Bei Anruf Gaga

Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 16.03.2010 10 Kommentare

Lesben-Fantasie, sexistisches Machwerk oder «Thriller»-Nachfolger? Was wirklich dran ist am gemeinsamen Videoclip von Lady Gaga und Beyoncé.

Feministisch oder sexistisch? Im Videoclip «Telephone» geben sich Lady Gaga und Beyoncé dem stilvollen Morden und Strippen hin.


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«I’m too sexy for my shirt», sang ein Männerduo in den 90ern. Vielleicht ist Lady Gagas neuster Videoclip «Telephone» ja auch eine Referenz dazu. Wir sehen nämlich, wie die schrille Sängerin ins Gefängnis geworfen und brutal entkleidet wird. Warum sie hinter Gittern gelandet ist? Wissen wir nicht genau, wahrscheinlich weil sie ein Freak ist. Jedenfalls sind die anderen Insassinnen auch alle unterbekleidet und durchgeknallt. In dieselbe Kategorie fällt Beyoncé, Lady Gagas Duett-Partnerin in «Telephone».

«Ich sagte doch, dass sie keinen Schwanz hat», so eine Wächterin, die Gaga auszieht – ein Seitenhieb auf Presse-Gerüchte, die Musikerin sei ein Zwitter. Spätestens jetzt ist klar: Wir haben es mit einer mehrschichtigen Werk zu tun. Abwechselnd mit (fast) entblössten Geschlechtsteilen, fliegen einem popkulturelle Zitate um die Ohren, dass einem schwindlig wird.

Cleveres Girl

Journalisten und Blogger arbeiten mit Hochdruck an der Entschlüsselung des Clips, der bei Youtube in den letzten Tagen bereits 15 Millionen Mal angeschaut wurde. Kruder Exploitation-Porno - oder doch eher ein sinnlich-naives Stück Americana à la Russ Meyer? Weil die Produktion ganze neun Minuten lang ist und Gruppen-Choreografien sowie erzählerische Passagen ohne Musik enthält, wird sie von einigen auch bereits als Nachfolger von Michael Jacksons «Thriller» gesehen (was freilich nicht für die Musik gelten kann: «Telephone» ist ein dröger Techno-Pop-Bastard, der nicht einmal innerhalb Gagas Repertoire herausragt).

Das Video allerdings hat es in sich. In den ersten, musiklosen drei Minuten bedecken lediglich Klebestreifen die Brüste der Sängerin, der Schritt ist gepixelt. Beim Hofgang knutscht sie mit einer Insassin und sieht einer Frauen-Schlägerei zu. Zwischendurch telefoniert sie, das Handy hat sie wohl in einer Körperhöhle versteckt gehabt. Cleveres Girl. Oder doch nicht? In einem Interview sagte Gaga, dass Amerikas Jugend von Technologie überschwemmt werde (deshalb der Refrain des Songs: «Stop calling me on my telephone»). Dass im Clip das Logo für den Telefon-Provider Virgin ungefähr 20 Mal auftaucht, scheint für sie kein Widerspruch zu sein.

Macht- und Rachefantasie?

Item. Wer sich die Postmoderne auf die Fahnen geschrieben hat, brauchen Inhalte bekanntlich nicht zu kümmern. Das weiss man spätestens seit Quentin Tarantino, dem Gaga übrigens auch huldigt: Im zweiten Teil des Clips braust sie mit Beyoncé im Original-«Pussy Wagon» aus «Kill Bill» durch die Wüste. Dies nachdem die beiden einen aufdringlichen Mann vergiftet haben – «Thelma and Louise» lässt grüssen. Bereits wird das Video deshalb auf feministische Aussagen abgeklopft. Wobei sich die Kommentatorinnen uneinig sind. Handelt es sich tatsächlich um eine weibliche Macht- und Rachefantasie? Oder schlicht um ein weiteres sexistisches Musik-Video?

Nun, die Deuter liegen wohl alle ein bisschen richtig und ein bisschen falsch. Vor allem aber bezweckt Lady Gaga mit ihrer knalligen Party im Archiv der Popkultur eines: ein möglichst grosses Echo. Das ist ihr gelungen.

Wie gefällt Ihnen der Clip? Meinungen bitte unten eintragen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.03.2010, 12:24 Uhr

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10 Kommentare

Eric Zeller

15.03.2010, 12:32 Uhr
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Wenn man den Clip einmal ganz nüchtern und ohne tiefere Sinndeutung betrachtet, so ist er vor allem eins: gut gemachte und zeitgemäss umgesetzte Unterhaltung. Das scheint mir doch wesentlich ehrlicher und "straigther" als viele der sogenannt "engagierten" Clips die schlussendlich auch nur darauf abzielen, möglichst viel Kohle zu garnieren. Entertainment as its best. Antworten


Erwin Koller

15.03.2010, 11:46 Uhr
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Nun dürfte Lady Gaga mit der Entstehung des Videos sehr wenig zu tun gehabt haben und auch wenig bezwecken (s. letzten Abschnitt des Textes); solche mit wenig Talent gesegneten Sternchen sind ja nichts anderes als eine money making machine für ein Konglomerat von verschiedensten Marktkünstlern. Was dieses bezwecket? Geld machen, Aufmerksamkeit generieren. Dies ist es, was Popmusik schon immer war. Antworten



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