Diese befreiende Ernüchterung

Mit ihren klaren Liedern vertont die Kölner Band Annen May Kantereit das Leben Anfang zwanzig. Es ist die Musik einer desillusionierten Jugend, zu der Tausende von Fans ausgelassen tanzen.

Unbeschwert gegen die Beklemmung: Annen May Kantereit aus Köln. Foto: Fabien J. Raclet

Unbeschwert gegen die Beklemmung: Annen May Kantereit aus Köln. Foto: Fabien J. Raclet

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Mit 22 sollte das Leben ein einziger, lang gezogener Jauchzer sein. Schule abgeschlossen, die gröbsten Unsicherheiten abgelegt, ein Leben voller Chancen und Optionen. Beziehungen müssen noch nicht so ernst sein, Jobs nicht ewig halten. Kaum etwas schränkt einen ein, und was aus einem werden soll, damit kann man sich ja mit 30 beschäftigen.

Die junge Band Annen May Kantereit könnte genau diesen Zustand vertonen. Könnte mit Schlagzeug, Bass, Gitarre, Klavier und deutschen Texten zum Jubel ansetzen und die Freiheit besingen. Tut sie aber nicht, im Gegenteil. Die Musik, die Christoph Annen, Henning May, Severin Kantereit und Malte Huck seit ihrem Abitur vor gut vier Jahren machen und die in den letzten Monaten durch intensive Tourneen und die Veröffentlichung einer EP immer weitere Kreise zog, klingt desillusioniert, sie klingt ernst, konkret, verfänglich. Diese Lebenseinstellung entspricht auch der ihrer Altersgenossen, wie die Band im Song «21, 22, 23» festhält. Er antwortet auf die Frage, was man werden wolle: «Hauptsache nicht Mitte dreissig.» Das Lied blickt auf das Leben als Teenager zurück, dessen Lockerheit verflogen ist. Als wäre man mit 21, 22, 23 ein Greis. Gleichzeitig aber, und das ist typisch für die Band, ist dieser Song der lebendigste, ein rockiger, zuletzt geschriener Steigerungslauf.

Dazu tanzen die Besucher ihrer Konzerte Pogo, rempeln sich freudig hüpfend an. Warum nicht den Moment feiern, wenn die Zukunft nicht viel zu bieten hat? Die Musik findet Anklang, hat es längst in die Radios geschafft, wird auf Youtube millionenfach angeklickt. Und das, obwohl die jungen Rheinländer erst vergangene Woche ihr Debütalbum «Alles nix Konkretes» veröffentlicht haben. Ihren Erfolg hat sich die vierköpfige Band – Bassist Malte Huck stiess zu spät dazu, um im Namen berücksichtigt zu werden – hart erspielt. Erst in der Fussgängerzone und in Spelunken, dann im Vorprogramm grosser deutscher Acts wie Kraftklub oder Clueso. Nun spielen sie eigene Tourneen vor kreischenden Fans. Ihre Ballade «Barfuss am Klavier» (Thema: «gemeinsam einsam liegen») schaffte es auf Youtube auf über zehn Millionen Views. Den Song – so klar, so melancholisch – könnte auch ein Mann in der Midlife-Crisis hingeraunt haben.

Dynamik mit drei Akkorden

So abgeklärt die vier auf Platte klingen, so jugendlich wirken sie im Gespräch. Im schluffigen Studentenlook, in Turnschuhen und Kapuzenpullis, sitzen sie da und versuchen, die Strapazen einer schlaflosen nächtlichen Bahnfahrt zu verscheuchen. Nur um bei einem anschliessenden Fotoshooting in der Zürcher Bäckeranlage unter lautem Geschrei das Klettergerüst zu stürmen. Die Beklemmung, die in vielen ihrer Songs steckt, nehmen sie selber gar nicht wahr. «Für uns ist fast jedes Lied in gewisser Form befreiend», sagt Texter und Sänger Henning May mit einer Sprechstimme, die beweist, dass seine tiefe, raue Gesangsfarbe nicht forciert ist. «Beklemmend wird es nur auf der Bühne, wenn wir das Gefühl haben, dass Leute nicht wertschätzen, wie gnadenlos wir unser Innerstes offenbaren.»

