Die Leine im Griff

Schnellertollermeier aus Luzern und Zürich legen mit «X» ein überragendes Album zwischen Jazz und Rock vor. Trotzdem spielt die Band mit dem seltsamen Namen darauf keinen Jazzrock.

Sie nennen sich Schnellertollermeier und klingen in stillen Momenten so beruhigend wie ein schlafender Tyrannosaurus Rex. Foto: PD

Sie nennen sich Schnellertollermeier und klingen in stillen Momenten so beruhigend wie ein schlafender Tyrannosaurus Rex. Foto: PD

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Der Ton des Gesprächs ist ruhig, sachlich, auf Genauigkeit bedacht. Dabei ­haben die drei Musiker, die an diesem Abend in einer Zürcher Bar bei Schorle, Weisswein und Bier sitzen, ein Monster kreiert. Nennen wir es «X». Eine Platte unter Hochdruck. Ein impertinentes, verdichtetes Ding. Voll mit Energie, aber Energie nicht als Anfall, sondern als Voraussetzung. Und wenn die Musik, was vorkommt, still wird, in minimalen Mustern voranrückt, dann klingt auch das nie zenzeremo­niell. Sondern ungefähr so beruhigend wie ein schlafender Tyrannosaurus Rex. Friedlich, aber mit jedem Atemstoss zeichnen sich die Muskeln und Sehnen ab. Do not disturb.

Dies ist eine der aufregendsten Platten, die in diesem Land erschienen sind. Was aber noch nicht erklärt, worum es sich bei «X» denn eigentlich handelt. Rock: ja. Jazz: ja. Jazzrock: nein! Minimal Music: ja. Elektronische Musik: irgendwie auch. Hardcore, Ambient, improvisierte Musik: auch drin. «Wir tauschen die ganze Zeit alle mögliche Musik aus», sagt Manuel Troller, und wer die drei Musiker kennt, kennt sie vermutlich von einer der zahlreichen Gelegenheiten, bei denen man sie in den Konzerten anderer Musiker trifft. In der Bar beim Auftritt des Singer-Songwriters ebenso wie in der Klause der Improvisatoren; vor der grossen Indiebühne gleich wie in der ­langen Clubnacht. Oder in der Tanzperformance, nach der man sich mit ihnen über die Wirkung von Rhythmen und ­Repetition unterhalten kann.

Dass sich Manuel Troller (Gitarre), Andi Schnellmann (Bass) und David Meier (Schlagzeug) zu einem klassisch besetzten Powerrocktrio zusammengeschlossen haben, steht in fast schon ­frivolem Gegensatz zur Vielfalt zeit­genössischer Musik und Kunst, die sie sich einverleiben. Aber durchaus nicht im Gegensatz zur Musik, die dann herauskommt, wenn sie als Schnellertollermeier die Bühne entern. Denn es ist in der Tat eine Rockenergie, die sich mit Backbeats und Gitarrenattacken durch das weit offene musikalische Universum dieser Band brennt. Man könnte sagen, der klassische Rock, wie ihn Cream oder Velvet Underground spielten, wüte hier im Wissen um die Tiefe und Schönheit elektronischer Texturen, serieller Strukturen und abstrakten Körperausdrucks.

Ein Ding ist nicht ihr Ding

Der Schritt in den Rock, den die Absolventen der Jazzschulen von Bern und Luzern für ihre dritte Platte gemacht haben, geschah bewusst: «Wir wollten nicht nochmals das gleiche Album machen», sagt David Meier. «Und weil wir alle in den letzten Jahren recht viel improvisierte Musik gespielt haben, überlegten wir uns, noch viel weiter in die freie Impro zu gehen. Dann entschieden wir uns für das genaue Gegenteil.» Das ging auch darum gut, weil Meier und seine Bandkollegen keine Jazzer sind, die eben mal beschlossen haben, sich mit Rockmusik abzugeben. Man kennt ja die einschlägigen Bands, die sich im ­Gestus der Veredelung über Rocksongs beugen; die aber kaum darüber hinauskommen, wie Jazzmusiker zu klingen, die bekannte Melodien verdudeln.

Schnellertollermeier sind gleichermassen Rockband und Jazztrio. Die drei Musiker sind um die 30 Jahre alt, spielen je in sieben, acht, neun Bands und ge­hören zu einer Generation von Jazzmusikern, die sich ganz selbstverständlich mit anderen Stilen auskennt. David Meier war schon mit Rock imprägniert, bevor er die Jazzausbildung begann. ­Manuel Troller und Andi Schnellmann haben in der Band von Sophie Hunger gespielt. Und sie bereiten gerade mit Koi ein Album vor, einer Band, die Troller mit Benjamin Bucher von Alvin Zealot gegründet hat. Erste Hörproben lassen auf ein superbes Popalbum im Geist von Radiohead und Grizzly Bear hoffen.

