Der schnoddrige Udo

Mit Udo Lindenberg würde man gerne mal ein Bierchen zischen. Ein Konzert von ihm muss man nicht unbedingt sehen.

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Udo Lindenberg ist ein Unikum. Einer, dem jeder das Lebemännische und Schrullige zugesteht. Einer, mit dem man gerne mal ein Gläschen – vielleicht sogar Eierlikör – trinken würde. «Einfach eine tolle Type», wie einer seiner Landsleute bei Bier und Pizza mit Wurstbelag vor dem Konzert am Freitag auf der Piazza Grande in Locarno konstatiert und dann seinen Reisebegleiter an die glorreichen Achtziger erinnert, in denen der Barde mit seinen Konzerten in der DDR für politischen Zunder sorgte.

Lindenberg, das ist vor allem aber auch derjenige, der die deutsche Sprache wieder songtauglich gemacht hat. «Easydeutsch», «Lockerdeutsch» oder «Kaugummi- und Knetgummideutsch» hat er seine Songsprache selbst schon genannt. Bei ihm flutschen die Zeilen wie von selbst. Hits wie «Sonderzug nach Pankow», «Horizont», «Andrea Doria» oder «Reeperbahn» zeugen davon. Und auch wenn er einfach nur labert, kommt das cool und lässig daher.

«Seid ihr die holländische Trauergemeinde?»

«Buona sera! Geile Gegend hier!», ruft Lindenberg, als er nach drei Songs das Publikum begrüsst. Dass praktisch alle auf der knapp zu drei Vierteln gefüllten Piazza die orangen Hüte des Hauptsponsors tragen, handelt er schnell ab: «Seid ihr die holländische Trauergemeinde?»

Dann nuschelt er noch ein paar Sätze über den von ihm hochverehrten Hermann Hesse, Montagnola und den Monte Verità. Und darüber, dass er jetzt jahrelang einen kleinen Blues in der Tasche gehabt habe, weil er schon länger nicht mehr in der Schweiz gespielt habe. Ja, so konferiert er zwischen den Songs, stellt sein Panikorchester vor, das er vor 41 Jahren gegründet hat, und erzählt dann eine kleine Geschichte, die in den nächsten Song überführt.

Betreutes Rocken

Diese Songs wirken an diesem Abend leider nicht griffig und kompakt. Obwohl besonders die rockigen Nummern genau das sein sollten, genau das intendieren. Lindenberg komponiert nach dem 3-Akkorde-Ideal, lässt oft jegliche Schnörkel und Sperenzchen weg. Nur seine nuschelige Stimme darf im Soundbild vom schnurgeraden Weg abweichen. Eigentlich will er hier mit seiner Gruppe «betreutes Rocken» betreiben, wie er mehrfach betont. Aber es klingt lange nach kraftlosen Cover-Versuchen von AC/DC oder Status Quo, manchmal gar nach Traumschiff-Swing. Vielleicht liegt es auch an der schlechten Tonmischung.

Grundsätzlich scheinen die Lieder an diesem Abend aber praktisch nur drei Ausprägungen zu kennen: geraden Schweinerock, so eine Art Boogie-Woogie-Rock und die E-Piano-Ballade. Manchmal mischt sich noch ein bisschen Slideguitar hinzu, aber that’s it. Die Funk-Spritzer und gelenkigen Rhythmen, die er sich in den Achtzigern aus dem Ärmel schüttelte, kommen nicht zur Aufführung. Das Tänzelnde geht dem Ganzen fast völlig verloren.

Aus dem seichten Wasser gesteuert

Udo selber will man die Schuld nicht geben. Zu lässig schwingt er sein Kabelmikro, zu cool kommen die Sprüche. Derangierter Blick, direkte Sprache. Allein kann er aber seinen grossen Tross nicht ziehen. «Wo is’ deine Power hin, wo ist sie geblieben?», fragt ihn eine der Background-Sirenen im Stück «Das Leben». Die Antwort konnte er erst gegen Ende seines recht schläfrig strukturierten Konzerts geben: Sie ist noch da – nur in den Stimmbändern steckt sie nicht.

Nach zwei Stunden, bei Stücken wie «Jonny Controlletti» oder «Candy Jane», stimmt dann plötzlich fast alles: Zum pink-grünen Licht leitet Lindenbergs Truppe – samt Gastsängerin Stefanie Heinzmann – ein grosses Showfinale ein. Toll dann auch die neue Version seiner «Reeperbahn»-Hymne. Der Sündenpfuhl wird bei ihm zur «geilen Meile» und zur «Gangsterbraut». Der Sound hat endlich etwas Wuchtiges.

Eine halbe Stunde später ist Schluss. Udo Lindenberg hat seinen Kreuzfahrtkahn gerade noch aus dem ganz seichten Wasser gesteuert. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.07.2014, 15:01 Uhr

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