Der singende Psychiater

Vor 37 Jahren komponierte Dominique Grandjean «Campari Soda», die heimliche Landeshymne. Jetzt macht er wieder Musik.

Er selber hört keine Popmusik mehr, er findet sie eintönig: Dominique Grandjean. (Video: Jan Derrer, Doris Fanconi)

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Ein kleiner Mann mit Seitenscheitel und dunklen Augen, Vater und Psychiater, hat das schönste Lied der Schweiz geschrieben. Es handelt vom Stillstand beim Davonfliegen, vom Schwanken des Flugzeugs über dem Nebelmeer, vom Summen des Ventilators. Es erzählt vom endlosen Moment. «Campari Soda» hat zwei Strophen, die erste wird zweimal wiederholt mit minimen Variationen. Dreimal singt der Sänger den Satz in seinem scheuen Zürichdeutsch, der ihn seit bald vierzig Jahren verfolgt, auf den er immer wieder hindefiniert wird, obwohl der Satz ihn zum Verschwinden bringt:

«Es isch, als gäbs mi nüme mee.»

Das war 1977, im Jahr des Punk, wenn auch nicht in Zürich, einer kalten Stadt damals, drei Jahre bevor die Jugendbewegung Feuer legte. Dominique Grandjean war auch kein Punk, er war Assistenzarzt am Burghölzli, der psychiatrischen Klinik am Stadtrand. Dass seine heimliche Landeshymne das Schweizersein in seiner Melancholie beschreibt, will er immer noch nicht erkennen. Dass sich Junge und Wilde auf seinen Song beriefen, hält er für ein Missverständnis.

«Sie hörten ihn als Fluchtversuch, als Absage an das Land. Dabei habe ich nicht an die Schweiz gedacht. Sondern daran, was man für ein Gefühl haben kann so weit oben. Es ging mir darum, die Flüchtigkeit eines Augenblicks zu fassen, der plötzlich ein Geheimnis bekommt. Mein Vorbild war der japanische Haiku, obwohl mein Text ein hundsmiserabler Haiku ist, denn der würde niemals über sich selber räsonieren. Trotzdem gefällt mir an diesem Stück, wie knapp es ist, auch musikalisch. Kein Bass, kein Schlagzeug, kein Boden.»

Er selber hört keine Popmusik mehr, er findet sie eintönig; wenn schon einfach, dann so radikal wie die Velvet Underground. Grandjean zitiert «Heroin», die Chronik einer Selbstzerstörung. Lou Reed schrieb sie 1964 und nahm sie zwei Jahre später auf. Mit tonloser Stimme sang er vom Entschluss, sein Leben zu vernichten. «I have made the big decision / I’m gonna try to nullify my life.» Er klang, als gäbe es ihn nicht mehr. Lou Reed war 24 Jahre alt; er starb mit 71.

Mit der Tochter spielte er Bach

Mindestens so wichtig wie die Melodie findet Grandjean den Rhythmus der Sprache, deshalb gefällt ihm auch der Hip-Hop mit seinem rhetorischen Stakkato. Sonst hört er Klassik, von Schönberg bis Schubert, von Beethoven bis Bach, gelegentlich zur Gregorianik sakralisiert, wenn er die Kathedrale von Einsiedeln aufsucht. Früher begleitete er seine Tochter Renée auf dem Keyboard, sie war an der Geige. Sie spielten Bach. Er sagt: «Wir versuchten, Bach zu spielen.» Er hat seine Tochter nach einer Scheidung allein grossgezogen. Sie ist ihm das Wichtigste mit dem Beruf und der Musik. Renée ist 28 Jahre alt und spielt Bass in seiner neuen Band, die so heisst wie er: Grandjean.

Der Therapeut, der nicht heilt

Er entschuldigt sich, als er den Namen sagt. Er weiss, was er will, er stand schon oft auf einer Bühne, er weiss um seine Autorität. Dennoch wirkt er schüchtern. Er sei ein Dilettant, sagt er, als sei das ein Beruf. Vornübergebeugt wie ein Patient sitzt er im abgewetzten Sessel seiner Praxis. Er fängt mehrmals an beim Reden. Der Rauch seiner Zigarette spiralt an die Decke. «Bei mir darf man», sagt er, «auch in der Stunde.» Der singende Psychiater wird demnächst siebzig. Er arbeitet aus dem selben Grund weiter, wie er Musik macht: Es gefällt ihm. Man merkt es ihm nicht an.

Wenn Dominique Grandjean von seiner Arbeit erzählt, tut er das mit derselben Art, mit der er über seine Stimme redet. Er sei kein Psychoanalytiker, sagt er, er habe keine Heilmethode. Statt von einer Therapie spricht er von Gesprächen, Erfahrung ist ihm wichtiger als diplomierte Kompetenz. Er behandelt seit vierzig Jahren.

«Vor kurzem kam eine Frau zu mir in die Praxis, sie suchte einen Therapeuten, der ihre Essgewohnheiten behandeln sollte. Wir hatten ein gutes Gespräch, aber am Schluss sagte sie, ich solle jetzt nicht beleidigt sein, nur: Was hätte ich eigentlich zu bieten? Ich sagte ihr, ich käme mir vor wie bei einem Casting vor der Jury. Und ich hätte eigentlich sehr wenig zu bieten. Sie hat sich nicht mehr gemeldet. Ich wende halt nicht irgendwelche Techniken an. Sondern probiere, so viel zwischen zwei Menschen zu beseitigen, bis sie auf Augenhöhe miteinander reden können.»

