Der Teufel war ihm auf den Versen

Vor 100 Jahren wurde der Bluesmann Robert Johnson geboren. Er starb jung, wurde schnell vergessen. Wie das neue Mastering seiner Songs belegt, war er ein Meister: als Sänger und Gitarrist.

Scheuer Charakter, charismatische Ausstrahlung: Robert Johnson in den frühen 30er-Jahren.

Scheuer Charakter, charismatische Ausstrahlung: Robert Johnson in den frühen 30er-Jahren. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Dann macht er seinen zweiten Fehler: Er trinkt aus einer angebrochenen Whiskyflasche. Zuvor hat Robert mit einer Frau angebandelt. Ihr Mann, der Wirt, hat das gesehen: Das war Roberts erster Fehler.

Aber das Anbandeln fällt ihm leicht, denn noch viel mehr als den Whisky liebt er die Frauen. Und noch viel mehr als ihre Männer lieben sie ihn, den schönen Vagabunden mit der Gitarre, die er mit seinen langen Fingern spielt, und mit der Stimme, die locken, drohen, flehen, schreien und stöhnen kann. Und dabei von der Liebe erzählt, der Einsamkeit, der kahlen Strasse, dem Sonnenuntergang über der Weggabelung, dem roten Licht des abfahrenden Zugs, dem Regen, den Nächten, dem Jüngsten Tag.

Schäumend auf allen vieren

Robert beginnt wieder zu spielen, kommt aber nicht weit. Das Gift zerfrisst ihn, er krümmt sich, geht zu Boden, kriecht auf allen vieren mit Schaum vor dem Mund, heult wie ein Hund.

Man sagte ihm nach, er habe seine Seele dem Teufel verkauft, um Mitternacht bei Leermond an der Kreuzung des Highway 8. Worauf ihm der Teufel die Gitarre gestimmt habe, damit er spielen könne wie kein anderer. Jetzt holt sich der Teufel, was ihm gebührt. «Save poor Bob if you please», hatte Robert auf den Knien gefleht, in seinem «Crossroad Blues»; doch er ist verloren. Sie tragen ihn von der Bühne. Er verendet drei Tage lang. Am 16. August 1938 stirbt Robert Johnson, der streunende Bluessänger, in der Nähe von Greenwood in Mississippi. Er ist 27 Jahre alt.Woran er wirklich gestorben ist, bleibt umstritten. Je grösser die Lücken in seiner Biografie, desto mythischer die Erzählungen über ihn, die eben referierte ist nur eine davon. Es gibt zwei Bilder von ihm und drei Grabsteine. Das meiste an seinem Leben und Sterben bleibt vage, und was gesichert ist, lässt kein glückliches Leben vermuten.

Ein einziger Hit

Robert Johnson wird als uneheliches Kind mit zehn Geschwistern geboren und ist schon als Knabe vom grünen Star geplagt. Er wächst unter anderem in Memphis auf, verlässt die Schule bald. Arbeitet auf den Baumwollfeldern, unternimmt ungelenke Versuche mit Gitarre und Mundharmonika. Mit 19 Jahren heiratet er zum ersten Mal. Frau und Kind sterben im Kindbett, sie ist 16 Jahre alt. Nach längerer Absenz taucht er in Robinsonville, Mississippi wieder auf: als überragender Gitarrist, Sänger und Interpret, ein schöner, scheuer Mann mit einer magnetischen Ausstrahlung. Von 1932 an bis zu seinem Tod reist er von einem Dorf zum nächsten, spielt in Beizen, Juke Joints und auf der Strasse. Mit dem Güterzug unternimmt er Fahrten bis nach St. Louis, Chicago, Detroit, New York und sogar Kanada. Er kommt meistens bei Frauen unter, er bleibt nirgends lange.

In Texas nimmt Johnson in mehreren Sessions Eigenkompositionen auf, 1936 in einem Hotel in San Antonio und ein Jahr später in Dallas. Bekannt machen sie ihn nicht. Der «Terraplane Blues», sein einziger Hit, verkauft sich zu Lebzeiten 5000-mal. Bis heute hat sein Gesamtwerk Millionen von Hörern erreicht, mehrhundertfach werden seine Stücke nachgespielt. Viele von ihnen, darunter «Dust My Broom», «Sweet Home Chicago», «Standing at the Crossroad», «Love in Vain», «Come on in My Kitchen» oder «Stop Breaking Down» sind so bekannt, dass man ihn gar nicht mehr als Autor nennt.

