Am Hosenstall des Rock ’n’ Roll

Amore für alle und zum Mitsingen: Die Sensationsband Wanda aus Wien hat im Zürcher Volkshaus gespielt. Gut? Naja. Vielleicht litt die Band auch nur an Kopfschmerzen.

Sex, Drugs & Gemütlichkeit: Marco Michael Wanda, «Frontmann» von Wanda. Foto: Marc Müller (Keystone)

Sex, Drugs & Gemütlichkeit: Marco Michael Wanda, «Frontmann» von Wanda. Foto: Marc Müller (Keystone)

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Diese Band ist, wie man in Wien vielleicht gar nicht sagt, eine Pein im Oarsch. Ihre Lieder lassen sich nicht abschütteln oder wegduschen, das weiss jeder, der nur schon den Hit «Amore» gehört hat, und ihre Boheme kommt in Form von authentisch fliegendem Schweiss, rolligen Gesängen und einer Alkoholfahne in den Saal. «Wanda in ­Zürich, oh yeah», ruft Marco Michael Wanda, er ist noch das, was man früher einen «Frontmann» nannte, weil man «Frontsau» nicht sagen durfte. Eher charismatisch als talentiert, steht er rauchend und trinkend dieser Band vor, die in wenig mehr als einem Jahr aus dem Gonzo, wo sie ihren ersten Zürcher Auftritt hatte, ins Volkshaus aufgestiegen ist. Es ist Mittwochabend, das erste grosse Konzert von Wanda in der Stadt, es ist ausverkauft. Die Einigkeit ist gross über diese Burschenschaft aus Wien – im Parkett begegnen die späten Stadt­hipster einer Vorhut aus der Dorfdisko.

Aber schliesslich bleibt es halt doch Gonzo-Rock, was Wanda spielen; da können sich die Wanda-Versteher die schwieligen Sex- und Sauflieder, die da im Dunstkreis von «Amore» die Hitparaden vermüffeln, noch so als «Rebellion gegen gesellschaftliche Konventionen» schönhören (wie es dem Feuilleton der «Zeit» passiert ist). Schon klar, Zigaretten und Bierfürze sind in einer aus Laufbändern gebauten Welt so gestrig, dass sie schon wieder subversiv riechen. Und dabei war von den Umtrieben noch nicht einmal die Rede, die diese kleine Rockrebellion après la lettre mit Opium pflegt und mit Cousinensex!

Band mit Kopfschmerzen

Aber gemach, niemand erwartet ein politisches Programm von fünf jungen, in Lederjacken schwelgenden Herren, die «Durscht» auf «Wurscht» reimen. ­Erstaunlicher ist, wie kraftlos Wanda ihr romantisches Manifest von wegen «Amore», «Schnaps» und «Bussi» vertreten, wie schmallippig die Selbstverschwendung an diesem Abend klingt. Vielleicht hat sich die Band schon zu lange auf Tourneen verausgabt, vielleicht fehlt ihr auf der grossen Bühne des Volkshauses auch nur der osmotische Schwitzkontakt zum Publikum. Wie dem auch sei: Dieser Rock ’n’ Roll, dokumentiert auf zwei erfolgreichen Platten, ist derart simpel gestrickt mit seinen kurzen Strophen und hastig einsetzenden Refrains, mit seinen purzelnden Gitarren und durchpaukenden Trommeln, dass er nur glänzen kann, wenn ihn die Band mit Schärfe spielt und Schmelz.

Beides fehlt den Musikern, wenigstens an diesem Abend. Die Lieder dümpeln bei mittlerer Lautstärke, in mittlerem Tempo und in mittlerer Virtuosität, und sogar in «Amore», dem Hit über zündenden Sex in Bologna, erliegt die Ekstase schon bald dem sperrigen Spiel einer Band, die vielleicht auch nur unter Kopfschmerzen leidet. Was sich damit nun einstellt, ist noch nicht einmal der Eindruck heftig überschiessenden Testosterons; sondern bloss eine zu allem entschlossene Festzeltseligkeit: Sex, Drugs & Gemütlichkeit. «Eins, zwei, drei, vier / Es ist so schön bei dir.»

Wanda spielen da, wo Rock ’n’ Roll und Schlager zum Engtanz finden, wo sie sich endlich an ihren Hintern zu fassen kriegen und zweisam davon träumen, dass das Leben im Lotterbett und am Masskrug nie aufhören möge. Was nicht heisst, dass diese Musik allzu schlecht klingen müsste, denn schliesslich sehen sich die Wiener ja durchaus in der Austropop-Tradition von Falco, der sehr gut darin war, sich zwischen Rockschmiere und Schlagerglitter keine Blösse zu geben. Es gibt sie auch bei Wanda, die souverän zwischen Schlager und Schmäh hingeschnackelten Verse: «Du wirst von Sternen high», heisst es in «Bussi Baby», «ich bin da nicht so frei.» Schade nur, dass der Vorsänger schon in der nächsten Zeile erklärt, was man sich fast hat denken können: «Ich brauch schon Schnaps oder irgendwas.»

Und jetzt alle nach Bologna

Und schon sind wir zurück in der Selbstfeier eines Sängers, die sich für verschwenderisch hält. Wenn Wanda vorgibt, Pistolenläufe zu saufen und sein Glied «der Diktatur deines Mundes, Baby» zu unterwerfen, kann man darin sehr wohl ein «letztes verzweifeltes Schwanz-Rausholen» hören, wie die ­Autorin Stefanie Sargnagel schrieb. So gesehen wären Wanda die hoffnungslos verspäteten Hemingwayaner, die sich noch einmal und bis über den pornografischen Schmerzpunkt hinaus an ­einer alten, wahrhaftigen Männlichkeit abarbeiten. Nun, das Ergebnis ist bieder, harmlos und an besseren Tagen als in Zürich vielleicht sogar unterhaltsam genug, damit sich viele Menschen für einen Abend und viel Amore aus ihrem korrekten, komplizierten Leben nach Bologna davonstehlen können.

Und das ist der Punkt, an dem die Musik von Wanda wenn schon nicht politisch, so doch antipolitisch wird. Denn mehr als eine Flucht in den privaten Rauschkokon hat diese Rebellion nicht zu bieten. «Keine Macht für niemand», ruft Wanda den historischen Slogan der Punkband Ton Steine Scherben. Doch weil diese Worte heute keinen anarchischen Schlachtruf mehr bilden, sondern eine neoliberale Politik beschreiben, oh yeah, bleibt Wanda nichts als ein Wort zum Trost: «Keine Macht für niemand! Aber Amore für alle!» Oder wie es an anderer Stelle heisst: «Solange ich bei dir bin, ists egal.»

Und genau so, wie sich Anarchie in Kapitalismus verwandelt hat, ist aus Bologna eine Stadt nicht mehr der Liebe, sondern des Leistungsnachweises geworden. Darum heisst «Amore», der Hit, auch nicht «Amore», selbst wenn das dieser Text behauptet hat. Er heisst vielmehr wie das gleichnamige System: «Bologna» – wie natürlich alle gemerkt haben, die bis hierhin gut aufgepasst haben.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 18.02.2016, 19:43 Uhr)

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