Botox-Witze und Konfettiregen – Van Halen live in L.A.
Von Lukas Rüttimann, Los Angeles. Aktualisiert am 02.02.2012 11 Kommentare
Ein Einblick: Aufnahme vom Geheimkonzert. (Video: Lukas Rüttimann)
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Die ganz grosse Liebe ist es immer noch nicht. Nur einmal, ganz am Anfang, während dem Kinks-Cover «You Really Got Me», gibt es so etwas wie Interaktion zwischen dem Super-Gitarristen Eddie Van Halen und seinem Sänger David Lee Roth. Ansonsten ist es bei Van Halen und ihrer Show in den intimen Henson Studios in Hollywood wie eh und je: Der mittlerweile kurzhaarige, auffallend schlanke «Diamond Dave» macht keinen Hehl daraus, dass er eigentlich lieber nicht von Gitarre, Bass und Schlagzeug gestört werden möchte. Eddie Van Halen zeigt, dass er trotz überstandenem Krebsleiden, Hüftoperation und Arthritis noch immer einer der besten Gitarristen der Welt ist. Daneben verhaut sein Bruder Alex Snare und Hi-Hat seines Schlagzeugs, als gäbe es kein morgen. Nur der gemütliche Michael Anthony fehlt. Dafür zupft ein beleibter junger Mann, der zufällig der Sohn von Eddie Van Halen ist, am Viersaiter.
Mal Liebe, mal Hass
Willkommen beim neusten Kapitel von Van Halen. Einer Seifenoper, über die sich so einiges sagen lässt. Nur etwas nicht: Dass sie langweilig wäre. Denn Van Halen, das ist so etwas wie das musikalische Gegenstück zur Hollywood-Romanze von Elizabeth Taylor und Richard Burton: eine leidenschaftliche On/Off-Beziehung, bei dem sich alle Involvierten mal lieben, mal hassen – aber garantiert nie egal sind. Und weils selbst für eingefleischte Fans nicht einfach ist, dabei den Überblick zu behalten, seis hier noch einmal offiziell festgehalten: Nächste Woche erscheint mit «A Different Kind of Truth» das erste Studioalbum der Band seit 1998. Es ist das erste Album, auf dem Eddie Van Halens Sohn Wolfgang Bass spielt – und es ist vor allem das erste richtige Album mit ihrem legendären Frontmann David Lee Roth seit 28 Jahren.
Wer erinnert sich nicht mit einer gewissen Wehmut? 1984 sind Van Halen mit dem gleichnamigen Album die grösste Band der Welt. Nur Michael Jackson steht ihnen vor der Sonne. Doch der ist erstens nicht von dieser Welt – und zweitens keine Band. «1984» markiert den kommerziellen Höhepunkt der Gruppe. Und der Punkt, an dem sie auseinanderfällt. Im Sog von Drogen, Geld und Ruhm werden die kreativen Spannungen zwischen Wundergitarrist Eddie Van Halen und dem exzentrischen Sänger David Lee Roth zu gross.
Roth raus, Hagar rein
Sechs grossartige Rockalben haben die ausgewanderten holländischen Brüder und der jüdische Ärztesohn zur erfolgreichsten Rockband der Welt gemacht. Dann verlässt Roth die Band im Streit, Sammy Hagar springt für ihn ein. In den nächsten 28 Jahren schreiben Van Halen die Soap-Opera der kalifornischen Rockmusik mit erstaunlicher Konsequenz weiter – so, wie es vor ihnen die Eagles und nach ihnen Guns N' Roses taten.
Roth rein, Hagar raus. Hagar raus, Roth rein. Hagar und Roth zusammen auf Tour, ein neuer Sänger bei Van Halen eingestellt und kurz darauf wieder gefeuert. Kein Privatsender hätte es besser erfinden können. Dazu immer wieder herrlich ungefilterte gegenseitige Anschuldigungen, die klangen, als hätten sich ihre PR-Leute in den Grössenwahn gekokst. Genützt hat es alles – oder nichts. 80 Millionen Platten haben Van Halen weltweit verkauft. Sie gehören zu den 20 erfolgreichsten Acts der Musikgeschichte. Allerdings waren ihre Verkäufe zuletzt rückläufig. Und nur ihrer Anfangsphase mit Lee Roth haftet dieses Mystische an, dass Fans heute nostalgisch werden lässt.
