Kultur

Chronik eines angekündigten Todes

Von Jean-Martin Büttner. Aktualisiert am 26.07.2011 1 Kommentar

Amy Winehouse, die verzweifelte Londoner Soul-Sängerin, starb am Samstag mit 27 Jahren in ihrer Wohnung, wie sie zuvor gelebt hatte: an einer Überdosis.

1/10 Zerstörerisches Talent: Amy Winehouse im Jahr 2007.
Bild: Keystone

   

Die Soul-Diva starb in ihrer Wohnung in London. (Video: Reuters)

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Der erste Gedanke und das erste Gefühl, als am frühen Samstagabend die Nachricht von ihrem Tod eintrifft: Das musste ja kommen. Und: Jetzt wird sie zum Mythos. Beides macht etwas traurig – und vor allem wütend.

Wütend auf eine junge, begabte Musikerin, die ihre Selbstzerstörung erst ironisch, dann beklemmend und zuletzt verzweifelt in aller Öffentlichkeit inszenierte. Und die dabei von der Presse und dem Publikum und der Plattenfirma in einer kaum verhohlenen Mischung aus Abscheu, Faszination und Zynismus beobachtet und angetrieben wurde.

Denn: Die vor den hochgestreckten Handykameras kaputtgehende Sängerin inszenierte zwar ihre Auftritte selber. Nur realisierte sie nicht, wie sehr sie ihrerseits zum Bestandteil einer Inszenierung wurde: der mythischen Vollstreckung einer gequälten, am Leben und der Liebe scheiternden Diva.

Torkeln vor den Fotografen

Selbstverständlich zeigte Amy Winehouse ihre rehäugige Zerbrechlichkeit, ihre Liebeserklärungen an sie verschmähende Männer, ihre Trennungsgeschichten, ihre Beteuerungen und Abstürze so offensiv wie ihre Tätowierungen.

Mit jeder ausgetrunkenen Flasche aber, jeder eingeworfenen Pille, jeder hochgezogenen Spritze, mit jedem torkelnden Verlassen eines Nachtclubs im Blitzlichtbeschuss der Fotografen, mit jedem Einrücken in die Entzugsklinik, mit jedem Ausbrechen aus ebenderselben entglitt ihr die Kontrolle mehr.

Zuletzt spielte sie eine Rolle im Auftrag der Öffentlichkeit. Diese sorgte sich dem Schein nach um ihre Labilität. Der Moral nach urteilte sie, warnte und sagte das böse Ende voraus. In Wirklichkeit lieferte die Chronik eines angekündigten Todes bloss den Anlass für das wohlige Erschauern des Publikums und seinen Dealern von der Boulevardpresse. Und lieferte der Plattenfirma den perfekten Vorwand, um die Platten und Singles von Amy Winehouse in immer neuen Verkleidungen anzubieten.

Die kargen Fakten von ihrem Tod, so weit bekannt: Am Samstagnachmittag um vier Uhr Ortszeit wurde die Londoner Ambulanz in das Stadtviertel Camden gerufen; man fand die 27-jährige Künstlerin tot in ihrer Wohnung vor. Als unbestätigte Ursache wurde eine Kombination von Alkohol und anderen Drogen herumgeboten; verschiedentlich war zu lesen, Winehouse habe sich am Vortag mit diversen Substanzen eingedeckt. Die Umstände sprechen eher für einen Unfalltod als für Selbstmord. Auf jeden Fall ist die Sängerin gestorben, wie sie gelebt hat: an einer Überdosis. Drogen als Ursache, Verzweiflung als Anlass.

Amy Winehouse wuchs als begabtes Kind einer jüdischen Familie in Nordlondon auf, stark beeinflusst vom musikalischen Vater, einem Taxi fahrenden Jazzmusiker. Seine Tochter begann schon früh, zu singen, zu spielen und zu schreiben, wurde später von mehreren Plattenfirmen umworben und hatte bereits mit ihrem ersten Album «Frank» (2003) Erfolg. «Back to Black» erschien dann drei Jahre später und machte sie weltweit berühmt.

Die meisten Lieder auf diesem zweiten Album spiegeln die wachsende Verletzlichkeit, mit der die Sängerin durchs Leben taumelte. Sie klingen wie Stichworte für einen Nachruf zu Lebzeiten: «Rehab», «You Know I’m No Good», «Love Is a Losing Game», «Wake up Alone», «Addicted». Eine Soulsängerin mit gebrochenem Herzen.

Eine sehr begabte Epigonin

Als Musikerin muss man sie als sehr begabte Epigonin einstufen. Die als Sängerin auch deshalb so gut war, weil sie das selber wusste: Weil sie nie geleugnet hat, auf wen sie sich stilistisch bezog. Zu einem elegant-britischen, von Mark Ronson brillant produzierten Mix aus Soul, Rhythm ’n’ Blues und Swing personalisierte, neurotisierte und anglifizierte sie den Gesang von Vorbildern wie Aretha Franklin, Sarah Vaughan, Dinah Washington oder Billie Holiday in ihrer nackten, spröden Klarheit.

Winehouse’ unverkennbarer, in der Phrasierung leicht manierierter Gesang war in einer makellos arrangierten Tanzmusik eingebettet, zu der sie mit ihrer verschwenderischen Altstimme die Tiefen ihrer Enttäuschungen besang.

«Du gehst zurück zu ihr», konstatierte sie etwa in «Back to Black», dem Titelsong ihres zweiten, mit fünf Grammys und 10 Millionen Verkäufen belohnten Albums, «und ich versinke in der Dunkelheit.» Dieser und viele andere ihrer Texte deuten an, dass weder das Talent noch der Erfolg etwas an der Unmöglichkeit, glücklich zu sein, für sie ändern konnten.

Zu den jungen Toten

Vor wenigen Wochen versuchte sich die Sängerin an einem Comeback, sagte die Europa-Tournee aber schon nach dem ersten desaströsen Auftritt in Belgrad ab. Auf Youtube aufgeschaltete, mitleidlos grelle Clips zeigen, was sich am Samstag bestätigte: die Unfähigkeit einer Frau zu einem Leben, das seine Intensität nicht nur aus dem Rausch bezog, der alles andere erträglich machte.

Damit ist die junge Tote nicht allein, sondern Mitglied des Club 27. Die makabre Vereinigung gruppiert all jene Musikerinnen und Musiker, die in diesem Alter gestorben sind: Brian Jones, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison und Kurt Cobain. Jeder von ihnen, mit Ausnahme von Hendrix, fing schon bald mit dem Aufhören an, und der Abgang war nur noch eine Frage der Zeit. Ihnen hat sich eine Künstlerin hinzugesellt, die für ihr Sterben sehr viel bekannter geworden ist als für ihre Musik. Das ist das Schlimmste von allem. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.07.2011, 16:00 Uhr

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1 Kommentar

barbara meier

27.07.2011, 16:26 Uhr
Melden 3 Empfehlung

Herr Büttner, aus welcher Quelle möchten Sie denn so genau wissen, dass Amy an einer Überdosis gestorben ist? Ich finde es etwas frech und geschmacklos dies zu behaupten.
Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal... besser nichts schreiben.
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