33 Revolutionen pro Minute

Vinyl lebt: Erstmals gaben Britinnen und Briten mehr Geld für Schallplatten aus als für digitale Musik. Wie ist dieser Trend zu erklären?

180 Gramm, 30 Zentimeter, 2 Seiten. Was will man mehr? Foto: iStockphoto

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Die Schallplatte starb offiziell Anfang der 90er. 1982 war dieser neue silberne Tonträger aufgetaucht, die Compact Disc. Das digitale Medium versprach eine bessere Tonqualität und erst noch viel mehr Platz. Schon nach wenigen Jahren übertrafen die Verkaufszahlen der CD jene der Platten, 1990 kauften die Menschen bereits doppelt so viele CDs wie Platten. Spätestens da war für die wichtigsten Firmen der Phonoindustrie klar: Vinyl ist tot.

Oder vielleicht doch nicht? Zwar verlor die Schallplatte den Status des Leitmediums, sie verschwand aber trotzdem nicht; nie ganz. Während mehr als eines Jahrzehnts hielt sich Vinyl als Tonträger für Liebhaber und DJs. In diesen Kreisen betrachtete man die Compact Disc eher mit Argwohn, Vinyl sprach man einen volleren Sound zu, ein runderes Hörerlebnis. Derweil entwickelte sich die Technologie immer schneller weiter: Bald schon löste die Digitalisierung die CD ab, popularisiert durch die Komprimierung und das Abspielen auf MP3-Geräten. Die Musik von heute klingt über Nullen und Einsen.

Was für eine Wende

Und nun dies: Letzte Woche überstiegen die Verkaufszahlen von Schallplatten in Grossbritannien erstmals die Ausgaben für digitale Downloads: 2,4 Millionen Pfund gaben Britinnen und Briten für Vinyl aus, 2,1 Millionen Pfund für digitale Musik. Das ist ein Trend, kein Einzelwert. Die Verkaufszahlen von Vinyl steigen seit gut acht Jahren weltweit wieder stetig an. Die Statistiken des Weltverbands der Phonoindustrie (IFPI) zeigen, dass der Absatz in Ländern wie den USA, Italien, Japan zwischen 50 und 80 Prozent zulegte. In der Schweiz ist die Zahl der umgesetzten Schallplatten seit 2006 von 20'000 auf über 150'000 gestiegen.

Mit einem Anteil von gerade einmal 2 Prozent an aller weltweit verkauften Musik ist Vinyl noch immer ein Nischenmedium. Bemerkenswert ist das Plattenrevival dennoch. Längst sind es nämlich nicht mehr nur kleine Indielabels, die ihre Musik aus Nostalgie auf Vinyl herausbringen. Auch die grossen Plattenfirmen haben das Medium neu entdeckt. Sie veröffentlichen jüngere Künstler wie Adele oder Bon Iver.

Das wirft Fragen auf. Weshalb verkauft sich dieses alte Medium wieder so gut? Und weshalb ist gerade die Generation der Digital Natives Vinyl so angetan? Vinyl passt gut in den Retrotrend der vergangenen Jahre, könnte man sagen. Schliesslich mag man ja auch Sofortbildkameras, Handwerk und Schrebergärten.

Musik wurde zur Massenware

Aber da muss mehr dran sein. Vielleicht hat alles mit Status zu tun. Gab es nicht früher den Stolz des Fans, der auch diese eine rare Single besass und das legendäre Livealbum als Bootleg? Eine Plattensammlung im Wohnzimmer ist ein Statement. Ebenso die Auswahl der Platten. «London Calling» von The Clash? «Meddle» von Pink Floyd? Das neue, limitierte Livealbum von Kate Bush?

Vielleicht hat es aber vor allem damit zu tun, wie wir heute mit Musik umgehen. Die Digitalisierung hat Musik zur Massenware banalisiert. Auf unseren MP3-Spielern haben wir Tausende Lieder zur Auswahl, auf den Streamingdiensten sind es Millionen. Das aber überfordert uns. Wir hören kaum ein Lied zu Ende, geschweige denn ein ganzes Album. Die Schallplatte wählt für uns aus: zwei Seiten, zwei Handvoll Lieder.

Streams und MP3 haben Musik zudem zu etwas Flüchtigem gemacht. Wer Vinyl kauft, sehnt sich vermutlich nach dem Musikhören als Gesamt­erlebnis. Einem, zu dem mehr als ein Mausklick oder eine Wischbewegung auf dem Tablet gehört, nämlich etwas Haptisches: Wir holen die Schallplatte aus der Hülle: 180 Gramm, 30 Zentimeter Durchmesser. Wir legen sie auf den Plattenspieler, heben den Tonarm, setzen die Nadel in die Rille, drücken auf Start. Und während es knistert, studieren wir zum hundertsten Mal das faszinierende Bild auf der Plattenhülle. Und die Musik dreht sich immer weiter. Mit 33 Revolutionen pro Minute.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.12.2016, 23:03 Uhr

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