Der Jazz und die einfachen Freuden der Volksmusik
Von Christoph Fellmann, Altdorf. Aktualisiert am 17.08.2009
Ein Jodel wie von Franz Schubert
Am Sonntagabend ging in Altdorf das diesjährige «Alpentöne»-Festival zu Ende, das seit 1999 alle zwei Jahre verschiedenste Zugänge zur alten und neuen Volksmusik zeigt. Der neue Leiter Johannes Rühl richtete für dieses Jahr einen Schwerpunkt mit Blasmusik ein und gründete sogar ein eigenes Orchester. Am letzten Abend des ausverkauften Festivals feierte es – zusammengestellt aus der Feldmusik Altdorf, dem Musikverein Bürglen und einer Handvoll Jazzmusikern – Premiere. Geleitet wurde es von Battista Lena, der in Italien seit zehn Jahren daran arbeitet, den Jazz der dörflichen Orchester-Tradition einzublasen.
In Altdorf war dieses Unterfangen noch wenig erfolgreich, der brave Gitarrenjazz des Leaders glitt recht kontaktlos über die blank gebohnerten Bläserarrangements. Die waren genug vertrackt, um die Wucht auszubremsen, mit denen ein Blasorchester normalerweise auftrumpfen kann, und genug schwerfällig, damit sich die Jazzmusiker nicht freispielen konnten. Eine musikalische Lose-Lose-Situation, die nur die Fragwürdigkeit (bzw. Schwierigkeit) solcher Crossover-Projekte belegt.
Von unwirklicher Schönheit dagegen «Gländ», das neue Programm von Christian Zehnder (Stimmhorn), ein Duett mit Barbara Schirmer am Hackbrett. Zehnder, der virtuose Jodler und Obertonsänger, sang zurückhaltender als auch schon, und in den stärksten Momenten hörte man Jodelmelodien, die so erhaben kunstvoll und so profund schwermütig waren wie ein Schubert-Lied.
Die ersten Schritte, mit denen sich Christof Dienz, Fagottist im Dienste der Wiener Staatsoper, wieder der Volksmusik zuwandte, waren zaghaft und nicht für die Öffentlichkeit bestimmt: Er schrieb seiner Mama zu Weihnachten ein Stück ganz im Stile der alten Tiroler Stubenmusik und nahm es mit befreundeten Musikern still und heimlich auf, sodass niemand um seinen guten Ruf fürchten musste. Anfang der 90er-Jahre ziemte es sich für ernsthafte Musiker ja noch nicht, sich den einfachen Freuden der Volksmusik hinzugeben.
Umso mehr darf man annehmen, dass das kleine Stück Musik die Mutter sehr glücklich machte – es war, als bespiele jetzt auch der Bub die heimische Kitzbühler Stube, und nicht nur dessen Vater, der mit drei anderen urchigen Typen aus der Gegend ein traditionelles Quartett unterhielt und folglich jede vierte Probe in seinem Haus auszurichten hatte.
Hardrock und Techno
Viele Jahre später sitzt Christof Dienz mit Quadrat.sch, seiner neuen Gruppe, auf der Bühne des «Alpentöne»-Festivals in Altdorf. Seit 1992 ist er zu einem der wichtigsten Exponenten der Neuen Volksmusik aus Österreich geworden, zuerst als Fagottist bei Die Knödel, die wie Attwenger oder Hubert von Goisern zu den Ersten gehörten, die vom Boom dieser Musik profitierten, in den letzten Jahren aber als Autodidakt an der Zither. Die ist bei ihm elektrisch verstärkt und mit einem Loop-Gerät verschaltet, sodass Dienz problemlos, wie er sagt, bei AC/DC mitspielen, aber auch einen Dancefloor antreiben könnte.
Besetzt sind Quadrat.sch mit Zither, Hackbrett, Bassgeige und Gitarre wie die traditionelle Tiroler Stubenmusik von Dienz’ Vater. Sobald die Gruppe aber spielt, erinnert daran bloss noch das Knarren des Parketts im Saal des Hotels Schlüssel, wenn ein Besucher das Konzert verlässt (was vorkommt). Einmal ist es, als seien die Formeln der Volksmusik zu einem elektronischen Ambient zerstäubt, ein andermal entwickeln die vier Musiker einen abstrakt zerklüfteten Rockgroove.
