Big Hits für Big Zis
Von Mauro Guarise. Aktualisiert am 04.06.2009
Videos zu «Und jetzt...»
Geht man auf Big Zis Myspace-Seite, kann es vorkommen, dass einem ein Werbebanner mit der Aufschrift «5 oder 25 Kilo abnehmen?» ein Schlag auf die Netzhaut verpasst. Die plumpe Werbung steht dermassen im Kontrast zum wunderbaren Design, das neben der Site auch Big Zis neues Album prägt, dass man einen naiven Moment lang eine ironische Inszenierung vermutet. Denn eines ist klar: Eine Rapperin wie Big Zis lacht sich die Sorgen, die sich andere Frauen im Hiphop über ihr Gewicht machen, vom Leib. Und in künstlerischer Hinsicht hat Big Zis mit «Und jetzt … was hätt das mit mir z tue?» gar ihr Idealgewicht erreicht.
Keine Angst vor Pop
Der Albumtitel liest sich, wie schon bei den Vorgängern, programmatisch. 2002 inszenierte sich Franziska Schläpfer auf «Keini so» als für die Schweiz tatsächlich einmalig grossmäulige Göre namens Big Zis. 2005 kehrte sie auf «Dörf alles» Hiphop-Geschlechterklischees um, was nur den ironiefreien Teil der Hiphop-Gemeinde nicht begeisterte. Ohne sich vom Rap abzuwenden, geht die 32-jährige jetzt Richtugn Pop und Jazz und fragt rhetorisch, was frühere Festschreibungen mit ihrem musikalischen Weg zu tun haben.
Das Album nimmt diese Frage gleich zu Beginn auf. Der Opener «Fett» bezeichnet nicht etwa einen Hiphop-Beat, sondern ein extrem cooles, ganz leicht zurückgelehntes Neo-Soul-Schlagzeug, um das sich jazzige Bläser gruppieren.
Dieser Souljazz dauert über eineinhalb Minuten, ein Intro, das klarmacht, hier geht es um Musik, nicht um Spartendenken. Ein weiterer Hinhörer ist «Käis Problem», das Oldschool-mässig simple Raps mit einem Gospelklavier vermischt und uns spätestens im Refrain mit seinen süssen R’n’B-Chören und -Streichern in Caramel taucht bis wir fröhlich dahinschmelzen:
Hier zeigt Big Zis nochmals den burschikosen Charme, der sie mit aus- und zu einer der profiliertesten Rapperinnen der Schweiz macht. Aber das neue Album hält auch reifere, lyrischere Momente bereit.
Auf Augenhöhe mit Sophie Hunger
Seit einigen Wochen ist «Biberräis» im Umflauf (Video siehe Box nebenan), die Zusammenarbeit mit der Pop-Überfliegerin Sophie Hunger. Es ist ein Lied über den Versuch einer Liebe, die nur aus Hindernissen und Sehnsucht besteht. Die Rapperin unterstreicht das, indem sie die Geschichte in die Natur verlagert und die Positionen neu verteilt – » – auf einen Berg und einen Biber: «Du bisch es Massiv, nöd uneheblich / im gägesatz zu dim passiv ich beweg mich / Biss uf holz, schaff a de verschtrebig. Mit dieser kauzigen Idee gibt eignet sich Big Zis dieses ewige Thema an und gibt ihm neue Relevaz.
Sophie Hunger singt den Refain, und die ihr eigene virtuose Verhaltenheit treibt die gerappte Sehsucht «vo dem moderne dilemma» noch weiter an: «Du gaasch eerscht vo wiitem uuf / und daa gseeh di nööd». Big Zis kommentiert Hungers Zeilen mit einem fast ungeduldigen «Ebe, ebe», und ja, sie ist auf der Überholspur.
Gereift, aber mit Spass
«Und jetzt…» strotzt nur so vor originellen Einfällen, das Knarren eines Stuhls wird ebenso gesampelt wie ein Hahnenkrähen, das Spektrum an Instrumenten ist breit, und vieles wurde unter der Regie der Gebrüder Marton di Katz und Valentino Tomasi live (Rumpelorchester) eingespielt, und zwar grossartig. Textlich hievt sich Big Zis endgültig auf das Oiginalitätsniveau eines Kutti MC, entwirft eigenständige Metaphern und spielt mit Spoken Word. Und das alles mit hörbarem Spass am Witz.
Am lustigsten ist das in «Prrrdy», einer verhinderten Disconummer, in der Big Zis über Asymptoten und Aromatherapie rappt und im Refrain eine schlaffe Männerstimme wiederholt: «Es isch total party / und das isch de partytrack».
Es braucht eine gewisse Reife, um gleichzeitig derart cool und sympathisch zu sein. Big Zis hat sie erreicht.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 04.06.2009, 13:55 Uhr
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