«Best of 80ies»: Ohne Alkohol nicht auszuhalten?

Von Philippe Zweifel, Mauro Guarise. Aktualisiert am 17.03.2009 23 Kommentare

Am Wochenende ging das Konzert «The Very Best of the Eighties» mit Rick Astley & Co. über die Bühne. Die Synthesizer-Klänge hallen nach – und sorgen für hitzige Diskussionen. Der grosse 80er-Zwist auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

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Trip in die 80er: Carol Decker von T'Pau («China in Your Hand»).

   

Für den einen war es eine Nacht voller Magie für den andern pfui Teufel. Die beiden Kulturredaktoren Mauro Guarise und Philippe Zweifel waren gemeinsam am Konzert im Hallenstadion - und erlebten es völlig anders. Ihr Bericht:

Neonfarbene Skilagererinnerungen

Ahh, die 80er. Schulterpolster, atomar gesicherter Weltfrieden, Zeit meiner Pubertät – und musikalischen Erwachens. Riesig deshalb die Vorfreude aufs Konzert. Endlich die Hitparaden-Heroen von damals live hören! «80ies – Right here, right now» lautete der Slogan für den Abend. Für mich hiess das: «The Sound of the Skilager – im Hallenstadion».

Schon das erste Lied ein Knaller: «I Just Died in Your Arms Tonight» von Cutting Crew, jener Band die damals für so manches Flaschenspiel den Soundtrack lieferte. Gut, die zwei nächsten Songs kannte niemand – trotzdem war Kollege Guarises Spott völlig fehl am Platz. Denn bereits fieberte die Menge dem nächsten Auftritt entgegen: T’Pau. Frontfrau Carol Decker, im Gedächtnis als zerbrechliches, überschminktes Huscheli abgelegt, entpuppte sich als robuste, frivole Engländerin. Stimmgewaltig schmetterte sie ihren Hit «China in your Hand» ins Publikum und bescherte mir eine späte Epiphanie: Mit «China» ist nicht das Land, sondern Porzellan gemeint.

Dann Nik Kershaw (Hits: «Wouldn’t it Be Good» und «Won’t Let the Sun Go Down»). Der Beau hatte vor 25 Jahren 100 Frauen pro Monat und einen eigenen «Bravo»-Starschnitt. Kurz, ein Hassobjekt. Doch Zeit heilt alle Wunden. Nik, inzwischen ergraut und des Gitarrenspiels mächtig, hat sich zum Sympathieträger gemausert. Oder ist Misserfolg grundsätzlich sympathisch? Überhaupt stand der Abend unter einem attitüdefreiem Stern. Angenehm auch das Publikum, keine Föhnfrisuren, kein Geschmacksterror in Pink, es zählte nur die Musik.

Als nächstes war Paul Young dran. Sein Anblick war für arglose Nostalgiker wie mich starker Tobak: Einst gefeierter Duett-Partner von Zucchero («Senza Una Donna») tut er sich heute offenbar lieber mit Whiskeyflaschen zusammen. Aufgedunsen und mit dünner Stimme torkelte er über die Bretter. Hier hätten die Veranstalter besser auf Paul Hardcastle («19») oder – hey, warum nicht? – auf Modern Talking gesetzt. Item. Der Magie der Nacht tat dies keinen Abbruch. Zumal mit Rick Astley bereits der nächste Act aufmarschierte.

Vielleicht weil die 80er-Jahre auch das Jahrzehnt der klaren Verhältnisse waren, erstrahlte nach Astleys selbstironischem Kurzauftritt sofort das Putzlicht. Keine Zugabe, kein Protest, es ging halt – der Zeitgeist der 80er liess grüssen – um nichts. Und ich dachte: Dieses Gefühl war damals noch besser als die Musik.
Philippe Zweifel

Wie peinlich!

Den Dicken ohne Stimme hätte ich fast verpasst. Ich war noch auf dem Klo, um mich gegen den bevorstehenden Horror zu medikamentieren, als von draussen grausige Klänge immer lauter wurden. Kollege Zweifel, vor lauter Vorfreude kichernd am Pissoir, schrie jetzt «Los gehts!» und zerrte mich in die Halle. Vorne auf der Bühne standen also der Dicke, der, nun ja, Sänger, und ein Dünner mit rosa Hemd, eine Art Gitarrist. Zusammen sind sie der Rest einer Band, die für hunderte von Coiffeurläden (Rock’n’Roll!) Namenspate standen: Cutting Crew. Der Dicke hatte ein schwarzes T-Shirt an, obwohl doch jeder weiss, dass T-Shirts dick machen, im Gegensatz zu Hemden, die aber keinesfalls rosa sein dürfen. Hallo Achtziger, pfui Teufel.

«Vorne auf der Bühne» ist übrigens masslos übertrieben. Die Halle war nicht mal halb gefüllt, und die Bühne begann sozusagen direkt hinter den Ticketkontrolleuren. Kollege Zweifel machte sich darob beinahe wieder in die Hosen, während ich der Hölle des Menschlichen nie so nahe war. Was sich vor unsern Augen abspielte, war eine traurige 80er-Freakshow: Cutting Crew, T’Pau, Kid Creole: Alles C-Stars, die selbst vor 25 Jahren nur kurz interessierten. Schlecht gekleidete Menschen mit Gesangsproblemen, die nur von ihren Geldnöten übertroffen werden.

Den Beginn des zweiten Teils habe ich leider auch verpasst. Ich war hinter der Bühne und besoff mich gerade fürchterlich mit Paul Young, als der ärgerlicherweise auf die Bühne gerufen wurde. Ah, Paul Young, der weisse Soulsänger! Nun gut, heute sieht er eher aus wie eine solariumgeschädigte Mischung aus Paul McCartney und Peter Kraus. Und so wie der singt, muss man verstehen, dass er sich nur noch blau auf die Bühne wagt. Richtig weiss, also bleich und glänzend im Gesicht, ist immer noch Rick Astley. Ebenso käsig waren seine schlüpfrigen Witze und unbeholfenen Einladungen an die Frauen am Bühnenrand ins «weisse Hotel am See». Man stellt ihn sich vor, wie er mit seinem Grinsen durch die Lobby geht, in verzweifelter Erwartung, dass ihn jemand erkennt und anspricht. Jessas, ist das traurig.

Der einzige, der überzeugte war Nik Kershaw. Nur spielte der bereits früh am Abend, und im Wissen was da noch kommt, fiel ihm an seinem eigenen Konzert nur eines ein: Gähnen.
Mauro Guarise

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.03.2009, 09:54 Uhr

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23 Kommentare

esther vonaesch

16.03.2009, 08:40 Uhr
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Ich habs genauso erlebt wie Herr Zweifel. Eine nostalgische Reise in die Vergangenheit. Schade, kam Boy George nicht. Antworten


Herbert Berger

16.03.2009, 09:25 Uhr
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Ueber die 80er-Jahre gibt es aus meiner persönlichen Sicht zwei wichtige und gute Dinge zu berichten: Ich durfte endlich wegziehen vom Elternhaus und landete in einer Punk-WG und zweitens: Die 80er-Jahre sind seit 20 Jahren vorbei! Zum Glück. Antworten



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