Kultur

Bligg und das Ende des Schweizer Rap

Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 24.08.2010 62 Kommentare

Bligg ist mit seinem Biedermann-Image zum bekanntesten Aushängeschild des Schweizer Rap geworden. Da stellt sich die Frage, ob man dieses Genre nicht gleich ganz abschaffen sollte.

1/7 Bliggs Single «Legändä und Heldä» von seinem im Oktober erscheinenden Album «Bart aber herzlich».

   

Schweizer Rap – das war von Anfang an eine obskure Paarung. Und überraschend. Vielleicht, weil die amerikanische Ghetto-Realität so weit von Schweizer Verhältnissen entfernt war. 1992 rappte mit Black Tiger erstmals ein Schweizer Rapper mit Dialekt-Texten und gab damit einen starken Impuls. In den folgenden rund zwanzig Jahren erwies sich Hip-Hop als eine der frischesten Stilrichtungen im hiesigen Musikschaffen – auch wenn er es im Gegensatz zu internationalen Hip-Hop-Produktionen nicht in den Mainstream schaffte. Seit vergangenen Samstag hat er nun aber die vermeintliche Krönung erfahren: Ein Rapper verfasste die «offizielle Hymne» des eidgenössischen Schwing- und Älpler-Fests. Der Künstler: Marco Bliggensdorfer alias «Bligg». In Holzfällerhemd und mit schickem Bart hüpfte er auf der Bühne, gab mit den typischen Hip-Hop-Gesten und dem dringlichen Unterton in der Stimme etwa Folgendes zum Besten: «S gaht berguf, s gaht bergab, s isch en lange Pfad. Sie gönd dur Sturm und Gwitter, für eusi Tradition.» Ein weiter, weiter Weg, den der Schweizer Rap seit seinen Anfängen zurückgelegt hat.

Pionier

In den frühen Neunzigerjahren gehörte Bligg zu den Pionieren der Zürcher Szene, als er als Sechzehnjähriger in Zürich Schwamendingen seine ersten Gehversuche als Rapper machte. Er machte sich schnell einen Namen und sah sich bald auf einer Ebene mit den erfolgreichsten Exponenten der Szene wie Stress, Greis, Gimma, mit denen er um die Häuser zog. Irgendwann nach Mitte der Nullerjahre, Bligg war inzwischen dreissig, tat er den entscheidenden Schritt. Angefragt vom Schweizer Fernsehen, tat er sich für den Titel «Volksmusigg» mit einem Volksmusikorchester zusammen. Und fand Gefallen daran. Nicht nur er, auch das Schweizer Publikum war Feuer und Flamme. Bligg hatte sein Image gefunden: der Traumschwiegersohn mit den häuslichen Problemen. Fortan rappte er über Nachbarin Müller, die ihren Hund vor seine Tür scheissen lässt, über Fernsehmoderatorin Susanne Wille. Sein Album «0816» war das erfolgreichste Schweizer Rap-Album je, erreichte mehrere Male Platin-Status. Vergangenes Jahr belegte er in der Endausscheidung zur TV-Sendung «Die grössten Schweizer Hits» Platz zwei und gewann zudem den Swiss Music Award und den Prix Walo.

Nun war es natürlich eines der Erfolgsrezepte des Hip-Hops, dass er sich für schlechterdings alles adaptieren lässt, dass es musikalisch und inhaltlich keine Grenzen gibt. Alle bekannten Exponenten des Schweizer Raps haben sich in einer Nische eingerichtet: Stress, Gimma und Greis verlegten sich mit einigem Erfolg auf politische Tiraden und schliesslich auf grünes Engagement. Und es spricht grundsätzlich auch nichts dagegen, dass Bligg sich seine Nische sucht. Irritierend ist nur, dass er gewillt ist, auch als Bidermann an seiner Rapper-Pose festzuhalten.

Gesellschaftskritiker

Die Szene hat Bligg längst abgeschrieben und zählt ihn inzwischen zur Volksmusik. Nur Bligg selber fühlt sich noch immer von rebellischem Geist beseelt. Er sagt Dinge wie: «Als Rapper schlüpfe ich wie ein Schauspieler in verschiedene Rollen, um eine oft gesellschaftskritische Message zu vermitteln.» Und er brüstet sich auch immer wieder gern damit, was er alles für den Schweizer Rap getan habe. Seinen Kritikern entgegnet er: «Nur weil man keine CDs verkauft, ist man als Künstler nicht unbedingt glaubwürdiger.»

Das nicht. Trotzdem: Wenn das der erfolgreichste Schweizer Rap ist, dann muss es um dieses Genre ziemlich schlecht bestellt sein. In seinem Hit «Volksmusigg» behauptet er, dass Rap in der Schweiz von einigen rechten Politikern als Feindbild angesehen werde. Mit Bligg als Flaggschiff des Schweizer Rapps – ein Biedermann im Kostüm des Rappers – sind diese Zeiten wohl endgültig vorbei. Und wenn der Schweizer Rap nicht imstande ist, etwas Besseres als Bligg erfolgreich zu machen, dann könnte man ihn vielleicht auch einfach ganz abschaffen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.08.2010, 14:51 Uhr

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62 Kommentare

Urs Rutschmann

24.08.2010, 15:14 Uhr
Melden 1 Empfehlung

In anderen Ländern werden erfolgreiche Musiker und Produktionen gefeiert, in der Schweiz macht man Sie fertig! Antworten


Michael Horath

24.08.2010, 15:53 Uhr
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Einmal wird Rap geschrieben, dann Hip-Hop....zwischen diesen beiden Style-Arten gibt es viele Unterschiede. Antworten




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