70% Wasser – 30% Wahnsinn

King Pepe geht es nicht so gut. Er hat ein Album voller Weltschmerz aufgenommen. Die Welt müsste den Berner dafür umarmen.

 42 Minuten Leid-, Love- und Lachgeschichten: Das neue Album von King Pepe & Le Rex.

42 Minuten Leid-, Love- und Lachgeschichten: Das neue Album von King Pepe & Le Rex. Bild: zvg

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Es ist noch gar nicht lange her, da wurde in dieser Zeitung gemutmasst, wozu dieser King Pepe eigentlich prädestiniert wäre. Es sei nur eine Frage der Zeit, dass ihn diese Stadt als lässigsten Chansonnier erkennen, preisen und feiern würde, waren wir überzeugt. Auch dass er bald an Bahnhoferöffnungen spielen wird, dass Brunnen für ihn gebaut werden, sogar Kreisel vielleicht. Nach dem Durchhören seines neuesten Albums «70% Wasser» muss man feststellen: Die Feierlichkeiten werden wohl einmal mehr abgeblasen und vertagt. Nicht dass dieses Album schlecht wäre. Nein, um Himmels willen. Es ist womöglich sogar das sagenhafteste Berndeutsch-Album der letzten Jahre. Doch es ist halt wieder einmal mit ihm durchgegangen, mit dem King Pepe. Er hat Lieder geschrieben, die der herkömmliche Kreiselbenutzer und Brunnenbetrachter so nicht goutieren kann.

Traurig, hoffnungslos, irrsinnig

Zu traurig sind sie irgendwie. Zu hoffnungslos. Und wenn sie nicht zu traurig und zu hoffnungslos sind, dann sind sie zu irrsinnig. Da gaukelt dieser King Pepe uns zwar immer wieder vor, so ein bisschen einer von uns zu sein. Zum Beispiel wenn er eine Anhimmelung anstimmt an Nadeschda Tolokonnikowa. Das ist die von Pussy Riot. Die Schöne. Doch irgend­wie will es nicht klappen mit der Ode, zu der die Massen das Feuerzeug in die Luft recken. Immerhin beginnts schön: «Nadeschda, i ha ne Maske glismet für di, mit Löcher drin», singt Pepe mit bedrückter Stimme, um kurz darauf in folgende niederschmetternde Zeile zu münden: «Nadeschda Tolokonnikowa, chönnt i mau dis Läbe ha? Weisch, mis isch öd und inne hou und allgemein nid relevant. Bi säute delinquänt, nüt mit Gfängnis. Stadt, Kanton, Kulturprozent.»

Nie wurde das Dasein als kulturbatzenbedürftiger Berner Musikant betrüblicher umrissen. Und dass des Königs Selbstwertschätzung empfindlich ramponiert ist, dafür gibt es auf diesem Album noch weitere erschütternde Zeugnisse: Etwa das: «I bi viu z lang i d Vouksschuel gange», dichtet King Pepe einmal. «I ha grächnet, und gläse hani o / und Ufsätz gschribe und Projekt verfasst / und bi trotzdäm nienä aacho.» Das ist natürlich zünftiger Stoff. Und gerade deshalb wächst er einem halt ans Herz, dieser sonderbare, durchs Leben eiernde Weltbetrachter, mit dem man hier 42 Minuten lang Leid-, Love- und Lachgeschichten durchmacht. Bis ­einem ganz anders wird. Verdienter Adelstitel

King Pepe, das ist der Texter, Musiker und Schauspieler Simon Hari, und es ist auf diesem Album ganz besonders auch die Abenteuer-Blaskapelle Le Rex. Sie rollt diesen Liedern einen holprigen und wunderlich geknüpften Teppich aus: Metallharmonie-Melancholie folgt auf Polka-Gepolter, mal potenzieren die Berner King Pepes Elend mit flotten Blockflöten, schrecken auch vor einem Melodica-Solo nicht zurück, rollen ihm einen fetten Blaskapellen-Beat zur Verdauung zu oder quälen ihn mit kurzen, aber heftigen Free-Jazz-Schockeinlagen. Zuweilen gehen da im Hintergrund musikalisch dermassen spannende Dinge ab, dass man sich wünscht, der Pepe möge kurz innehalten mit dem Versenden von Weltschmerz. Und öfters klingt es ein bisschen so, als begegne man dem Stahlberger, der in der Fussgängerzone mit der Heilsarmee angebandelt hat. Doch die Band begeht selten bis nie den Fehler, Pepes Humor ihrerseits mit musikalischem Gauditum zu akzentuieren.

Dann gibt es schliesslich auch noch den King Pepe, der seinen Adelstitel mit Stolz und Würde trägt. Der tätowierwürdige Lebensklugheiten raushaut wie: «Doof isch ändlos – Schönheit ender nid» oder «Someone falls in love and someone from a tree». Im heimlichen Hit «Goldfisch» befindet sich König Pepe dann gar im Liebestaumel, ja im Zustand höchster Erregung. Und was er hier an Poesie­geschossen zündet, gehört zum Schönsten, was je über den Beischlaf in Musiktext gegossen worden ist: «Ig chönnt schtundelang im Bett umenang / mit dir und enang i d Ougä luägä / weisch so fasch chly wie imnä Film / aber nid so wi imnä Pornofilm / u i dire Hüft wohne ä Hufä Lüt / wo use wette a di früschi Luft.» Steigerung unmöglich. Der Mensch besteht zu 70% aus Wasser. Die restlichen 30% sind bei King Pepe purer Wahnsinn.

(Der Bund)

Erstellt: 27.11.2014, 14:44 Uhr

King Pepe: «Doof isch ändlos»

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