Die Melodien seiner Stücke hat er von anderen Musikern übernommen, dem grossen Charley Patton etwa, den Mississippi Sheiks, Skip James und anderen, deren Songs er ebenfalls im Repertoire führt. Aber keiner spielt den Blues wie er, keiner singt wie er, und keiner singt so von den Letzten Dingen.

Im Blues begraben

Soeben sind Johnsons 29 erhaltene Stücke und Zeitaufnahmen in einer stupend gemasterten Neuauflage erschienen, die ungehörte Details auf unerhörte Weise hörbar macht. Die Wiederbegegnung kommt einer neuen Erfahrung gleich. Man hört einen Sänger der Moderne aus einem vergangenen Jahrhundert, einen Existenzialisten, der mit Humor und Zärtlichkeit, voller Leidenschaft und Angst vom Leben singt, von der Liebe, von Gott, vom Teufel.

Und dieser war ihm immer auf den Versen. In Robert Johnsons Stimme und seinen Texten wird er als drohende Präsenz spürbar. «Der Höllenhund ist mir auf der Spur», singt er einmal oder beschreibt im «Preachin’ Blues (Up Jumped the Devil)», wie seine Musik selber, der Blues, kalt sein Herz ergreift und ihn zu Tode bringt. Doch die Angst, von der er singt, geht weit über den Fluchtversuch eines Gehetzten hinaus. Weil sie denselben jähen Schrecken vermittelt, der den Wahnsinnigen in Guy de Maupassants «Le Horla» ergreift: die Erkenntnis, dass der Flüchtende Teil dessen ist, dem er zu entkommen trachtet.

Willkommen, Satan

«Me and the Devil Blues» heisst das Stück, in dem der Sänger die Erkenntnis kommentiert, und er tut es mit einer gespenstischen Heiterkeit: «When you knocked upon my door / I said hello Satan / I believe it’s time to go.» Er empfängt den Teufel bei sich zu Hause wie einen Freund. Wenige Zeilen später hat die Bestie ihn ergriffen: «I’m gonna beat my woman until I’m satisfied.» «Ich werde meine Frau schlagen, bis ich zufrieden bin», singt der zärtliche, schmalgliedrige Mann, der in anderen Songs um die «kind-hearted woman» wirbt oder sie vor dem schweren Regen schützen möchte. Der Satz hat nichts von seiner Grausamkeit verloren: Da singt ein Besessener. Daran kann der grimmige Humor nichts ändern, mit dem das Stück schliesst: «You may bury my body / Down by the highway side / So my old evil spirit / Can get a Greyhound bus and ride.» Begrabt mich am Strassenrand, damit mein böser Geist den Bus nehmen kann. Die Beschreibung wirkt zeitlos, das Detail alltäglich modern: der Greyhound-Bus.

Zu solchen Texten begleitet sich der Sänger mit einem Spiel auf der akustischen Gitarre, bei dem er alle Tricks, Wendungen, Klangfarben, Arpeggien, geschlagene und gegriffene Akkorde nicht nur virtuos einbringt, sondern mit dem Spiel den Text kommentiert, antreibt, untermalt, kontrastiert. Kein anderer Bluesmusiker hat Wort und Ton auf so dramatische, zugleich so scheinbar einfache Weise aufeinander bezogen wie Robert Johnson. Er spielte zweistimmige Läufe mit ostinater Bassbegleitung, dem rollenden Spiel von Pianisten wie Leroy Carr entnommen, löste die Blueskadenzen mit verminderten Sexten und Septimen auf, brachte mit dem Bottleneck die Saiten zum Heulen Er verlangsamte und beschleunigte sein Spiel, baute der Spannung zuliebe zusätzliche Takte ein und experimentierte mit kühnen, auf verminderten Akkorden basierenden Gitarrenstimmungen. Robert Johnson hat sich den Blues, diese karge Klage einer Subkultur, zu eigen gemacht wie kein anderer.

