«Gib dich selbst auf, sei glücklich!»

Mit seiner Band Wanda füllt Michael Marco Fitzthum grosse Hallen. Warum ist die Figur des Rockstars nur eine Projektionsfläche? Antworten von einem, der es wissen muss.

«Ich fühlte mich schon immer wohl in der Genussmittelabteilung», sagt Michael Fitzthum. Foto: Esther Michel

«Ich fühlte mich schon immer wohl in der Genussmittelabteilung», sagt Michael Fitzthum. Foto: Esther Michel

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Sein Zuhause ist derzeit ein zweistöckiger, schwarzer Tourbus. Einer dieser rollenden Paläste mit Dusche, Küche und Schlafkojen, die die Grossen der Branche für ihre Touren nutzen. US-Star Rihanna war eine Vormieterin. Jetzt wohnt Michael Marco Fitzthum aus Wien im oberen Stock, dort, wo es eine rundum verspiegelte Lounge gibt. Er darf das. Als Sänger der Band Wanda ist er zurzeit im deutschsprachigen Raum unterwegs wie kaum ein anderer: ausverkaufte Hallen, TV-Interviews, Platin, Verehrung, Preise. Oder wie er selbst sagt: «Das ganze Trara.»

Dieser 27-jährige Mann also, der laut «Spiegel» eine der sensationellsten Erfolgsgeschichten der jüngeren Zeit in der deutschsprachigen Popszene verkörpert, sitzt im hinteren Teil des Busses auf einem weissen Ledersofa und kann offenbar nicht mehr anders, als wie ein Rockstar auszusehen: Passend zur Sitzgelegenheit trägt Fitzthum einen weissen Zweiteiler, raucht Kette und trinkt ein Glas Weisswein nach dem anderen. Am Schluss wird er eine ganze Flasche geleert haben. «Ein Veltliner aus dem Burgenland. Der Lieblingswein unseres Bassisten», sagt er. «Wollens auch?»

Danke. Ich nehme ein Gläschen. Vielleicht nicht bis ganz oben füllen. Gehört das zum Leben eines Rockstars: exzessiv trinken und rauchen?
Na ja, ich fühlte mich schon immer wohl in der Genussmittelabteilung. Von dem her passts für mich.

Groupies?
 Ja, gibts. Wenn ich aber jetzt sagen würde, dass ich keine Groupies vögle, würde man mir das ­sowieso nicht glauben. Ein Rockstar ist zu sehr­ Projektionsfläche.

Eine Figur, die alles hat: Sex, Erfolg, Spass, Geld.
Genau!

Ich unterstelle Ihnen: Mit dieser Projektion spielen Sie ganz bewusst, geben in Interviews gerne das Enfant terrible, das Grossmaul. Das erinnert alles stark an die 60er-Jahre.
Kann man durchaus so sehen, ja. Auch auf die Gefahr hin, kulturanthroposophisch zu klingen: Wir spielen tatsächlich mit diesem 60er-Rockstar-Ding, nehmen es als Projektion, als Talisman. Wir be­wegen uns im musikalischen Wonderland.

Und wie sieht dieses Wunderland aus?
Alles direkt, alles offenherzig. Keine Securitys, keine Dezibelmesser, keine Ausbeutung der Fans durch die Industrie.

«Ein bisserl Ruhm haut mich nicht um. Ich bin gestählt vom Leben.»

Klingt nach guter alter Zeit. Sind Sie, trotz Ihrer erst 27 Jahre, ein Nostalgiker?
Vielleicht. Wenn man die Gegenwart anschaut, kann man doch fast nicht anders. 2016 ist geprägt von einer einzigen grossen Angst: Wir fürchten uns vor der Selbstauflösung, der Freiheit. Und wir ­veranstalten eine Scharade, verstecken uns vor der Wirklichkeit. Heute schreibt niemand mehr «Give Peace a Chance» – alles und jeder ist völlig frei von politischen Parolen.

Das ist bei Wanda doch auch nicht anders: Sie machen eingängige Volkslieder für die poppige Gegenwart. Ihre klar strukturierten Songs bauen auf Hauptsätzen. Es wurde schon Kritik laut, wonach Wandas Texte platte Slogans der Populärkultur seien.
Unsere Verse sind offen, lassen Spielraum für ­Interpretationen. Aber wir machen das bewusst. Weil es der Zeitgeist so will.

Ein anderer Vorwurf: Es gebe bei Wanda frauenfeindliche Textpassagen. Zum Beispiel: «Nimm sie, wenn du glaubst, dass dus brauchst, steck sie ein wie 20 Cents.» Dazu deuten Sie auf der Bühne mit Ihrem Becken gerne unzweideutige Bewegungen an.
Ganz ehrlich: Diese Vorwürfe haben mich echt gekränkt. Wir sind alles Söhne von starken, unabhängigen Frauen; Sexismus und Frauenverachtung könnten uns nicht ferner liegen. Wer meinen ­Beckenschwung als Machogehabe interpretiert, ist einfach nur krank. Das ist schlussendlich nichts ­anderes als bei den Hexenverbrennungen im Mittelalter und zeigt, dass wir heute, in dieser scheinbar übersexualisierten Gesellschaft, ein voll­kommen gestörtes Verhältnis zu Sexualität haben.

