsweise an der Serie informiert worden. Diese Änderungen entsprächen nicht den journalistischen Prinzipien, die von einer Arbeit in der Kategorie Reportage verlangt seien, heisst es in der Mitteilung weiter.

Eine senegalesischer Wrestler: Foto aus der Siegerserie von Christian Bobst.

Wegretuschieren in der Kategorie Reportage fatal

Der Entscheid schmerze, sagt Jury-Mitglied und «Basler Zeitung»-Bildchefin Melody Gygax gegenüber TA. «Wir sind nach wie vor der Meinung, dass Roshan Adhihettys Arbeit hervorragend ist. Aber wenn er, ohne es auszuweisen, Personen wegretuschiert, eine Pixelveränderung vornimmt, ist das in der Kategorie Reportage fatal. Dieser Bereich unterliegt den ausgesprochenen Regeln, dass der Fotograf nicht manipuliert.» Offiziell wurde Adhihetty nicht disqualifiziert; seine Bilder hängte er dennoch bereits vor der Eröffnung der Show ab.

Für seine Serie begleitete Roshan Adhihettys zwischen 2014 und 2016 mehrere Gruppen von Nacktwanderern in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die dabei entstandene Reihe zeigt die Wanderer, wie sie auf ihren Ausflügen die Aussicht geniessen, für Fotos posieren oder rauchend pausieren. Der 26-jährige Fotograf wollte mit den Fotos die Fragen stellen: Ist Nacktsein ein Recht? – Das Foto, das zur Aberkennung des Preises führte, zeigt mehrere Nacktwanderer beim Baden in einem See. Vergleicht man Adhihettys Ursprungsbild mit jenem, das er am Wettbewerb einreichte, erkennt man: halb hinter einem stehenden Mann verborgen, bückte sich auf der ursprünglichen Aufnahme eine weitere Person.

Roshan Adhihetty sagt gegenüber TA, er können den Entscheid der Jury nachvollziehen. Dass es für die Kategorie Reportage solche Regeln gebe, sei er sich jedoch nicht bewusst gewesen. «Das steht nicht im Reglement. Zudem habe ich von Anfang an mit offenen Karten gespielt: Diese Arbeit ist zwischen Reportage und Kunst angesiedelt; im Projektbeschrieb habe ich geschrieben, dass die Bilder inszeniert sind.»

Entscheid für den Wettbewerb und den Fotografen

Es scheint schwierig, die Grenzen zwischen Inszenierung und unerlaubtem Retouschieren zu ziehen. Melody Gygax jedenfalls akzeptiert den Einwand nur bedingt. Die Wettbewerbsteilnehmer hätten eine Holschuld: «Ein Fotograf muss sich zwingend mit der Thematik Reportage auseinandersetzen; muss sich fragen, ob sie die richtige Kategorie ist.» Dennoch räumt Gygax ein, dass man sich künftig tatsächlich über deutliche Regeln für die Kategorie Reportage Gedanken machen müsse. Es sei elementar, dass jetzt eine Diskussion entsteht. Dem pflichtet TA-Bildchef und Fotograf Koni Nordman bei. Er spricht von zwei Problemen: Erstens werde die Option der Bildbearbeitung mit den technischen Fortschritten für den Fotografen immer verführerischer. Zweitens sei der Begriff Reportage sehr breit. «Im Umfeld einer journalistischen Reportage ist die Bildmanipulation auf jeden Fall ein absolutes No-Go.» Mit der Publikation manipulierter Fotos verspiele ein Medium seine Glaubwürdigkeit.

Wettbewerbe wie der «World Press Photo Award» führen im Regelwerk explizit auf, der Inhalt der Fotos dürfe nicht verändert werden. Dies bewahrte den renommierten Preis in der Vergangenheit aber nicht vor Kontroversen. 2013 sorgte das Siegerbild des schwedischen Fotografen Paul Hansen für Diskussionen. Hansen wurde beschuldigt, sein Foto eines Trauerumzugs in Gaza-Stadt mit dem Programm Photoshop aus drei verschiedenen Aufnahmen zusammengesetzt zu haben. Die Anschuldigung stellten später als haltlos heraus.

Eine Kontroverse verhindern will auf jeden Fall auch die Jury des Swiss Photo Award. Mit dem Entscheid, Adhihetty den Preis nicht zu geben, wolle man sowohl den Wettbewerb als auch den Fotografen vor Schaden bewahren, betont Melody Gygax. «Wir täten Roshan Adhihetty keinen Gefallen, würden wir ihm den Preis dennoch verleihen.»

Nacktwanderer kommen als Buch heraus

Den Swiss Photo Award gibt es seit 19 Jahren, er gehört zu den renommiertesten Fotopreisen der Schweiz. Jedes Jahr kürt eine Jury Gewinner in sieben verschiedenen Kategorien, darunter Architektur, Reportage und Werbung. Die Sieger erhalten ein Preisgeld von 5000 Franken. Geld, das der junge Fotograf Adhihetty bestimmt gut hätte gebrauchen können. Aber er konzentriert sich jetzt auf die Zukunft: Seine Nacktwanderer erscheinen Anfang April als Buch im Zürcher Sturm&Drang-Verlag. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.03.2017, 20:14 Uhr

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