Kultur

«Er glaubte, dass alle gegen ihn waren»

Von Nick Joyce. Aktualisiert am 30.06.2009

Mitte Juli veröffentlicht der Schweizer Musikjournalist Hanspeter Künzler seine Biografie über Michael Jackson. Wir sprachen mit ihm über dessen letzte Jahre.

1/12 Bevor Michael Jackson zum Solostar wurde, war er Sänger in der Brüdergruppe The Jackson Five. Mit «I Want You Back» hatte die Band 1969 ihren ersten Hit.

   

Dossier

Zur Person

Hanspeter Künzler ist Autor von «Michael Jackson: Black Or White – Die ganze Geschichte». Nach dem Tod von Michael Jackson hat der Hannibal-Verlag die Veröffentlichung dieser deutschsprachigen Biografie zurückgestellt, damit der Text aktualisiert werden kann. Neu soll das Buch am 15. Juli erscheinen. Hanspeter Künzler lebt seit über dreissig Jahren in London.

Herr Künzler, wie haben Sie auf den Tod von Michael Jackson reagiert? Ich war absolut schockiert. Gleich darauf habe ich mir die Frage gestellt, ob man das nicht hätte vorhersehen müssen. Schliesslich stand Jackson zuletzt unter massivem Druck, weil er 50 Konzerte vor sich hatte. Vielleicht wusste er, dass er nicht mehr fähig war, eine Show auf die Beine zu stellen, welche die Leute nach Luft schnappen lässt – geschweige denn, diese Nacht für Nacht durchzuziehen.

Wie gesund oder krank war Jackson? Anfang des Jahres zirkulierten Bilder, wie er im Rollstuhl durch Las Vegas gefahren wurde.So aussagekräftig sind diese Bilder nicht. Michael hatte einen ziemlich skurrilen Humor und liess sich schon früher im Rollstuhl herumfahren, auch wenn er kerngesund war. Bei der Pressekonferenz in London, als er die ersten zehn Konzerte ankündigte, wirkte er unglaublich fit und sprach mit einer stärkeren Stimme, als ich es in den letzten 15 Jahren von ihm gehört habe. Dazu kommt, dass er einen rigorosen Fitness- und Gesundheitstest durchlaufen musste, damit die Konzerte überhaupt angesetzt werden konnten.

Trotzdem ist er jetzt tot.
Es ist möglich, dass seine Gesundheit in den letzten Monaten schlechter wurde. Wegen des Stresses mit den Konzerten könnte er wieder zu den Beruhigungsmitteln gegriffen haben, er ist ja schon früher den Drogen verfallen.

Jacksons Biografie war schon immer voller Ungereimtheiten und Widersprüche. Wie einfach war es, sein Leben zu recherchieren?
Er hat sich früh angeeignet, jeden öffentlichen Auftritt als PR-Aktion zu nutzen und immer nur die Dinge zu sagen, die zu seinem Selbstimage passten. Das machte es schwierig einzuschätzen, was wahr und was falsch ist. Zum Glück gibt es bereits akribisch recherchierte Grundwerke zum Thema. Aber mit den vielen Pressemeldungen aus den letzten dreissig Jahren muss man sehr intuitiv umgehen und schauen, ob sie sich durch zusätzliche Quellen bestätigen lassen.

Kamen Sie im Verlauf ihrer Recherchen an Quellen in Jacksons engerem Kreis heran?
Nein, ich wurde vielerorts abgeblockt. Und manche Leute, die an seinem neuen Album beteiligt waren, haben Jackson gar nie zu Gesicht bekommen. Der Urban-Künstler Ne-Yo hat mir beispielsweise erzählt, dass er alle drei Wochen ein paar neue Songs an Jackson geschickt hat, um dann per Telefon von einer hohen Fistelstimme ein Feedback zu empfangen. Was aber mit seinen Songs schliesslich passiert ist, wusste Ne-Yo nicht, er hat einfach ins Leere geliefert.

