Die meistgehasste Band der Welt

Ab morgen kann man das neue Album von U2 kaufen, wenn man es nicht schon als «Geschenk» auf dem iPhone hat. Der Deal der Iren mit Apple hat einmal mehr gezeigt: Sie sind die meistgehasste Band der Welt. Zu Recht?

Ein grosses Ich im Himmel: Am 11. September 2010 spielten U2 mit Bono im Zürcher Letzigrund.

Ein grosses Ich im Himmel: Am 11. September 2010 spielten U2 mit Bono im Zürcher Letzigrund. Bild: Nicola Pitaro

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Money!
Desire!
Alright!
(U2, «Desire»)

Die Reaktionen, die diese Band auslöst, sind ungewöhnlich. Popstars werden normalerweise nicht gehasst, wenn sie nicht geliebt werden, sondern ignoriert. Oder – in den hartnäckigeren Fällen etwa von Coldplay oder Nickelback – ausgelacht. U2 aber scheinen niemandem egal zu sein, und das ist zunächst einmal ein Lob. Tatsächlich haben die Iren, im Gegensatz zu den Genannten, zwei, drei grosse Platten der Rockmusik veröffentlicht; und noch heute kann man an ihren Konzerten eine Band erleben, die imstande ist, ein Stadion nicht nur mit Wucht zu bespielen, sondern auch mit Eleganz. Wenn U2 gehasst werden, dann ironischerweise darum, weil sie eine gute Band waren und manchmal, wenn auch selten, noch sind.

Aber Ironie ist weder die Stärke noch das Ziel dieser Band, die doch immer nur geliebt werden wollte. Nicht bloss von den 12 Millionen Menschen, die ihr letztes Album gekauft haben. 500 Millionen sollten es diesmal sein. Also übergaben U2 ihre neue Platte an Apple, und der Konzern verschenkte sie dem gesamten Kundenstamm von iTunes. Das Resultat war auf den ersten Blick erfreulich: Nicht nur bezahlte Apple für die «Songs of Innocence» angeblich 100 Millionen Dollar, die Band verkaufte auch ihre ältere Musik wieder. 24 Titel aus ihrem Katalog kamen in die Top 200 der iTunes-Charts.

Doch die grosse Liebe war das nicht. Von der halben Milliarde Kunden, die mit dem Album beglückt wurden, luden es in der ersten Woche nur 33 Millionen tatsächlich in ihre Mediathek. Was sich in den Tagen nach dem PR-Stunt vielmehr Luft verschaffte, war Wut. «U2 sind Sinnbild einer scheinbar sozialkritischen Band, die sich schamlos dem Meistbietenden zur Verfügung stellt», kommentierte ein Leser dieser Zeitung online. Andere Musikfans beschrieben die «Songs of Innocence», immerhin das Album einer der grössten Rockbands der Welt, als Junk, als Spam, ja, als Staphylokokken, die ihren Computer befallen hätten. Bald musste Apple eine Anleitung veröffentlichen, die es ermöglichte, die invasive Musik zu löschen.

«Yeah! Yeah! Yeah!»
U2 unternehmen schon seit längerem einiges, um sich unbeliebt zu machen. «Pop» war 1997 der letzte Versuch eines künstlerischen Statements, auch wenn es schliesslich klang wie eine Pose auf der Suche nach Liedern. Die Band wurde mit Häme überschüttet – und vermeidet seither jedes Risiko. Neuere Songs bestehen aus repetierten Manierismen, die vor allem eine Aufgabe haben: den ­Soundtrack zur Karriere nicht abreissen zu lassen, während U2 durch Deals mit Live Nation, ihrer Agentur, oder eben Apple den Gewinn maximieren.

Dazu passt, dass die Band, die ihre irische Herkunft in Songs wie «Sunday Bloody Sunday» erfolgreich vermarktet hat, die Heimat nur noch als Dekor nutzt; etwa, wenn Bono die amerikanische First Lady in einem malerischen Pub zum Lunch empfängt. Denn als 2006 die irische Regierung die Steuerfreiheit für Künstler abschaffte, verlegten U2 ihren Sitz schneller nach Holland, als Bono ein Autogramm schreiben kann. Überhaupt, der Sänger, ein begabter Kapitalist. In New York ist er Mitbesitzer und Mitdirektor einer Investmentfirma, die gemäss Wikipedia über ein mit 1,9 Milliarden Dollar dotiertes Portfolio verfügt. Sie hält etwa Beteiligungen am konservativen Wirtschaftsmagazin «Forbes» und (mit knapp 1,5 Prozent) an Facebook. Elevation heisst die Firma, nach einem Song von U2, in dem es heisst: «I and I in the sky.»