«Jump» mit Sambatruppe
Warum das so ist, zeigt das Konzert in der Nacht auf heute in West Hollywood. Notabene nur ein paar Meilen vom Whiskey à Go Go entfernt, wo die Band Mitte der Siebziger ihre ersten Konzerte spielte. Schon nach den ersten Klängen des Openers «You Really Got Me» ist die Chemie wieder da – das unnachahmliche Gitarrenspiel von Eddie Van Halen, bei dem nicht nur Ex-Marilyn-Manson-Gitarrist John 5 in der ersten Reihe feuchte Augen kriegt. Der pumpende Bass, den Van-Halen-Sohn Wolfgang etwas rockiger als sein Vorgänger spielt. Das treibende Schlagzeug mit dem unverkennbaren Snare-Sound – und natürlich «Diamond Dave», stilsicher in geschnürter Lederhose, blauem Satinhemd und seinem einzigartigen Millionen-Dollar-Smile, das vergessen lässt, dass der Mann mehr als 57 Jahre auf dem Buckel hat. «Running with the Devil» rockt wie eh und je, das folgende «Unchained» ist ein erster Höhepunkt. Dann folgt mit dem bearbeiteten Uralt-Demo «She’s the Woman» ein erstes Stück vom neuen Album – ein Song, der Gene Simmons insofern entlastet, als dass er die Band damals zwar produzierte, ihr aber prophezeite, sie würde es nie zu etwas bringen.
Klassiker wie das folgende «Dance the Night Away» oder «Panama» dürften dem Kiss-Chef seither Häme zur Genüge eingetragen haben. Auch der neue Song «Tattoo», über den unter Van-Halen-Fans leidenschaftliche Diskussionen entbrannt sind, entpuppt sich live als veritabler Hit. «Hot for Teacher», «Ice Cream Man» und eine gnadenlos treibende Version von «Ain’t Talking Bout Love», dem wohl besten Van-Halen-Song, beschliessen den Gig vor rund 150 begeisterten Gästen. Dass zum Finale mit «Jump» eine brasilianische Sambatruppe im Konfettiregen auf die Bühne stöckelt, ist zwar überflüssig, passt aber zum Image der Partyrockband, die Van Halen bis heute geblieben ist.
Kinder Hollywoods
Natürlich ist auch heute nicht alles Gold, was auf der Bühne glänzt. Luftsprünge vollführt Lee Roth keine mehr, seine Karate-Kicks wirken etwas halbgar. Auch Eddie Van Halen ist nach seiner Alkohol-Rehabilitation keine 20 mehr, brilliert zwar bei «Hot for Teacher» mit einem atemberaubenden Solo in seinem typischen Tapping-Stil, verhaut selbiges aber gut hörbar bei «Jump». Und auf viel mehr als 60 Minuten dürften sich die Fans der kommenden Welttournee in Anbetracht der Kondition der beiden Herren wohl auch nicht freuen.
Seis drum. Solange Lee Roth wie ein Conférencier über die Bühne tänzelt und Zoten über das sedierte Botox-Publikum halten kann, wird das Lachen weder ihm noch seinen Fans vergehen. Wichtiger dürfte sein, dass die Gesundheit keinem dieser Rock-Überlebenden einen Strich durch die ambitionierten Pläne der nächsten Zeit macht. Denn die Realität, das weiss niemand besser als diese Kinder Hollywoods, kann der schönsten Soap den Garaus machen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 02.02.2012, 13:20 Uhr
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11 Kommentare
Grandioser Bericht! Würde die alten Herren gerne mal wieder sehen, ist tatsächlich Jahrzehnte her und - damals leider - bereits ohne meinen Namensvetter. Aber 1984 gehört nach wie vor in JEDE gute Plattensammlung. A propos vor der Sonne: nicht zu vergessen, dass Eruption-Eddie ein Jahr zuvor den Axeman auf Beat it gegeben hat :-) Antworten
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