Die Welt, wie sie klingt und kracht

Die Zukunft der Popmusik kommt aus Kamerun, Brasilien – und den Alpen.

Nicht nur exotische Klänge: Norient beschäftigt sich auch mit Schweizer Volksmusik (Aufnahme vom Eidgenössischen Volksmusikfest in Chur, September 2011).

Nicht nur exotische Klänge: Norient beschäftigt sich auch mit Schweizer Volksmusik (Aufnahme vom Eidgenössischen Volksmusikfest in Chur, September 2011). Bild: Arno Balzarini/Keystone

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«Musikalischer Fortschritt ist bis auf weiteres nur von Ländern der Dritten Welt und von Indien oder China zu erwarten», hat Simon Reynolds, Autor des kulturpessimistischen Buchs «Retromania», vor zwei Jahren behauptet. Der Satz ist auch der Leitgedanke des ersten Buchs des Berner Onlinenetzwerks Norient – doch hier ist die These alles andere als kulturpessimistisch gefärbt. «Out of the Absurdity of Life – Globale Musik» heisst der Wälzer, der ausloten will, wie denn die Fortschritt verheissende Musik klingt. Das Spektrum der verschiedenen Autoren ist breit, die Neugier gross, das Feld ein weites.

So wird über den kamerunischen Modetanz Bikutsi ebenso detailreich berichtet wie über den syrischen New Wave Dabke, es wird der Neo-Tropicália in São Paulo nachgespürt und der neuen Volksmusik der Schweiz. Panamaische Kopulationstänze werden als politischprovokative Statements entlarvt, und es wird erfragt, welchen Einfluss der indonesische Underground-Rock auf den Demokratisierungsprozess des Landes ausgeübt hat. Das Buch ist ein kultureller Flickenteppich, und genau so will es verstanden werden.

Bisher Unerhörtes

Hier werden keine Ferndiagnosen gestellt, berichtet wird von Reisenden oder Ansässigen aus erster Hand, in einer Mischung aus wissenschaftlichem Eifer und purer Liebe zur Musik. Natürlich ist dem Buch auch ein gewisser Hang zum Exotismus eigen, diesem weltmusikalischen Fremdreiz, den der Musikproduzent Joe Boyd einst als «new sounds for a bored culture» umschrieben hat. Doch der Jäger-und-Sammler-Appetit auf bisher unerhörte Klangtrophäen wird nie zum Selbstzweck. Musikalische Phänomene werden in einen sozialen oder geschichtlichen Kontext gestellt und durchaus kritisch hinterfragt.

Dem ungeliebten, von Marketingleuten englischer Plattenfirmen kreierten Begriff der Weltmusik wird hier ein Neustart gewährt: Weltmusik 2.0 wird das Themenfeld neuerdings genannt und beschreibt nicht mehr bloss das, was in den Ohren des Westlers exotisch klingt: «Weltmusik 2.0 ist das Produkt von raumzeitlich entgrenzter Kommunikation», schreibt der Norient-Gründer Thomas Burkhalter in seinem Aufsatz. «Das alte Modell von Zentrum und Peripherie ist nicht einmal mehr in Ansätzen gültig. Wir leben in einer Welt der multiplen verwobenen Modernen.» Und: «Die alte, saubere und sanfte Weltmusik wird attackiert und ersetzt durch neue, unbequemere Sounds.»

Diese Sounds heissen Cumbia Electronica, Kuduro, Nortec, Tecnobrega, Tuki Bass oder Shangaan Electro und stehen im Fokus dieses Buches, verknüpft mit den Fragen, wie sie zustande gekommen sind, wie sie sich in den neuen Medien verbreiten und von was sie uns erzählen. Das ist dermassen einnehmend, dass man sich bei der Lektüre öfter dabei ertappt, nach imaginären Links zur beschriebenen Musik zu suchen. Und das ist denn auch der nennenswerteste Nachteil dieses Werks: Es sieht gut aus, es liest sich gut, aber es klingt nicht. Musikjäger sind deshalb mit dem Besuch der prima verlinkten Norient-Website besser bedient als mit der gebundenen Lektüre. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 10.01.2013, 08:46 Uhr)

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Norient-Festival

Ab heute Donnerstag findet in Bern das Norient-Musikfilmfestival statt.
www.norient.com

Theresa Beyer, Thomas Burkhalter: Out oft the Absurdity of Life – Globale Musik. Traversion, Deitingen 2012. 327 S., ca. 36 Fr. ISBN 978-3-906012-03-2

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