Billag-Gebühren für Hudigäggeler?

Die Radio-Spartenprogramme von SRF wie Swiss Pop oder Swiss Jazz sollen eingestellt werden. Ein Pro und Contra.

Dieses Schild könnte bei den Spartensendern bald nicht mehr leuchten (Archiv).

Dieses Schild könnte bei den Spartensendern bald nicht mehr leuchten (Archiv). Bild: Keystone

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Geht es nach dem Willen der Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen des Nationalrates sollen die Spartensender von SRF eingestellt werden – Radio Swiss Classic, Radio Swiss Jazz sowie Radio SRF Virus oder Radio SRF Musikwelle: Mit ihrer Streichung könnten die Gebühren gesenkt werden, und die SRG könne sich besser auf ihren Kernauftrag konzentrieren.

Braucht es die Nischensender noch?

Nein

«Tagesschau», Kultursendungen, aufwendige Übertragungen von Skirennen: Service public ist wichtig, ich möchte ihn nicht missen. Doch spätestens nach dem knappen Ausgang der RTVG-Abstimmung muss darüber nachgedacht werden, was zum Service public gehört und was nicht. Eine genaue Definition ist zwar kaum möglich, aber gerade beim Radio scheint sie einigermassen klar: Über Gebühren soll ein anspruchsvolles Programm finanziert werden, das sich auf dem Markt nicht rechnen würde und deshalb nicht existiert.

Die Radio-Spartensender einzustellen, mag wie ein neoliberaler Keulenschlag anmuten, ist aber gemäss obiger Definition nur konsequent. Radio Swiss Pop zum Beispiel verzeichnet knapp eine halbe Million Hörer pro Tag und liegt damit vor sämtlichen Privatradios. Zwar bietet Radio Swiss Pop im Internet Zusatzleistungen, etwa eine Musikerdatenbank und Konzerthinweise. Aber bei einem Sender, der unmoderiert und ohne redaktionelle Gefässe nonstop Popsongs spielt, erschliesst sich der Service-public-Gedanke schlicht nicht. Dasselbe gilt für die Sender Radio Swiss Classic und Radio Swiss Jazz, die nach demselben Schema aufgebaut sind.

Von den SRF-Spartensendern erfüllen höchstens die Musikwelle und das Jugendradio Virus die Kriterien des Service public – wobei Virus die Aufgabe von SRF 3 übernimmt, dessen Berechtigung in der Debatte auch diskutiert werden sollte: Der Sender kostet ein Vielfaches der Spartensender und klingt weitgehend wie ein beliebiges Privatradio. Nein, viel Geld wird mit der Streichung der Spartenradios nicht gespart. Neben dem erwähnten Service-public-Check geht es aber auch um eine überfällige Einsicht: Lineares, über Gebühren finanziertes Radio und Fernsehen sind ein Auslaufmodell. Mit dem Internet ist ein Konkurrent auf den Plan getreten, der zunehmend anspruchsvolle Hörer schafft: Die Menschen werden selber zu Programmplanern, seit Websender und Streamingdienste selbstbestimmtes Radio bieten.

Die SRF-Spartensender sind von dieser Entwicklung besonders betroffen. Versorgten diese einen lange mit einem vielfältigen Angebot, liefern Spotify & Co. inzwischen eine sinnvollere Alternative: unbegrenzt Musik mit Millionen von Titeln gegen eine freiwillige Monatsgebühr. Wenn die Spartensender keinen Mehrwert liefern können, sind sie überflüssig.

Ja

Es gibt Unternehmen in der Schweiz, zu denen jeder eine Meinung hat. Die SBB zum Beispiel oder die Post. Und ganz besonders die SRG. Man muss sie bedauern, denn meistens sind die Meinungen schlecht. Das war übrigens immer schon so. Also auch zu jenen Zeiten, als nur die Ehrlichen die Gebühren zahlten oder die Erwischten. Heute sind die Meinungen noch schlechter geworden: Denn jetzt muss jeder die Gebühren bezahlen. Und weiss darum noch besser, was gutes Radio ist und was das Fernsehen bringen sollte. Wenigstens hat das Radio einen etwas besseren Ruf: Könnte man meinen. Aber nun soll ausgerechnet das Radio drangenommen werden.

Eine Mehrheit der Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen (KVF) des Nationalrates fordert nämlich ein reduziertes SRG-Angebot, um die Gebühren zu senken. Dazu sollen sechs Spartensender eingestellt werden: die Radios Swiss Pop, Swiss Classic, Swiss Jazz, Virus, SRF-Musikwelle und RTS Option Musique. Anders gesagt: Musikprogramme, die besonders Minderheiten im Land erreichen, sollen weggespart werden.

Zum Auftrag der SRG gehört es gerade, die Vielfalt bei Information, Kultur und Bildung zu gewährleisten. Also auch Musik zu spielen, die keine Mehrheit erreicht – und die man gerade deswegen von privaten Radiosendern nicht hört. Jazz zum Beispiel, aber auch Ländler, leichte klassische Musik und Pop aus den letzten dreissig Jahren. Nun liesse sich einwenden, dass Jazz und Klassik auch im zweiten und Rock im dritten Radioprogramm bei SRF laufen. Ja, am Abend nach 20 Uhr zum Beispiel oder in extra dafür geschaffenen Programmstunden.

Privatradios beschränken ihr Repertoire auf ein paar Tausend Hits und Oldies, die bis zum Überdruss wiederholt werden. Die Sendungen werden zwar moderiert, ganz im Gegensatz zu Radio Swiss Pop, aber auf eine journalistische Einordnung hofft man oft vergebens. Ausserdem richten sich die Privaten meist an ein junges Publikum. Wer sich sein Radio über neue Technologien selbst zusammenstellt, wird sich an dem Klang orientieren, den er bereits kennt – und sich in seiner Vielfalt selbst einschränken. Wer vermittelt der nächsten und übernächsten Generation die gute Musik von früher und viel früher? Die Spartensender ergänzen die Vielfalt. Nur schon deshalb wäre es falsch, hier zu sparen. Um viel Geld geht es sowieso nicht.

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Sollte man die Radio-Spartensender einstellen?





Erstellt: 15.02.2017, 19:50 Uhr

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