«Traditionelles Material spielt keine Rolle»
«Das alte, traditionelle Material spielt bei uns keine Rolle», sagt Dienz, «unser Anliegen ist der Klang unserer traditionellen Instrumente: Wir wollen herausfinden, wie weit man damit kommt.» Es sei für ihn zum Beispiel sehr reizvoll, mit der Zither, deren Image ja «katastrophal verstaubt» sei, an die hippe Clubmusik unserer Zeit anzudocken, sagt er, der in Solokonzerten aber auch schon sehr glaubwürdig ein Stück von Radiohead gecovert hat.
Es muss ja nicht gleich eine Weihnachtsgeschichte sein; aber viele Musiker in Altdorf haben wie Christof Dienz eine ähnliche Geschichte darüber zu erzählen, wie sie die Volksmusik für sich wiederentdeckten. Der Appenzeller Töbi Tobler etwa, der merkte, dass er mit einem Hackbrett viel eher als mit seinem Schlagzeug eine Beiz unterhalten und etwas Geld verdienen konnte, oder der Basler Christian Zehnder, der sagte: «Irgendetwas war in mir, eine Sehnsucht nach etwas, das man verloren hat. Ich dachte, dem gehe ich nach.» Den Österreichern ging es nicht anders, jahrzehntelang war die Volksmusik da so etwas wie die klingende ÖVP, und man wollte damit nichts zu tun haben, wenn man Jazz oder Klassik studierte oder wenigstens pubertierte.
Überzeichnete Hochzeitsweisen
Max Nagl spielte in Gmunden, einem Dorf auf halber Strecke zwischen Linz und Salzburg, in der Blaskapelle. Bis deren Leiter ihm ein Saxofon aushändigte, er sich für Jazz zu interessieren begann, wegging und mit seiner Vergangenheit abschloss. Heute gehört Nagl zu den bedeutendsten Saxofonisten in Europa, seine Gruppe Big Four ist eine der grossartigen Jazzgruppen der Gegenwart.
Aber auch Nagl ist zum Volkstümlichen zurückgekehrt, ohne Teil davon zu werden. In Altdorf spielte er mit Wumm! Zack!, einer Gruppe, mit der er zwei CDs veröffentlicht hat. Für sie hat er Stücke in der Tradition der Weisenbläser geschrieben, diesen Duos von Flügelhornisten, die in Nagls Heimat die Hochzeiten begleiten: im Haus der Braut, auf dem Rücksitz des geschmückten Autos, vor der Kirche, und so weiter.
«Ich habe in der Musik, mit der ich aufgewachsen bin, etwas gesucht, das sich gut mit Jazz verbinden lässt», sagt Nagl (48). «Das sind uralte, ohne Noten überlieferte Stücke, und sie sind wahnsinnig schön, die gefallen mir heute noch.» Und wer denkt, dass eine Band, die sich Wumm! Zack! nennt, das volkstümliche Material für eine Parodie verwendet, der wird im Konzert schnell eines Besseren belehrt – das mit zwei Franzosen und zwei Österreichern besetzte Quartett spielt mit heiligem Ernst, auch wenn man sich dazu gerne auch skurrile Szenen einer Hochzeit ausmalt, in denen unverheiratete Überhöckler die Hauptrolle spielen, die Tante mit dem Schrumpfgehirn oder der Dorftrottel, der sich im Triolenrausch am Gabentisch den Kopf blutig schlägt.
Das ist eine geschwinde, zupackende und kunstfertige Musik mit kräftigen Punchlines und vielen kleinen, glitzernden Details. Und man darf schon sagen: Nagls Band leistet für die dörfliche Blasmusik seiner Heimat Ähnliches wie John Zorn mit Masada für die jüdische Festmusik. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.08.2009, 19:20 Uhr




