D'Angelo fegte die dunklen Jahre weg
Von Adrian Schräder. Aktualisiert am 08.02.2012 1 Kommentar
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Das Warten gehört hier mit zur Geschichte. Niemand hätte erwartet, dass sich D'Angelo, Hohepriester des Souls, nach 12 Jahren Bühnenabstinenz pünktlich auf die Bühne stellt und einfach loslegt. Niemand. Und so liess er sein Publikum denn auch warten. Zeit, um alte Geschichten auszutauschen. Vom legendären Konzert in Montreux im Jahr 2000 etwa. Oder von der unanfechtbaren Qualität seiner einzigen beiden Studioalben. Und natürlich hielt er sein Publikum – alle alt genug, um Zeuge seiner kurzen Glanzzeit gewesen zu sein – sogar so lange hin, bis man fast an der Ausrichtung des Konzerts gezweifelt hätte. Es wurde kurz vor zehn, bis das einstige Sexsymbol schliesslich mit «Playa Playa» in fetzenartiger Lederkluft und wilder Frisur die Bühne einnahm. Es stimmt also: Er ist zurück.
Seit dem 26. Januar tourt er wieder durch Europa. Elf Konzerte in ausgewählten Städten. So, als wäre nichts gewesen. Als hätte es keine Schaffenskrise gegeben. Als hätte es die Verhaftungen wegen Drogenbesitz, den Autounfall, die Jahre mit spärlichstem Output nie gegeben. Jahre, in denen Michael Eugene Archer, heute 37, vergeblich versuchte, einen würdigen Nachfolger für seinen herausragenden Zweitling «Voodoo» aufzunehmen.
Abschliessendes Kreissägensolo
Am Dienstag fegte er diese dunklen Jahre einfach weg. Mit einer Band aus absoluten Profis – darunter Bassist Pino Palladino und Schlagzeuger Chris Dave –, die den Groove in jedem Moment für sich gepachtet hatte. In den besten Momenten fügte sich auf der Bühne des X-tra alles zusammen, was die Black Music an Schätzen zu bieten hat: Blues, Funk, Soul, Gospel, Hip-Hop. D'Angelo gab dabei mehr als einmal den James Brown, den Funkateer, der seine Band punktgenau zu befehligen wusste. Der die Musik hochköchelt, eine gefühlte Ewigkeit auf einem simplen Groove verweilen lässt, und dann zur Entladung schreitet. Sein entrücktes Kreischen, seine Leaderqualitäten – es war wie beim Godfather of Soul.
Aber das Konzert hatte nicht nur seine James-Brown-Momente: Zu «The Joint» verfiel die 10-köpfige Truppe mit vier Backgroundsängern, einem Keyboarder und zwei Gitarristen in jenen Sound, der D'Angelo berühmt gemacht hatte: Neo-Soul, bestehend aus einem trockenen, harten Hip-Hop-Beat, Akkorden vom E-Piano und D'Angelos Falsettstimme. Seine Klagehymne «Shit. Damn. Motherfucker» siedelte er dann in der Kirche an. Eingetaucht in rotes Licht bot er dem praktisch ausverkauften Saal satanistisch expliziten Gospelblues dar – mit abschliessendem Kreissägensolo an der Gitarre. Hier winkte dann auch Hendrix aus dem Himmel. Und zwischendurch intonierte er ganz allein am E-Piano Hits wie «Brown Sugar» oder «Untitled (How Does It Feel)». Gesang und Tastenspiel: nach wie vor erste Sahne. Man merkt: Er deckte ein weites Feld ab. Vielleicht ein zu weites Feld: Zwischendurch, während dieser 140-minütigen Darbietung, verlor er sein Publikum auch mal. Runtergekocht auf 80 feurige Minuten wäre dies ein herausragendes Konzert gewesen. Aber dazu hatte D'Angelo nach all den Jahren – Gott sei Dank – zu viel Spass am Musizieren. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 08.02.2012, 09:17 Uhr
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1 Kommentar
Kompliment für den Artikel. Unverständlich, dass er nicht im Print-Tagi erschienen ist. Ist D'Angelo doch der einzige Musiker mit dem Potential in die Fussstapfen von JB, P-Funk, Sly Stone und Prince zu treten. Schade auch, dass weder die Nähe von D'Angelo's Musik zu Prince erwähnt wird, noch die absolute Sensation, Jesse Johnson erstmals auf einer Schweizer Bühne erlebt haben zu dürfen. Antworten
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