Kultur

«Das Popgeschäft erlebt aufregende Zeiten»

Von Nick Joyce. Aktualisiert am 26.03.2009 5 Kommentare

Die Schweizer Musikbranche trifft sich diese Woche am M4Music. Ivo Sacchi, Chef von Universal Schweiz und des Branchenverbandes Ifpi, zur Krise im Musikgeschäft.

Wird nur an der Rentabilität gemessen: Ivo Sacchi, Chef des Schweizer Ablegers von Universal.

Nicola Pitaro

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M4Music

Ab heute und bis 28. März findet im Zürcher Schiffbau die diesjährige Ausgabe von M4Music statt. Das vom Migros-Kulturprozent lancierte Festival versteht sich als grösstes Schaufenster für die Schweizer Musikszene: An drei Tagen finden rund 35 Konzerte statt, an der Demotape-Clinic erhalten unbekannte Musiker Experten-Feedback auf ihre ersten Songs. An der begleitenden Branchenkonferenz mit dem Titel «Live Is Life» diskutieren Bandmanager, Firmenbosse und Veranstalter das Geschäft mit Konzerten, das gegenüber der Produktion von CDs immer wichtiger wird.


Zur Person

Der Rätoromane Ivo Sacchi ist CEO der Plattenfirma Universal Music Schweiz, dem Zürcher Ableger des weltweiten Marktführers Universal. Der Konzern entstand Ende der 90er-Jahre durch den Zusammenschluss der Branchenriesen MCA und Polygram und ist heute Teil des französischen Medienkonglomerats Vivendi. Die Schweizer Filiale kann mit internationalen Grössen wie U2, Amy Winehouse und Eminem prunken, ist aber auch mit Schweizer Künstlern wie Bligg, Patent Ochsner und Stress erfolgreich. Neben seinem Chefposten bei Universal hat Ivo Sacchi auch das Präsidium der IFPI Schweiz inne, des Interessenverbandes der schweizerischen Tonträgerproduzenten.

Herr Sacchi, welche Veranstaltungen besuchen Sie am M4Music?
Ich gehe jedes Jahr gerne hin. Ausser einigen Konzerten werde ich dort anzutreffen sein, wo die provokantesten Thesen diskutiert werden.

Zu diskutieren gibt es viel. Das Tonträgergeschäft ist bekanntlich im Niedergang. Mit welchen Gefühlen blicken Sie in die Zukunft?
Ich bin sehr optimistisch. Trotz allen Schwierigkeiten erlebt die Musikindustrie sehr aufregenden Zeiten. Es wird an vielen Fronten Pionierarbeit geleistet. Und der Tonträger wird nicht so schnell verschwinden, wie behauptet wird, denn global gesehen können es sich die Leute gar nicht leisten, auf neue Technologien umzustellen. Aber wir können so lange über digitale Vertriebsmöglichkeiten und neue Geschäftsmodelle philosophieren, wie wir wollen: Wenn wir nicht in Künstler investieren, die Hits produzieren, wird die Rechnung nie aufgehen.

Wie wichtig ist das nationale Repertoire für Universal?
Sehr wichtig. Erst durch die Zusammenarbeit mit lokalen Künstlern erhält eine Musikfirma ihre Daseinsberechtigung in einem Land. Zwar schliesst Universal Schweiz heute weniger Verträge ab als früher, dafür wollen wir mit unseren Künstlern längerfristig zusammenarbeiten. Man darf nicht vergessen, dass Schweizer Acts für die hiesigen Medien sehr interessant sind und dass sich uns so auch bessere Vermarktungsmöglichkeiten für internationale Künstler eröffnen. Da ergibt sich eine Wechselwirkung.

Können Sie beim nationalen Repertoire frei agieren oder müssen Sie gewisse Vorlagen erfüllen?
Universal Schweiz funktioniert wie jede andere Firma auch: Am Jahresende müssen die Zahlen stimmen, nur an der Rentabilität werden wir gemessen. Davon abgesehen können wir selber entscheiden, welche Schweizer wir unter Vertrag nehmen. Da sagt uns niemand, wir müssten mehr französischsprachige Künstler haben oder auf Rock setzen, nur weil der in England wieder angesagt ist. Jedes Land hat seine eigene Kultur, darum haben wir gewisse Freiheiten.

Das war nicht immer so. Lange mussten Schweizer Majors ihre deutschen Partner von einem Künstler überzeugen, bevor es zum Vertragsabschluss kommen konnte.
Ich glaube nicht an übergeordnete Landesregionen. Meiner Meinung nach muss ein Künstler zuerst im eigenen Land erfolgreich sein, um woanders reüssieren zu können. Gleichzeitig kann es ein gangbarer Weg sein, es zuerst im Ausland zu versuchen. Viele Schweizer Künstler meinen, sie hätten international sowieso keine Chance, aber in einer globalisierten Welt ist es den Leuten doch egal, woher man kommt. Wenn ich selber eine Produktion von Universal Belgien auf den Schreibtisch kriege, zählt nur, ob die Musik mir persönlich gefällt, und ob ich sie in der Schweiz verkaufen kann oder nicht.