Die Musik ruft Bilder hervor und arbeitet mit geläufigen Sätzen:«Warum sagst du nichts? Sag doch auch mal was.» So zieht die Band den Zuhörer in bekannte Situationen hinein. Unerfüllte Momente ausser Balance, voll von Unausgesprochenem. So, als wolle uns dieses Debütalbum zuraunen: Hast du nicht gewusst, dass es das grosse Glück gar nicht gibt? Hast du nicht gewusst, dass da nicht mehr viel auf uns wartet? Das klingt immer wieder bitter, wie in «Mir wär lieber du weinst» und «Bitte bleib». Da heisst es zu locker schleifenden, oft aussetzenden Bluestakten: «Bitte bleib, bitte bleib, bitte bleib nicht, wie du bist.» Anderswo, in «Oft gefragt», in «Barfuss am Klavier» oder «Pocahontas», kann das auch entschuldigend klingen – oder ins Romantische kippen.

Im Song «Das Krokodil» ist ausnahmsweise nicht von Paarbeziehungen die Rede, sondern vom Alltag einer Band, die in den immer gleichen Abläufen lebt: «Frühstück bis um acht, Zimmer räumen bis zehn.» Und ja, irgendwie ist das auch schön, dieser Irrsinn im Kollektiv. «Sätze wie jener über das Frühstück sind wie Grundgesetze für uns», sagt May. «Die gelten einfach. Sie werden jedes Mal so gesagt, als hätten wir sie noch nie gehört.»

Annen May Kantereit sind eine Band, die ins Radio gehört. Eine Band, deren Sound man nicht mehr vergisst. Das liegt am Gesang von Hennig May, aber auch an der Einfachheit der Songs. Da geht alles auf, da werden Elemente aus Rock, Pop, Folk, Singer-Songwritertum, Blues und Funk dort eingesetzt, wo es sie braucht. Deutsche Kritiker warfen der Gruppe darum vor, sie operiere im Bereich des Erwartbaren. Dabei stecken die Überraschungen gerade darin, wie sie mit bekannten Formeln hantiert. Wie sie mit simplen, aber nicht plumpen Mitteln allgemeingültige Aussagen macht. Wie viel Intensität und Dynamik sie mit zwei, drei Akkorden erreicht.

Man hört Blumfeld heraus

Wobei: «Wir können halt nix anderes», so Gitarrist Severin Kantereit. «Viele unserer Lieder sind aus der Improvisation entstanden und erst auf der Bühne zu richtigen Songs geworden.» Komplizierte Akkordwechsel seien da zu riskant. Überraschend ist aber auch, wie durchlebt das alles klingt, wie souverän die Band ihr unsouveränes Leben vertont: gravitätisch und doch rastlos, solide und doch aufgekratzt.

Es mag daran liegen, dass Annen May Kantereit keineswegs aus dem Nichts kommen, sondern auf grossen Schultern stehen: Manchmal hört man bei ihnen den Duktus von Blumfeld heraus oder die frühen Tocotronic. Deren Produzent Moses Schneider hat nun auch ihnen geholfen, ein erstes Album zu machen. Auch Hannes Wader und Element of Crime haben sie gehört. Nur von Udo Lindenberg, der lange vor ihnen Rock und Reime kombinierte, wollen sie nichts wissen: «Das ist sicher ein Süsser, aber gehört haben wir den nie.» Und schon gar nicht wollen sie seinen Glamour – die Fotografen, die grossen Auftritte auf roten Teppichen.

Überhaupt die Ambitionen. Die kühnsten Träume, von denen die Band auf «Alles nix Konkretes» erzählt, sind die in «3. Stock»: Der Song handelt von einem gemeinsamen Leben in der Altbauwohnung mit dreieinhalb Zimmern und Balkon. Sogar Träume klingen bei Annen May Kantereit beklemmend.

Annen May Kantereit: Alles nix Konkretes (Universal). Konzert: 14. 4., X-tra Zürich. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 20.03.2016, 18:08 Uhr)

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