«Ich habe den Eindruck, dass es heute schwieriger ist, mit einer einzelnen Band so oft zu aufzutreten, wie es noch vor zwanzig oder dreissig Jahren möglich war», sagt David Meier. «Klar kannst du dann sagen, okay, wir üben, üben, töggelen und üben. Aber lieber gehe ich auch noch meinen anderen ­Interessen nach, gründe andere Bands und trete mit ihnen auf. Musik muss sich auf der Bühne manifestieren.» Auch Schnellertollermeier spiegeln damit eine Entwicklung, wie sie in der ganzen Musikszene zu beobachten ist: Um überleben zu können, fächern Musiker ihre Karriere auf. Kulturpessimisten können das beklagen, und wie Manuel Troller bestätigt, «gibt es unter Musikern durchaus die Meinung, man müsse sich auf ein Ding konzentrieren».

Die Ironie an der Sache ist gerade, dass die Arbeit in verschiedenen Bands die Karriere jeder einzelnen dieser Bands verlängern kann. Schnellertollermeier haben seit 2006 jede Woche mindestens einmal geprobt und aber erst drei Platten aufgenommen. Das heisst, sie konnten sich immer die Zeit nehmen, um auf neue Ideen zu kommen und ihren Band-Sound weiterzuentwickeln. Wer weiss, ob das Trio noch existieren würde, hätte es damals aus dem Stand eine selbsttragende Karriere aufbauen müssen; wer weiss, ob die drei Musiker die Zeit gefunden hätten, mit Sophie Hunger zu spielen, mit Hans Koch, Martin Schütz oder dem ­Ensemble für Neue Musik in Zürich. «X» rockt denn auch nicht einfach los. Am Anfang dieser Platte stand der Rückzug ins Schreiben, in die Komposition.

Und so klingt «X» in keinem Moment wie die Platte einer Band, die ein Projekt unter vielen ist. Niemand muss hier ­zeigen, was er alles kann; man hört hier weder Country noch freie Impro. Man hört drei Musiker, die sich über den Klang jedes einzelnen Stückes im Klaren sind. Da gibt es keine Manierismen und unhinterfragten Muster – nicht im brutalen Punch der Gitarren, mit denen das lange Titelstück «X» ansetzt, nicht im seltsam stotternden Drone, in den es nach ein paar Minuten fällt wie in eine verirrte Musique concrète, und auch nicht den Slidebewegungen der Gitarre, die nach elf Minuten an die frühen Pink Floyd erinnern. Und mitten durch die heftigsten Attacken huscht ein kleines, kubistisches Gitarrenmotiv. Hinter dem pfeifenden Voodoo-Groove von «Back­yard Lipstick» will in «Massacre du ­P­­rintemps» schon wieder der Rockkampfhund fletschend von der Leine. Doch zwei Zentimeter vor unserem Ohr hält ihn die Band unter Kontrolle.

Mikros fürs Fensterglas

Hört man den Musikern zu, wie sie über ihre Studioarbeit erzählen, stellt man fest, wie sehr sich diese fast schon ­körperliche Wirkung, dieser direkt und lebendig klingende Sound einer fast endlosen Tüftelei verdankt. Etwa all den unzähligen Mikrofonen, die noch den Klang des vibrierenden Fensterglases eingefangen haben. Oder der technischen Simulation jenes Effekts, der sich an ­lauten Konzerten einstellt, wenn nämlich das Ohr zu seinem eigenen Schutz die Musik zu verzerren beginnt. «Das ist für mich der Sound von Rock», sagt ­Manuel Troller, «und den wollten wir in den lauten Passagen reproduzieren.» Ein Satz, wie ihn keiner sagen würde, der sich dieser Osmose von Sound und Körper nicht regelmässig und gern ausgesetzt hat. Aber auch keiner, der über seine Musik nicht sehr genau nachdenkt.

«X», das Monster, ist aus Erfahrung geboren. Aus Präzision. «Wir spielen auch komplizierte Sachen», hat Schnellmann gesagt. «Aber sie sind nie so kompliziert, als dass wir sie nicht mit einer Reserve spielen können.» Was er meint: dass diese Reserve erst die Energie hergibt. Und wie es klingt? Wie eine Drohung.

Schnellertollermeier: X (Cuneiform); Konzert: 10. April, Walcheturm Zürich. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 25.02.2015, 17:35 Uhr)

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Brutale Präzision: Das Titelstück des neuen Albums in einer frühen Version,live am 22. Dezember 2012 im russischen Dubna.

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Zwei Jahre später: Der Anfang des gleichen Stücks in der Albumversion.

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Aus dem Jazz in den Rock: Das Stück «Spaltjahr / Frauen, die sich wie Männer, die sich wie Frauen verkleiden» aus dem vorigen Album, ebenfalls live aus Dubna.

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Smells like Aufruhr: «Riot», ein weiteres Stück des neuen Albums, ebenfalls live aus Dubna.

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