Blütenweisser Techno

Die DJ-Kultur wurde von Schwarzen erfunden. Nun hat das Fachportal The DJ List eine sehr weisse Top 100 erstellt und alle schwarzen Gründerväter vergessen. Die Veteranen aus Detroit sind empört.

Sogar sie ist DJ: Paris Hilton in einem Moskauer Club.

Sogar sie ist DJ: Paris Hilton in einem Moskauer Club.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

DJs aus Detroit gehören zu den berühmtesten der Welt. Seit Jahrzehnten mischen Derrick May, Juan Atkins oder Kevin Saunderson aus europäischem Industrial und amerikanischem Garage den Detroit Techno. Düster und melancholisch vertonen die Elektrosounds das Leid der geplagten Stadt und ihrer afroamerikanischen Einwohner. Gewaltkriminalität, Jugendarbeitslosigkeit und Rassendiskriminierung beeinflussen den Klang und die Farbe des Stils, der in den 80er-Jahren als modern und richtungsweisend gefeiert wird und zum Wegbereiter des globalen Techno wird. Eine afroamerikanische Erfolgsgeschichte.

«Für Amerika, ein Land, dem die Erinnerung schwerfällt, ist Detroit ein Lichtblick in der kulturellen Dunkelheit», sagt der weisse Franzose Laurent Garnier. Ein Licht, das im Hinblick auf die heutigen Zustände in der DJ-Szene immer weiter verblasst. International erfolgreiche afroamerikanische DJs sind eine Seltenheit.

Techno ist nicht tot, aber weiss

Angeführt von David Guetta reihen sich auf den internationalen DJ-Listen fast ausschliesslich weisse Künstler. «Kein Derrick May, kein Jeff Mills auf der Liste. Kommt schon Leute, wir sind im Jahr 2016, und es gibt keinen Platz in der DJ-Kultur, eigentlich nirgendwo, für Rassismus», prangert Juan Atkins, einer der Väter des Detroit Techno, die Top 100 von The DJ List an.

What's heavy on my mind right now is that I recently discovered "The DJ List". And to my dismay, their top 100 DJ's list...

Posted by Juan Atkins on Tuesday, January 26, 2016

Die Liste spiegelt die Popularität von DJs und beruft sich dabei auf Online-Plattformen und Fachmagazine. Der bekannteste schwarze DJ ist laut The DJ List der Brite Carl Cox auf Rang 40. Afroamerikaner sind zurzeit in den Top 100 nicht vertreten, und die von Atkins vermissten DJs Jeff Mills und Derrick May stehen auf Rang 212 und 260.

Wie kann es sein, dass Afroamerikaner, obwohl sie von Anfang an dabei waren, keinen Erfolg in der Szene haben? Detroit Techno, Deep House und Dubtechno sind schliesslich zeitlose Stile. Andererseits rückt Techno immer weiter in die Mitte der Gesellschaft. David Guetta, Avicii und Calvin Harris dominieren die Szene mit kommerzieller EDM, Electronic Dance Music, und begeistern die Massen mit pyrotechnischen Mätzchen und durchchoreografierten Nächten.

Bei «Resident Advisor», einem Online-Magazin für elektronische Musik, sieht die Rangfolge ganz anders aus. Hier werden die weltbesten DJs per Mitglieder-Voting ausgewählt. Auf dieser Liste sieht man relativ schnell schwarz: Auf Rang sieben steht Seth Troxler aus Detroit. Auf Platz 44, 61 und 95 finden sich auch seine Vorväter, die Technoveteranen Jeff Mills, Robert Hood und Carl Craig.

Dieser Text erschien zuerst in der «Welt». (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 07.03.2016, 12:26 Uhr)

Stichworte

Artikel zum Thema

«David Guetta bringt die Leute zum Tanzen»

Interview Techno-Pionier Jeff Mills über EDM und den Plan, einen Ableger des Berliner Clubs Tresor in Detroit zu eröffnen. Mehr...

Die Altersweisen der Discos

Essay Viele DJs sind um die 50. Ihr Publikum ist halb so alt. Ist man irgendwann zu alt, um hinter den Plattentellern zu stehen? Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Digital Abos

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Im 1. Monat nur CHF 1.-

Werbung

Kommentare

Service

Für Selbstständige und KMU

Tragen Sie Ihre Firma im neuen Marktplatz des Tages-Anzeigers ein.

Die Welt in Bildern

Bald platzen sie: Ein Junge bläst am Strand von Colombo (Sri Lanka) Seifenblasen in die Luft (8. Dezember 2016).
(Bild: Dinuka Liyanawatte) Mehr...