Jahrzehntelang waren es die kleinen Plattenfirmen, die neue Talente entdeckten, die später von den Majors abgeworben werden konnten. Welche Folgen hat die Schliessung vieler solcher Talentschmieden für Konzerne wie Universal?
Wir kehren heute zu unseren Wurzeln zurück, spüren selber neue Talente auf und betreiben eine intensivere Aufbauarbeit. Wobei es in den grossen Märkten eine florierende Management- und Konzertindustrie gibt, die wie die Plattenfirmen ein grosses Interesse daran hat, neue Künstler zu fördern. So haben talentierte Musiker meistens den Management-Deal schon in der Tasche, bevor sie sich eine Plattenfirma suchen.

Um die sinkenden Tonträgerverkäufe auszugleichen, setzen die grossen Musikhäuser auf das sogenannte Rundum- oder 360-Grad-Modell, bei dem sie auch an allen Aktivitäten ihrer Künstler mitverdienen. Ist das die Lösung für die Probleme?
Das 360-Grad-Modell ergibt nicht bei allen Künstlern Sinn, gleichzeitig muss man verstehen, warum die Musikfirmen es sukzessive einführen wollen. Wir tragen beim Aufbau eines Künstlers das ganze finanzielle Risiko, aber wenn der Musiker einmal gross ist, kassieren wir keine 30 Prozent seiner Einnahmen. Dass wir als Investoren an den Nachfolgeeinnahmen partizipieren wollen, ist doch logisch, das ist in jedem anderen Geschäft gleich. Man kann aber die Live- oder Merchandising-Rechte eines Künstlers nicht einfordern, ohne eine faire Gegenleistung zu erbringen. Auch mit einem 360-Grad-Modell müssen wir bereit sein, Risiken einzugehen – in der Hoffnung, dass sich diese in zwei, drei oder vielleicht erst vier Jahren bezahlt machen.

Ganz so innovationsfreudig waren die Plattenmultis nicht immer. Man wirft ihnen vor, sie hätten die digitale Revolution verschlafen und so ihren Niedergang besiegelt.
Anstatt Tauschbörsen wie Napster rasch zu verteufeln, hätten die Musikfirmen vielleicht ein neues Modell erkennen müssen, das Millionen Menschen fasziniert und anzieht. Gleichzeitig frage ich mich, ob wir damals technologisch so weit waren, um aus dieser Idee heraus ein funktionstüchtiges Business-Modell zu entwickeln. Illegale Tauschbörsen gibt es auch heute noch, darum müssen wir jetzt ansprechende Angebote unterstützen, die den Konsumenten animieren, das Produkt Musik legal zu kaufen.

Was nicht einfach ist, da den Konzernen immer noch das Image der Abzocker anlastet, die sowieso nur das Mittelmass fördern.
Dieses Negativimage ist nicht überall bereinigt, und ich weiss gar nicht, was wir dagegen unternehmen können. Ausser ein gutes Produkt herauszubringen. In den letzten zwei Jahren ist die Qualität der Musik erfreulicherweise sehr viel besser geworden. Das führe ich darauf zurück, dass der Konsument heute einzelne Stücke beziehen kann, anstatt ganze Alben kaufen zu müssen. Diese Entwicklung hat meiner Meinung nach die generelle Qualität der Produktionen gefördert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.03.2009, 08:06 Uhr

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5 Kommentare

Manfred Rusterholz

25.03.2009, 22:25 Uhr
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Der Umsatz des Tonträger-Verkaufs ist real bisher um ca. 40% gesunken. Immer noch viel Geld im Umflauf. Gleichzeitig schliessen in London grosse CD Shops wie z.B. zaavy.com... hmm. Musik bleibt ein Business, aber es reorganisiert sich. Die Künstler werden zu Unternehmern, die eine Werbeagentur engagieren oder Sponsoring Deals eingehen... der Vertrieb geschieht über iTunes, Beatport, etc. Antworten


marc sandoz

26.03.2009, 01:19 Uhr
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herr sacchi sagt selbst: am ende wird am an der kohle gemessen. die qualität der musik habe zugenommen....haben sie mal radio gehört, herr sacchi? hören sie, mit welchem major-schrott uns die radios täglich berieseln? haben sie evtl. einmal festgestellt, dass auch das fernsehen es knapp noch bis zur kulturstufe ritchie/baschi/musicstar schafft? wollen sie uns denn alle für blöd verkaufen??? Antworten




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