Das Album, Jacksons erstes seit 2001, wird schon lange angekündigt. Wie weit ist es?
Es liegen sicher Dutzende fast fertige Stücke herum. Ob Jackson sie selber für gut genug befunden hätte, um sie zu veröffentlichen, ist eine andere Frage. Er hatte immer das Gefühl, nie genügend gutes Material zu haben, und hat endlos an seinen Songs geschraubt. Beim Album «Dangerous» hatte David Lynch den Promo-Trailer schon abgedreht, bevor die Plattenfirma Michael dazu drängen konnte, endlich eine Endauswahl zu treffen.

Jacksons letztes reguläres Studioalbum «Invincible» war für seine Verhältnisse ein Flop. Hat es ihm das Genick gebrochen?
Er hatte das Pop-Publikum schon 1997 mit dem Remix-Album «Blood On The Dance Floor» verunsichert. Von Michael Jackson war man Remixes nicht gewohnt, und in den USA konnte man mit House sowieso nichts anfangen. Bei «Invincible» machte Jackson den grossen Fehler, ein solides Rhythm- n -Blues-Album zu produzieren, das mit seinen vielen Balladen eher ein schwarzes als ein weisses Publikum ansprach. Dazu kam, dass man von Michael Jackson nicht ein solides, sondern ein tonangebendes Album erwartet.

Danach war es um seine Kreativität geschehen.
Er war immer mit sich selbst in Konkurrenz; für ihn gab es nur Besser und Mehr. Schon von «Bad» wollte er 100 Millionen Stück verkaufen, und als dieser Erfolg nicht eintraf, fühlte er sich als Versager. Dabei verharrte er in einer Opferhaltung und glaubte, dass alle gegen ihn waren, von der Plattenfirma bis zu den Medien. Das setzte ihn wie gesagt unter enormen Druck und führte wohl auch zu einer Ladehemmung: So schrieb er immer weniger eigene Songs und war mit den Aufnahmen, die trotzdem laufend entstanden, nie zufrieden.

Es hiess schon lange, Michael Jackson sei am Rande des finanziellen Ruins gestanden. Wie wahr sind diese Meldungen?
Der «Guardian», immerhin eine seriöse englische Tageszeitung, schreibt, Jackson hinterlasse einen möglichen Schuldenberg von 500 Millionen Dollar. Wobei ihm noch ein Viertel des grossen Musikverlags Sony/ATV gehörte und die Rechte an seinen alten Songs praktisch Milliarden wert sind: Er dürfte noch einige Aktiva in der Hand gehabt haben, nur fragt sich, wie sehr diese mit Hypotheken belastet sind. Noch vor einem Jahr haben ihn sieben verschiedene Anwaltsbüros gerichtlich verfolgt, weil er mit Zahlungen im Rückstand war. Es werden wohl noch Jahre vergehen, bis feststeht, wer wem Geld schuldet und wie viel.

Viele der Fans, die heute um ihn trauern, waren gar noch nicht auf der Welt, als Michael Jackson in den 80er-Jahren seine grösste Zeit hatte. Worin besteht der Appeal für die Zuspätgekommenen?
Er war eine dieser übermenschlichen Figuren wie Marilyn Monroe oder James Dean, die ausserhalb der Erdanziehungskraft stehen und ihre Zeit hinter sich lassen. Michael Jackson hat die 80er-Jahre mit seinen Tanznummern und Videos zeitlos gemacht, und heute hat man über Youtube und andere Internetplattformen ganz neue Möglichkeiten, sich Erinnerungen zu holen, die man gar nie hatte. Beispielsweise die Moonwalk-Premiere von 1983, die von einer unglaublichen Vitalität geprägt ist. Und wenn man «Thriller» heute auflegt, sein Album von 1982, dann klingt das Album altbekannt, aber nicht im Geringsten altbacken.

Die Skandale wegen vermuteter Unzucht mit Minderjährigen haben ihm also doch nicht geschadet?
Die breite Öffentlichkeit nimmt den Freispruch von Michael Jackson ernst. Man sieht seine Irrungen mit Minderjährigen als symptomatisch für einen weltfremden Menschen, der sich eher durch Hilflosigkeit als durch Bösartigkeit in eine schwierige Situation gebracht hat, die für die meisten von uns nicht nachvollziehbar ist. So bleiben nur zwei Erinnerungsbilder: Die Fans schätzen ihn als Musiker und Tänzer; das Boulevardpublikum hat ihn zum Freak abgestempelt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.06.2009, 06:42 Uhr


Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

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