Gesanglich überfordert

Bob Dylan raunzt sich auf seinem Dreifach-Album «Triplicate» durch das Great American Songbook. Oje.

Das erste dreiteilige Dylan-Album aller Zeiten: «Triplicate»


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Pünktlich zur Veröffentlichung seines neuen Albums wird Bob Dylan, wie man hört, also doch noch in Stockholm den Nobelpreis für Literatur entgegen nehmen. Am Wochenende - der Meister ist für zwei Konzerte seiner «Never Ending Tour» in der Stadt - soll es zur Urkunden- und Medaillenübergabe unter Ausschluss der Öffentlichkeit kommen. Bei der offiziellen Feier im Dezember hatte er bekanntlich «anderweitige Verpflichtungen» und sich von Patti Smith und der amerikanischen Botschafterin vertreten lassen. Nun hofft man das Beste für das Komitee, das den Preis für Dylan offensichtlich dringender braucht als Dylan den Preis.

In einem äusserst seltenen, grossen Interview, dass das scheue Pop-Genie eben seiner offiziellen Website Bobdylan.com gegeben hat, ist jedenfalls vom Preis an keiner Stelle die Rede. Es geht sogar ausschliesslich um Musik und Texte, die der notorisch flüchtige Künstler nicht selbst geschrieben hat. Das Werk, auf dem sie sich befinden, trägt den Namen «Triplicate» (Sony) und ist von diesem Freitag an erhältlich. Es besteht aus drei Teilen mit je zehn Songs und ist damit - die Dylanologen drehen deshalb schon durch vor Glück - das erste dreiteilige Dylan-Album aller Zeiten. Die Songs heissen «Once Upon A Time», «Stormy Weather», «Sentimental Journey», «Braggin», «These Foolish Things» oder «It's Funny To Everyone But Me» und stammen, wie schon auf den beiden Vorgängern «Shadows In The Night» (2015) und «Fallen Angels» (2016), allesamt aus dem «Great American Songbook».

Pop vor der Erfindung des Pop

Dylan ist also weiterhin nicht mehr im Folk und Rock unterwegs, auf denen sein Ruhm fusst, sondern im ungleich raffinierter polierten Swing der amerikanischen Unterhaltungsmusik der Dreissiger- bis Sechzigerjahre. Es ist die Musik, deren Stars Irving Berlin hiessen, Duke Ellington, George Gershwin, Rodgers & Hammerstein und natürlich Frank Sinatra, und die in Amerika die tonangebende populäre Musik war, bevor die Rock'n'Roll-Revolution den Pop hervorbrachte. Die Lieder des Great American Songbook sind also der Pop vor der Erfindung des Pop.

Tja, und wie klingt das, wenn sich Dylan diese Songs vornimmt? Es klingt im Grunde genauso wie auf den beiden Alben vor «Triplicate». Die Musik spielt Dylans Tourband stilecht, also gekonnt gefühlvoll, fügt hier und da ein wenig zart jaulende Pedal-Steel-Klänge hinzu und steuert manch feine Bläser bei.

Die Stimme und Gesangskunst des späten Dylan muss man allerdings schon sehr lieben, um die Sache - gelinde gesagt - uneingeschränkt geniessen zu können. Es war kein Zufall, dass sich die Kritiker zu «Shadows In The Night» und «Fallen Angels» in den vergangenen Jahren einen kleinen Überbietungswettbewerb lieferten bei der Beschreibung der sehr reifen, also nicht allzu stabilen und meist eher krächzenden als singenden Stimme Dylans und ihrer Wirkung auf die Songs.

Taumeln um die Melodie

Und auch jetzt, exakt von Sekunde 19 an, beim ersten gesungenen Wort «I» von «I Guess I'll Have to Change My Plans» von Arthur Schwartz und Howard Dietz, hängt sie unausweichlich windschief in der Musik herum. Schon dieses «I» umtänzelt eine hörbar überforderte brüchige Stimme eher, als dass sie es trifft. Wobei tänzeln, genau genommen, viel zu konziliant formuliert ist. Es ist eher ein Taumeln um die Melodie. Und zu hören ist dann dieses wacklig-kopfstimmige Geräusch, das stimmschwache ältere Herren machen, wenn ihnen ein kleiner unerwarteter Schmerz in die Glieder fährt, aaahhhh. Nach hinten heraus knarzt es dann gewaltig. Oje. Und so geht es auch weiter, durchaus bemüht, aber letztlich wird doch eher vernuschelt geraunzt als gesungen. Rrgr.