In höheren kapitalistischen Sphären spielt auch die Rockmusik. 2010 und 2011 wurde «360˚» zur ertragreichsten Tournee der Popgeschichte, und U2 waren die bestverdienende Band der Welt. Konzerte waren ihre Auftritte allerdings nur zur Hälfte. Denn Bono nutzte sie auch als Bühne seiner politischen Sendung. Er rief auf den Leinwänden die Grussbotschaften assortierter Menschenrechtler auf, die so geschmeidig überleiteten zum nächsten Hit. Die Menschenrechte als Garnitur für das Selbstgerechte: Die Trickserie «South Park» brauchte zehn Sekunden, um es zu zeigen. Bono groovt durch die Strasse eines ärmlichen afrikanischen Dorfes und singt «Yeah! Yeah! Yeah!» – bis sein iPhone klingelt, und er im gleichen Tonfall weitermacht: «Hello! Hello! Hello!».

Ein monströser Narzissmus
«Ich versuche eine Welt zu gestalten, in der Kinder nicht an Hunger sterben», rechtfertigt sich Bono, wohl ohne den monströsen Narzissmus seiner Worte zu bemerken. Ebenso wenig dürfte er realisieren, wie sehr den Produkten seiner Band anzuhören ist, dass sich die Prioritäten von der Musik zur Weltgestaltung verschoben haben. Dabei ist es längst offensichtlich: Das gewaltige Pathos, das U2 zu einigen ihrer besten Momente befeuert hat, klingt nur noch hohl, ausgezehrt von zu vielen mittelmässigen Songs und Slogans. Jeder Halleffekt der Gitarre ein Echo auf Bonos erleuchtete Auftritte neben Menschen wie Paul Wolfowitz oder Tony Blair.

Das sind gute Gründe, diese Band nicht zu mögen. Nur: Auch andere Stars operieren von Steueroasen aus. Auch die Rolling Stones oder Leonard Cohen lassen sich von ihrer Agentur gewinn­optimierte Tourneen organisieren, und auch Sting oder Neil Young wurden und werden belächelt, weil sie sich als steinreiche Rockgewinnler zur Weltrettung berufen fühlen. Und schliesslich: Auch Jay-Z liess seine letzte Platte in einem Joint Venture mit Samsung an die Kundschaft des Telefonkonzerns verschenken. Die Öffentlichkeit nahm es zur Kenntnis. Der Shitstorm aufrechter Fans raste an ihnen vorbei – und trifft U2. 

Der Grund dafür ist, dass diese Band ihre Widersprüche nicht nur aushält und souverän weglächelt, wie das ein Mick Jagger tut. U2 feiern ihre Unglaubwürdigkeit in glamourösen Szenen: Der erwähnte Lunch des Steuer­vermeiders mit der First Lady, während Barack Obama am G-8-Gipfel in Dublin über die Notwendigkeit spricht, Steueroasen zu bekämpfen. Das Grusswort der burmesischen Opposition als Intro zum Stadionhit. Und umgekehrt, der Rocksong als Grusswort ans iPhone 6. Die Band spielte ausgerechnet «The Miracle (of Joey Ramone)» und erinnerte damit an die Ramones, den Aufruhr des Punks und den alten Rock-’n’-Roll-Ethos. Den sie so, wie empörte Musikfans meinten, endgültig ins Grab stiessen.

U2 hätten den Song nicht besser wählen können. Denn «Blitzkrieg Bop», der wohl bekannteste Song der Ramones, war selber schon mehrmals als Werbung zu hören – in Spots von Pepsi, Budweiser und Coppertone. Es sind also auch sogenannt coole Künstler, die ihre Musik der Industrie verkaufen: Bob Dylan an Chrysler, José Gonzalez an Sony, die Ting Tings an Coca-Cola, und von Jay-Z war schon die Rede. Der ­Rocksänger als Meldeläufer fürs neueste Produkte-Update ist längst Realität. Nach zehn Jahren der Krise, die die Fans durch Gratiskonsum herbeigeführt haben, steht der Deal von U2 für neue Businessmodelle in der Musikindustrie. Ein Song ist kein Produkt mehr, das sich verkaufen lässt. Aber er transportiert noch den Sound jener Gegenerzählung, die man Rock ’n’ Roll nannte und der immer noch aufregend genug klingt, um damit anderweitige Produkte zu verkaufen. Der Teen-Spirit ist nicht verraucht, er riecht bloss etwas komisch, nach einem frisch ausgepackten Smartphone zum Beispiel. Daran sind nicht U2 schuld. Sie haben bei ihrem Auftritt bei Apple bloss den Klingelton besonders laut gestellt. Auf unüberhörbar.

