Eine grazile Musikerin voller Schalk

Ob Impro-Jazz, Elektropop oder die Lieder von Neil Young: Die Zürcher Sängerin Joy Frempong ist in jedem Stil zu Hause. Jetzt erscheint ihre erste Solo-CD.

Eine Frau mit verschiedenen Gesichtern: Selbstporträt Joy Frempongs, der 1978 in Ghana geborenen Sängerin.

Eine Frau mit verschiedenen Gesichtern: Selbstporträt Joy Frempongs, der 1978 in Ghana geborenen Sängerin.
Bild: PD

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Man liest, dass Joy Frempong weiterhin in Zürich lebt. Dabei ist die 1978 in Ghana geborene Sängerin und Elektronik-Spezialistin so viel unterwegs, dass sie auch ohne festen Wohnsitz auskäme. Für das Basler Konzert mit ihrer Band Filewile reist sie nicht mit dem Intercity aus Zürich an, sondern mit dem ICE aus Berlin, wo sie am Vorabend ein anderes Engagement hatte.

Konzerte als «Schoggi-Job»

Um vor dem Konzert auch noch den Interviewtermin wahrzunehmen, musste Frempong also in aller Frühe aufbrechen. Aber trotz der kurzen Nacht steckt die grazile Musikerin voller Schalk. Sie lacht viel und leise, wenn ihr eine Formulierung besonders amüsant erscheint. Jammern ist nicht Frempongs Sache. «Konzerte sind ein Schoggi-Job. Erstens reise ich gerne, und zweitens kann man auf der Bühne die Musik ohne die vielen Selbstzweifel spielen, die einen beim Komponieren im stillen Kämmerlein überfallen.»

Fürs einsame Zweifeln bleibt Frempong nicht viel Zeit. Ihr dichtes Arbeitspensum war auch der Grund, warum sich die Aufnahmen zum Soloalbum «First Box Then Walk» über vier Jahre hinzogen. Dass das Werk trotzdem nicht überholt wirkt, liegt an der spielerischen Energie und schieren Vielfalt der Stücke zwischen digitalen Polyrhythmen, asthmatischen Bänkelliedern und surreal anmutenden Spoken-Word-Passagen. Um trendiges Tüfteln ging es Frempong hier nicht, sondern um wirksames Geschichtenerzählen.

«Sex» und «Naughty Girl»

Stimmig spannt sie einen biografischen Bogen von der Frühkindheit bis zur Maturität und tippt dabei die wichtigen Stationen in einem jungen Leben an, so etwa die erotische Erweckung («Sex») oder die Rebellion in der Pubertät («Naughty Girl»). Aber man sollte nicht auf die Idee kommen, dass Frempong zwischen den stotternden Beats, mal zwitschernden, mal raunenden Stimmen und abrupten Soundsprüngen die eigene Vita ausbreitet. In Wirklichkeit vertont sie die zusammengetragenen Erfahrungen von Freunden und Bekannten.

Verglichen mit dem vielfältigen Programm von «First Box Then Walk» wirkt Frempongs Lebenslauf verhältnismässig geradlinig. Die Tochter eines Ghanaers und einer Schweizerin wuchs im zürcherischen Dietlikon auf, bestand 1998 ihre Maturaprüfungen und schrieb sich zwei Jahre später an der Jazzschule in Bern ein. Dieser Unterricht habe ihr zwar zu ihrer heutigen stimmlichen Flexibilität verholfen, sagt sie, aber die perfekte Jazzsängerin, die jeden Standard trällern kann, wollte sie nicht werden.

Verfremdung durch Effektgeräte

Schon bald nach ihrem Abschluss begann Frempong ihre Stimme mit Effektgeräten zu verfremden und ein Netzwerk aufzubauen. Als Mitglied der Zürcher Experimentalformation Lauschangriff lernte sie in der Impro-Jazz-Szene das Trio von Hans Koch, Martin Schütz und Fredy Studer kennen, das die Sängerin bei eigenen Projekten hinzuzog. «Wir haben eine gemeinsame ästhetische Sensibilität», sagt Fredy Studer, der vor zwei Jahren mit Frempong die Band Phall Fatale gründete.

Seither sind fruchtbare Partnerschaften mit den Berner Dub-Tüftlern von Filewile und den welschen Breakbeat-Dunkelmännern von Stade dazugekommen. «In der Schweiz gibt es nicht so viele Musiker, die sich frei zwischen den Szenen bewegen», sagt Frempong. «Es ist gar nicht so einfach, sich in einer einzigen Szene zu behaupten. Wenn man viele verschiedene kreative Facetten hat, eckt man schnell mal an.»

Bei ihrer stilistischen Bandbreite sollte es nicht überraschen, dass Frempongs persönliche Helden aus den unterschiedlichsten Welten kommen. Die politisch geladene Musik der Nina Simone, der eckige Jazzstil eines Charles Mingus und die elektronischen Spielereien des britischen Duos Moloko haben sie stark beeinflusst. Neu in ihre Ehrenliste eingetreten ist Neil Young, dessen Werk Frempong letzten Herbst bei der Arbeit am Tribut-Programm «The Way» im Zürcher Neumarkt-Theater kennen lernte. «An Young gefällt mir, dass er immer auf der Suche nach neuen kreativen Möglichkeiten ist. Und die Intensität, mit der er seine Gitarre bearbeitet.»

Abschied von der Kindheit

So will sich Frempong nicht auf die Elektronik versteifen, und darum erscheint «First Box Then Walk» auch unter dem Pseudonym Oy Rempong. Ihren vollen Namen behalte sie sich für die noch nicht ergründete akustische Seite ihres Schaffens vor. Die akustische Frempong bekommt man auf ihrem Soloalbum nur sporadisch zu hören, wenn sich Piano und Kontrabass zu Synthesizern und Samplern gesellen, und den Hidden Track singt sie sogar a cappella.

Ein Vorgeschmack auf das, was man als Nächstes von ihr erwarten darf? Schon möglich. «Das Album ist so etwas wie ein Abschied von der Kindheit, von dieser wohlbehüteten Zeit, die nie wieder kommen wird», sagt Frempong. «Und vielleicht auch ein letztes nostalgisches Eintauchen in diese Welt, damit ich dann weitergehen kann.»

Vielbeschäftigt

Allerdings dürfte es noch eine Weile dauern, bis Frempong ihren nächsten eigenen Tonträger herausbringt. 2010 stehen Konzerte mit Filewile, Stade und Phall Fatale an, um nur einige Namen zu nennen, und im Frühling wird sie eine Solo-Tournee durch die USA machen. Wer weiss, aus welcher Himmelsrichtung Frempong irgendwann in Zukunft anreisen wird, wenn sie den nächsten Interviewtermin wahrnehmen muss.

OY: First Box Then Walk (Creaked/Namskeio).

Konzert mit Filewile: Sonntag, 31. Januar, 20 Uhr, Supermarket Zürich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.01.2010, 04:00 Uhr

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