Er zog weiter, weil er musste

Zeitlebens war er kaum bekannt, dann wurde er zum Mythos. «Es gibt viele Missverständnisse um Robert Johnson», sagt sein Biograf, der amerikanische Bluesarchivar Edward Komara, im Gespräch; er werde sowohl über- als auch unterschätzt. Überschätzt, weil sein Werk erst Anfang der 60er richtig entdeckt worden sei, mit der Platte «King of the Delta Blues Singers». Also zu einem Zeitpunkt, als der schwarze Blues seine Höhepunkte längst überschritten habe.

Zugleich werde Johnson auch unterschätzt, weil die Mythen um sein Leben von seinem Werk ablenkten. «Sie verunklaren die Themen seiner Lieder. Die Gefahren, von denen Johnson metaphorisch sang, waren für einen jungen schwarzen Mann, der im segregierten Süden alleine unterwegs war, eine Realität». Bluesmusiker hätten selbst in der schwarzen Bevölkerung als unzuverlässig gegolten, landstreicherisch. Robert Johnson sei meistens nur so lange an einem Ort geblieben, bis er etwas Geld verdient habe. «Oft zog er sofort weiter, weil er weiter musste.»Er klingt, als sei er immer noch unterwegs. Wer ihm zuhört, wähnt ihn sehr weit weg. Und sehr nahe bei sich. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 07.05.2011, 11:26 Uhr)

Stichworte

CDs und Bücher

Robert Lee Johnson wurde am 8. Mai 1911 als uneheliches Kind in Hazlehurst, Mississippi, geboren. Seine Grosseltern waren noch Sklaven gewesen. Nachdem er die Schule abgebrochen hatte, arbeitete er zunächst als Plantagenarbeiter und lernte von verschiede-nen Musikern das Gitarrenspiel. Bis zu seinem Tod mit 27 Jahren (am 16. August 1938) zog er als Musiker durch den Süden der USA. Die Todesursache ist bis heute umstritten. 1936 und 1937 nahm Johnson in zwei Sessions seine 29 Songs auf (in insge-samt 41 Versionen). Sie verkauften sich kaum, Johnson blieb zeitlebens unbekannt. Jetzt sind seine Aufnahmen neu gemastert als «The Centennial Collection» auf zwei CDs erschienen. Zu empfehlen auch die CD «The Roots of Robert Johnson» (Yazoo, 1991).

Die spärlichen Informationen über Johnsons Leben hat Peter Guralnick in seiner exzellenten Biografie zusammengetragen («Crossroads», deutsch bei Hannibal). Lesenswerte Aufsätze über Johnson kommen auch von Greil Marcus, etwa in «Mystery Train» (deutsch bei Rogner & Bernhard) oder in «The Dustbin of History» (1995, nur englisch). Einen neuen Blick auf den Musiker hat Elijah Wald in «Escaping the Delta» geworfen (2004, nur englisch). Das Stan-dardwerk zu Johnsons Musik stammt vom Bluesarchivar Edward Komara: «The Road to Robert Johnson: The Genesis and Evolution of Blues in the Delta From the Late 1800s Through 1938» (2007, nur englisch). (cf/jmb)

Artikel zum Thema

Rock'n'Roll-Schuppen eröffnet an der Langstrasse

Mit dem Gonzo eröffnet heute, Donnerstag, im Kreis 4 ein neues Tanzlokal. Anstatt Techno wird im Club im Kellergeschoss vorwiegend Gitarren-Musik gespielt. Mehr...

Zappa, Kitsch und Wale

Ein Sideman rockt los: Marc Ribot, bekannt von Tom Waits und John Zorn, hat eine eigene Band. Mehr...

Die Punk-Mutter ist tot

Poly Styrene war eine Vorreiterin im männerdominierten Punkrock. Nun ist sie mit erst 53 Jahren an Brustkrebs gestorben. Ein Nachruf. Mehr...

Werbung

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Wildfang: Ein Tierpfleger präsentiert im Zoo von Maubeuge (Frankreich) ein neugeborenes Leoparden-Baby (29. Juli 2014).
(Bild: Philippe Huguen) Mehr...