Kultur

Eine grossmäulige Frische, die dem Original bald einmal abhanden kam

Die Kanadierin Martha Wainwright singt Chansons von Edith Piaf. Und dies noch betörender als die Piaf selbst.

Ungewohntes Strahlen und eine glühende Lebensfreude: Piaf-Interpretin Martha Wainwright.

Ungewohntes Strahlen und eine glühende Lebensfreude: Piaf-Interpretin Martha Wainwright. (Bild: PD)

Die Eltern von Martha und Rufus Wainwright dürften ein paarmal ungläubig die Köpfe geschüttelt haben, als sich ihre Kinder plötzlich der alten Musik zuwandten. Als Rufus, Jahrgang 1973, vor zwei Jahren nur noch Judy Garland sang. Und als seine Schwester Martha, Jahrgang 1976, im vergangenen Jahr zwischen 200 Chansons von Edith Piaf hockte, um schliesslich 15 für ihre Liebeserklärung an die Lieblingssängerin ihrer Mädchentage im kanadischen Montreal auszuwählen.

Während «Rufus Does Judy» zu einer etwas fragwürdigen Geschmackssache geworden ist – noch nie vernahm man «Somewhere Over the Rainbow» vor lauter Verehrung kaugummihafter in die lange Weile gedehnt –, ist die eben erschienene «Piaf Record» von Martha Wainwright schlicht ein herzerfrischender Wurf. Mit vollem Titel heisst sie «Sans fusils ni souliers à Paris» (ohne Gewehr und ohne Schuhe in Paris) und ist von einer grossmäuligen Frische, wie sie der Piaf selbst in ihrem ganzen Drogen-, Krankheits- und Liebeskummer schon sehr bald verloren ging.

Im ganzen Elend trotzig

Martha Wainwright ist – auf diesen Ast lassen wir uns jetzt voller Überzeugung hinaus – die bessere Edith Piaf. Denn in die musikalischen Tragödien der Piaf, die Wainwright ganz dreist und ganz exakt kopiert, legt sie auch noch ein ungewohntes Strahlen und eine glühende Lebensfreude. Da ist eine in dem ganzen Elend, das sie besingt, trotziges Kind geblieben. Kindfrau natürlich auch in all den Chansons von den «traurigen Freudenmädchen» («L'accordéoniste»), die im Tanz für einen Moment allen Weltschmerz vergessen, und von den Frauen, die in einem raren Augenblick der Liebe ihres Lebens begegnet sind und sie sofort wieder ans gewaltsame Gemenge der Welt verloren haben («La foule»).

Wie ein Gebet beginnt «Une enfant», die Ballade einer Sechzehnjährigen, die sich einem Mann hingegeben hat und die eines Tages tot auf der Strasse gefunden wird. Da wird ein Engel zerbrochen. «L'amour» und «la mort», Liebe und Tod, die sich im Französischen so nah sind wie in kaum einer andern Sprache, spazieren ja bei Edith Piaf sowieso immer Hand in Hand über die Pariser Boulevards. Bei Martha Wainwright schwingt da immer auch noch dieses grossäugige Erstaunen über die Brutalität des Schicksals mit.

Zum Glück gibt es zwischen den herzzerreissend melodramatischen Brocken aber auch noch die koketten Piaf-Nummern, vorgetragen mit dem spöttischen Schlafzimmerblick der abgebrühten Nymphomanin, etwa «Le brun et le blonde». Oder das schelmische, gegen das Selbstmitleid ankämpfende «Non la vie n'est pas triste». Und Martha Wainwrights Begleitmusiker schaffen es mühelos, mit ein wenig elektronischer Hilfe den opulenten, meist ganz und gar pariserischen, ab und zu aber auch ins Südseehafte oder Expressionistische ausschlagenden Orchestersound von einst auferstehen zu lassen.

In der Seele bricht die Hölle los

Und dann – oh! oh! – singt Martha Wainwright zum Schluss dieses umwerfenden Tribut-Albums auch noch «Les blouses blanches», jenes verrückte, total schief tönende Lamento einer Frau, die seit vielen Jahren in der Psychiatrie eingesperrt ist und die nicht mehr zwischen Arztkitteln, Leichenhemden, Brautkleidern und ihrer eigenen Zwangsjacke unterscheiden kann. Man muss da changieren zwischen atonalem Singsang, seligem Walzergedudel, Wut und irrem Gelächter. Edith Piaf konnte das grandios, Martha Wainwright kann das, als würde in einer einzigen Menschenseele die ganze Hölle losbrechen.

Martha Wainwright: Sans fusils ni souliers à Paris. Piaf Record (Universal).

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.01.2010, 04:00 Uhr

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