Sein Praxiszimmer wirkt leerer, als es ist, wie bei einem Gemälde von Edward Hopper. Die Bilder an den Wänden sehen aus wie Skizzen. Auf dem Pult steht eine elektrische Schreibmaschine. Der Blick geht vom fünften Stock über die Stadt. Das Haus steht bei der ETH, wo Grandjeans Vater dozierte, er war Professor für Ergonomie, die Mutter handelte mit Kunst. Draussen verglüht ein Sommertag. Man fühlt sich wie bei «Campari Soda». Grandjean bringt Eistee.

Der tägliche Pöstler

Was die Psychiatrie mit seiner Musik zu tun habe, wird er oft gefragt. Dabei gibt sein berühmtester Song die Antwort: Es geht nicht um Befreiung, sondern um Erkenntnis. Grandjean mag kein Psychoanalytiker sein, aber Sigmund Freud hätte ihm zugestimmt. Er weigerte sich, eine Heilslehre zu verkünden. Die Analyse führt bei ihm nicht ins Glück, sie zeigt die Gründe für das Unglücklichsein. Aufklären, nicht verheissen. Erinnern, deuten, durcharbeiten.

Was der Musiker Grandjean mit dem Psychiater auch gemein hat, ist das Eigensinnige. Man hörte es bei der Gruppe Hertz, die Grandjean 1977 mitbegründete, die 1983 auseinanderfiel, sich vor acht Jahren reformierte, «bevor alles wieder zusammenkrachte», wie er es nennt, «nicht zuletzt wegen mir». Hertz spielten eckige Lieder mit einfallsreichen Melodien, in denen Grandjean die Schweiz besang als Gefühl. Mit Texten über den Gottharddurchstich, eine Hütte am Alpenrand, den täglichen Pöstler oder Willy Ritschard, den wackeren Bundesrat: «Sozialdemokrat, charismatischer Magistrat, liebt das Wandern, liebt Gespräche.» Ritschard war gerührt.

Üben unter Beton

Ein paar Tage später trifft man den singenden Psychiater wieder, in einem Betonraum ohne Fenster, der sich unter eine Tiefgarage duckt, nahe beim Bahnhof Tiefenbrunnen. Isolationsmaterial baumelt von den Wänden, Spotlampen hängen von der Decke, Drähte schlängeln sich über den Boden, ein Sofa steht da, ein Kühlschrank, die Instrumente sind aufgestellt, die Verstärker und Mikrofone. Es ist Mittwoch, und Grandjean proben. Michael Boxer ist noch dabei, der Schlagzeuger von Hertz, er arbeitet als Elektroniker. Grandjeans Tochter ist Ärztin, sie kommt von der Arbeit und hängt sich den Bass um. Nicolas Frey, der junge Gitarrist, hat bildende Kunst studiert und sich der Band vor kurzem angeschlossen. Das Quartett probt ein altes Stück von Hertz, «es tönt ein wenig schräg», sagt der Songschreiber, «aber das ist so gewollt». Es geht zackig los, und Grandjean singt:

«Und wir streifen wie die Katzen durch das hohe Gras, die Katzen / und wir picken wie die Spatzen all die Krümel von den Plätzen / und wir sitzen nachts im Federschmuck / und wir rufen nachts wie der Kuckuck in den Ästen / und wir nagen wie die Mäuse, nagen an den alten Resten Zukunft längst vergessen»

Zwischendurch entspannt sich der Rhythmus, ein sämiger Basslauf übernimmt die Führung, die Gitarre beschränkt sich auf Einwürfe. Der Übergang klappt nicht, die Gruppe übt ihn mehrmals durch. Bei der Pause auf dem Sofa erzählt Grandjean von der Ausstellung über Gerhard Richter, die er am Wochenende in Riehen gesehen hat. Am Anfang stehe das Projekt, las er im Katalog, dann übernehme das Bild.

Der Campari Soda mischt sich aus über achtzig Zutaten zusammen, darunter Wasser und Ethanol, Rhabarber, Granatapfel, Ginseng, Zitrusöl, Zuckersirup, Chinin, Karminrot, Kräuter und Gewürze, die Rinde des Kamarillabaumes. «Campari Soda» dauert etwas über drei Minuten. Ein bröckelndes Klavier kommt darin vor, ein Tenorsaxofon, ein Schellenring, ein Radio und Maschinengeräusche vom Synthesizer. Der Song verkaufte sich bei Erscheinen 600-mal. Er kam gelegentlich am Radio. Stephan Eicher nahm 1999 eine sentimentale Version auf, auch andere machten Pathos draus. Vor zehn Jahren setzte Swiss das Lied als Werbung ein, und es kam in die Hitparade. Welche Version ihm am besten gefalle, fragt man Grandjean beim Abschied. «Eine Version ohne Musik», sagt er, «es war der Begleittext einer Traueranzeige. Vermutlich ein Pilot.»

Der liegt jetzt unter dem Nebelmeer. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.07.2014, 07:44 Uhr

Taxi, «Campari Soda»

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Hertz, «Willi Ritschard»

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