Deutlich leichter tut sich Dylan, wenn es Kompositionen zulassen, den Gesang stärker im Konversationston zu halten wie in «When the World Was Young» oder «These Foolish Things». Zwischen einer der Sinatra-Interpretation der Songs und Dylans Versuchen liegen am Ende aber dennoch ein paar Welten zu viel. Umgekehrt, das sei nicht verschwiegen, lassen sich Dylan-Songs aber auch durch fast nichts so zielsicher ruinieren wie eine zu gute Stimme.

Parodistische Blossstellung?

Damit jedoch ist man bei der Frage, was ihn bei diesem Projekt eigentlich antreibt. Was reitet diesen grossen Mann und Künstler, sich plötzlich Musik vorzunehmen, die ihn über weite Strecken gesanglich unüberhörbar völlig überfordert? Bei seinem ebenfalls aus dem American Songbook schöpfenden, 2009 erschienenen Weihnachtsalbum «Christmas In The Heart» wurde von manchem Jünger ja gemutmasst, der krächzige Gesang sei genau so gewollt gewesen: um die Musik parodistisch blosszustellen, die ja der Soundtrack der bürgerlichen Spiessigkeit der Vierziger und Fünfziger gewesen sei, gegen die sich dann der Rock 'n' Roll wendete. Und über das laufende Great-American-Songbook-Projekt wurde schon geschrieben, Dylan gehe es darum, in den Songs kleine eigene Nuancen freizulegen.

Spätestens nach dem Interview auf Bobdylan.com kann man das alles aber wohl zum Glück vergessen. Seine Stimme mag schwach geworden sein, wirklich stark war sie ja ohnehin nie, alles Übrige aber funktioniert weiter ganz ausgezeichnet. Sein Antrieb, sich durchs Great American Songbook zu singen, ist entsprechend klar: «Ich hatte immer eine Ahnung davon, was für Songs es sind, aber mir war nicht bewusst, wie viel von der Essenz des Lebens in ihnen steckt, wie viel von dem, was es heisst, ein Mensch zu sein. Wie perfekt Text und Melodie verwoben sind, wie alltagsrelevant sie sind - und wie unmaterialistisch.»

«Diese Songs sind eine Befreiung»

Deshalb will er, hier ganz der missionarische Musikhistoriker, als den ihn die Welt von 2006 bis 2009 in seiner Radioshow «Theme Time Radio Hour» kennenlernen konnte, sich die Songs auch nicht zu eigen machen. Er will schlicht erreichen, dass sie nicht vergessen werden: «Diese Songs gehören zu den herzzerreissendsten Dingen, die je aufgenommen wurden, und ich wollte ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen.» Sie seien kühl und klarsichtig, und hätten wie der frühe Rock 'n' Roll einen ganz unmittelbaren Realismus an sich, ein Urvertrauen in das normale Leben. Er wolle, so Dylan, diese Songs nicht eher retten als die Musik von Beethoven, Brahms oder Mozart, nur deutlich machen, dass sie nicht unauffindbar hinter einer Mauer lägen oder irgendwo auf dem Meeresgrund, sondern frei zugänglich: «Jeder kann sie entdecken. Sie sind wahrhaftig. Sie sind eine Befreiung.»

Dies im Sinn sei hier nur noch etwas angefügt, wogegen Dylan dann ja gar nichts haben kann. Die Empfehlung nämlich, «Triplicate» vor allem als einen Wegweiser ins Great American Songbook zu nehmen und sich auf Youtube lieber anzuhören, wie Frank Sinatra die Songs gesungen hat. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.04.2017, 16:46 Uhr

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