Das gute Gefühl, dagegen zu sein
Aber natürlich hat man es eine «Schande für den Rock ’n’ Roll» genannt und einen «Ausverkauf» (der immer noch schwerste und leerste aller Vorwürfe, den man Rockmusikern machen kann). Daraus spricht eine Sehnsucht nach einer Unschuld, die verloren ist. «Songs of Innocence» nennen U2 ihr Album, nach dem Dichter William Blake, und das ist nur darum kein Hohn, weil diese Lieder an die Anfänge der Band im Dublin der 70er-Jahre erinnern. Doch der Gedichtzyklus von 1789 heisst vollständig «Songs of Innocence and of Experience», und wohl ist es an der Zeit, die Erfahrung nicht länger zu leugnen: Die Rockmusik war insgesamt nie eine Gegenkultur. Sie verkaufte nur sehr erfolgreich das gute Lebensgefühl, dagegen zu sein.

«Ich engagiere mich für benachteiligte Menschen», hat Bono gesagt, «dann komme ich nach Hause und lebe wieder in üppigen Verhältnissen.» Und so halten es auch die meisten der westlichen Musikfans. Sie leben, in kleinerem Massstab, das genau gleiche Leben. Sie stellen ihre Arbeit «dem Meistbietenden zur Verfügung», optimieren ihre Steuer­abzüge, spenden etwas Geld, unterschreiben da und dort eine Petition und wollen doch nur geliebt werden. Sie glauben, sie hassen U2, aber eigentlich hassen sie sich selbst. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 09.10.2014, 08:18 Uhr)

Stichworte

U2: Songs of Innocence (Universal).

Das neue Album

Die ewig gleichen Hymnen

Bono scheint zu wissen, was bei U2 falsch läuft. Zum Schluss des neuen Albums singt er in «The Troubles»: «Du denkst, es sei einfacher, den Finger auf das Problem zu halten, wenn du es selber bist.» Ihre einstige Strahlkraft haben U2 längst verloren, und Schuld daran ist die Band selber. Auf den Alben haben Klischees die künstlerische Innovation verdrängt: Gitarren mit Hall, Chöre, ­Pathos – man kennt es.

Wie es so ist mit den Problemen: Nur weil man sie erkannt hat, sind sie noch nicht gelöst. Für «Songs of Innocence» liessen sich U2 zwar mehrere Jahre Zeit, arbeiteten mit neuen Produzenten. Dennoch brachte die Band ihre Manier­ismen nicht weg: «The Miracle (of Joey ­Ramone)» etwa klingt wie der plumpe Versuch einer Stadionhymne. Das Lied steigt mit den typischen Chören ein, das Schlagzeug putscht auf. Danach scheitert der Versuch einer grossen Geste: zu orientierungslos die Melodie im Refrain, zu dünn Bonos Stimme. Ähnlich klingen «Every Breaking Wave» und «Iris» – auch sie wirken wie krampfhafte Versuche, die Hits von damals neu zu schreiben. Die atmosphärische Mehrstimmigkeit, die treibenden Bässe – alles ist da. Da­rüber hinaus bleiben die Lieder blass.

Und doch noch schaffen es U2 auf ­ihrem neuen Album zu überraschen. In «Raised by Wolves» oder «This Is Where . . .» klingt die Band zum ersten Mal seit langem nicht nach einer ihrer eigenen Coverbands. Die Lieder sind frisch, Bonos Stimme trägt, und The Edge treibt mit seinem Gitarrenspiel an, als probe er noch einmal für «Achtung, Baby!». So klingt Problemlösung. (Simon Knopf)

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Der Deal: Bono und U2 am 9. September bei der Präsentation von Apple.

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Der Song: «The Miracle (of Joey Ramone)», die Single des neuen Albums.

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Die Satire: Bonos Auftritt in «South Park».

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Das Gute im Musiker: U2 am Live-Aid-Festival (London 1985).

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