Schöne Rücken, wenig Rückgrat

War Francis Picabia genial oder einfach nur ein ausgebuffter Geschäftsmann? Das Kunsthaus Zürich widmet dem französischen Maler eine Retrospektive mit Dada-Fokus.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Smoothies sind ja grade sehr in. Man nimmt alles, was gesund ist, schmeisst es in einen Mixer und drückt den Knopf. Und schmecken tut das dann, am Ende, erstaunlich gut. Francis Picabias Kunst funktioniert ganz ähnlich. Statt Obst und Gemüse nahm er einfach die verschiedenen Ismen, mixte sie kräftig durch – und heraus kam eine recht bekömmliche Malerkarriere.

Während der Smoothie-Hype aus den USA zu uns rübergeschwappt ist, verhält es sich mit der aktuellen Picabia-Ausstellung im Kunsthaus Zürich genau andersrum: Im Herbst wird sie nach New York weiterreisen, ins Moma. Damit exportiert das hiesige Kunsthaus heuer schon die zweite Eigenproduktion über den Atlantik: Die kleine, aber knackige «Dadaglobe Reconstructed»-Schau, die hier bis Anfang Mai zu sehen war, wird in wenigen Tagen in New York eröffnet.

Tatsächlich ist Francis Picabia, der gebürtige Pariser mit dem klingenden Nachnamen seines kubanischen Vaters, in den USA bekannter als hier. Liegt es daran, dass man ihm hüben seine uneindeutige Haltung während des Vichy-Regimes nie recht verziehen hat? Oder einfach, weil man die stilistische Polygamie drüben weniger eng sah? Jedenfalls klettert im Bührlesaal nun ein obenrum bluttes Pin-up auf den Schoss einer riesigen ozeanischen Figur.

Frech, wie er nun mal war

Zweitrangig, was uns der Künstler damit sagen will. «Meiner Natur treu», stellte Picabia noch 70-jährig klar, «male ich, was mir gefällt.» Man kann diese Herangehensweise an die Kunst selbstbewusst nennen. Oder, weniger schmeichelhaft, egoistisch. Picabia hätte das nicht bestritten. Schon als Teenager soll er, um seine Briefmarkensammlung zu finanzieren, hinter dem Rücken des Vaters dessen Kunstsammlung Stück für Stück durch selbst gemalte Kopien ersetzt und die Originale verscherbelt haben. Ein Näschen für den Profit, kalauert man angesichts der Werbeblache an der Kunsthausfassade, die eine riesige Nase auf schwarzem Grund zeigt. Oder doch einen erigierten Penis? Eindeutig ist nur der Titel des Werks: «Égoisme».

Es ist dies, nach der Retrospektive von 1984, Picabias zweites Solospiel am Zürcher Heimplatz. Wobei der Fokus diesmal, mitten im Jubiläumsjahr, natürlich auf Dada gelegt wurde. Und da gibts bei dem Franzosen gleich in mehreren Disziplinen etwas zu holen: Haarnadeln, Lockenwickler und Streichhölzer genügten ihm, um ein «Portrait de femme» zu kreieren; «Littérature» fiel – auf dem Cover der gleichnamigen, in den 1920ern von André Breton herausgegebenen Publikation – aus der vornüber gekämmten Haarpracht einer drallen Brünette. Und ein Ballett durfte bei ihm durchaus eine Schubkarre sowie sich auf der Bühne aus Fracks schälende Tänzer beinhalten. («Relâche» wurde, zur Musik von Scherzkeks Erik Satie, 1924 im Théâtre des Champs-Elysées uraufgeführt; das Publikum soll getobt haben, heisst es.)

Das alles ist, wenn man spitzfindig sein will, natürlich kein «reiner» Dada. Picabia selbst nannte es denn auch Superrealismus bzw. Hyperpoesie – oder, auf einem Cover seiner selbst verlegten Zeitschrift «391»: Instantanismus. «Der Instantanist», liest man da, sei «ein Wesen», das erstens «aussergewöhnlich und zynisch» sei und zweitens «weder das Gestern noch das Morgen» wolle, dafür aber «Freiheit für alle». Als habe Picabia diese Charakteristiken auf die Kunst übertragen wollen, schuf er ein «Gemälde», das in erster Linie aus Luft besteht: In einen leeren Bildrahmen spannte er vier Schnüre, an denen kleine Pappstücke haften; anno 1919 eine Frechheit von einem Kunstwerk.

Im Türrahmen eingeklemmt

Das Kunsthaus präsentiert die Leihgabe aus dem Centre Pompidou eingeklemmt in einer Art Türrahmen, sodass man das Werk sowohl von vorn als auch von hinten betrachten kann – und markiert damit auch gleich jenen Moment, in dem Picabia sich vom stilistischen Trittbrettfahrer zum eigenständigen Künstler mauserte. Frech, wie er nun mal war, hatte er zuvor mit dem Impressionismus, dem Pointillismus, dem Fauvismus sowie dem Kubismus geflirtet (mit durchaus virtuosen Resultaten, muss man zugeben), weil er wusste, dass sich damit am besten Geld verdienen liess. Von jeder dieser künstlerischen «Liebeleien» hat Kuratorin Cathérine Hug nur jeweils eine Kostprobe in den Bührlesaal gehängt. Mehr brauchts aber auch nicht, um am anderen Ende der Schau den späten Rückfall Picabias zum Kopistentum zu verstehen: Man macht Botticelli, Ingres, Velázquez und natürlich Picasso aus – und erkennt hier das (kubistisch-poppige) Konterfei von Marlene Dietrich, da jenes von Gertude Stein (in erdig-grobem Realismus).

Er machte es mit Promis und mit Intellektuellen gleichermassen, dieser Picabia, hatte weder Angst vor der Low Art avant la lettre noch vor Kitsch oder inhaltlichen Luftblasen. (Der Nächste, der das in derselben Konsequenz durchziehen sollte, war Andy Warhol. Und dann Jeff Koons.) Und wie bei allen genialistischen Ex- und Egozentrikern kann man auch bei Picabia nicht anders, als in eine inbrünstige Hassliebe zu verfallen. Weil man, trotz all der grossartigen Kunst, das Gefühl nicht loswird, einem grossen Bluff auf den Leim zu gehen. Doch wie drückte es Picabia aus? «Moral ist das Rückgrat der Schwachsinnigen.»

Bis 25. 9. Katalog: 368 S., ca. 65 Fr. Parallel zur Ausstellung im Kunsthaus zeigt die Zürcher Galerie Haas «Francis Picabia: Arbeiten 1909–1947», bis 23. 7. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.06.2016, 18:23 Uhr

Artikel zum Thema

Das neue Kunsthaus steht schon – ein bisschen

Nachdem die Turnhallen am Pfauen verschwunden sind, ist das Fassadenmodell des geplanten Erweiterungsbaus gut sichtbar. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Berufsbegleitend. flexibel. digital.

Berufstätige wollen zunehmend zeit- und ortsunabhängig studieren.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Die Frisur muss sitzen: Ein Sadhu wickelt sich vor dem Pashupati Tempel in Kathmandu sein verfilztes Haar um den Kopf (24. Februar 2017).
(Bild: Narendra Shrestha) Mehr...