Reden wir über das Berühmtsein. Was macht dieser ständige Applaus mit einem? Dieser starke Fokus auf die eigene Person?
Da musst du mächtig aufpassen. Lügen werden ­einem da vorne unablässig angeboten, und die ­Gefahr, dass die Qualität der Arbeit in Mitleidenschaft gezogen wird, ist gross. Da hat man keine Chance, wenn das einmal einbricht.

Sie können also den Sirenengesängen wiederstehen?
Ganz bestimmt. Ich stehe einigermassen breit­beinig im Leben. Ich kann also diesem neuartigen Gefühl namens Berühmtsein mit ein bisserl Lebenserfahrung gegenübertreten. Denn ich bin gestählt von den Kämpfen auf dem Pausenplatz. Manche habe ich gewonnen, manche habe ich verloren. Ich habe gelitten und geliebt. Und die Selbst­zweifel, die mir geblieben sind, kann ich aushalten. Mich haut so ein bisserl Ruhm also nicht um.

Das klingt ziemlich abgeklärt. Wirklich nie Fehler gemacht?
Doch, doch, vor allem am Anfang. Da sah ich mir beispielsweise meine eigenen TV-Interviews an. Da wirst du schizophren! Du denkst nur noch: Wie wirke ich? Wie komme ich an? Da musst du dich unbedingt davor schützen. Es bedeutet ja nichts. Ist nur verdammte Unterhaltung. Falco, heisst es, habe immer wieder Stühle in den Fernseher geworfen, wenn er sich selbst darin sah. Er wusste schon, wieso er das machen musste.

Heute wird Berühmtsein von vielen, vor allem Jungen, als Lebensziel angegeben. Diverse Talentshows im Fernsehen nähren, verstärken diesen Wunsch – oder sind gar der Auslöser dafür.
Das ist ein Problem. Ein grosses. Denn Ruhm darf keine Selbsttherapie sein, darf nicht als Mittel zur Selbsterkenntnis missbraucht werden. Das Leben geschieht nicht im Erfolg. Bevor man auf die Bühne tritt, muss man sich doch kennen, gestählt sein durch Krisen, Verluste, Freuden, Lieben und alles. Wenn da nichts ist, hat man als Musiker eine harte, blutige Zeit vor sich.

Wanda wurde vor drei Jahren gegründet. Sie haben demnach vorher bluten müssen.
Ja. Es gab damals eine grosse Dringlichkeit für uns, eine Band zu gründen. Wir waren komplett abgebrannt und mussten es einfach machen. Und es musste gelingen. Denn es war klar, dass ich für einen normalen Beruf kein Talent hatte, man darf schon fast von einer Behinderung sprechen. Bei den anderen sah es auch nicht viel besser aus. Der Gitarrist war ein frustrierter Behindertenbetreuer, der Bassist jobmässig völlig perspektivlos, der Schlagzeuger war auch nicht viel besser aufgestellt. Einzig der Keyboarder hatte bisserl Geld, er war Barpianist. Die Band war also unsere Chance, und wir konnten einfach nicht anders, als das Ganze mit richtig grossen Eiern anzuschieben.

Sie hatten schnell Erfolg.
Als wir in diesen kleinen Wiener Konzertlokalen spielten, die sofort ausverkauft waren, mussten wir immer etwas schmunzeln. Wir wussten, wie gut wir sind; dass das Weltklassepopmusik für kleine Kellerbühnen war. Gute Lieder, gute Texte. In Wien waren wir bereits nach sechs Monaten eine Legende.

Das klingt ..., na ja, sehr selbstbewusst.
Das ist mir klar. Ich will auch nicht überheblich klingen. Aber wir hatten wie Hunde aneinander gerochen und wussten, dass das mit uns fünfen klappen würde. Wir machten keine Fehler ...

... und hatten den richtigen Manager.
Stimmt. Mit Stefan Redelsteiner wurde ­alles anders, er hievte das Ganze auf die nächste Stufe, öffnete Kanäle. Als er die ersten sechs Songs von Wanda gehört hatte, sagte er uns, dass er sein ganzes Leben darauf gewartet hatte, eine Band wie die unsere zu managen.

Sie fläzen sich gerade auf dieses Sofa in diesem Bus und sinnieren über die letzten drei Jahre, in denen Ihr Leben komplett auf den Kopf gestellt wurde. Sie sind ein Rockstar. Beschleicht Sie manchmal eine diffuse Angst, dass das alles ganz schnell vorbei sein könnte?
Nein, ehrlich gesagt nicht. Wir sind gekommen, um zu bleiben. Wir wollen etwas zum Kanon des europäischen Liedguts beitragen. Aber wir sind auch bereit, wenn es sein muss, sofort alles hinzuschmeissen, alles aufzugeben. Ich glaube, diese Konsequenz hört man unserer Musik an. Diese Bereitschaft zum musikalischen Harakiri.

Wie meinen Sie das?
Die Samurais hatten in Japan lange die restlichen 98 Prozent der Menschen beherrscht. Wie ging das? Sie hatten ein unschlagbares Druckmittel: Harakiri. Mit der Bereitschaft, alles aufzugeben, konnten die meisten nicht mithalten; das machte die Samurais so stark. Bei uns ist es genau gleich.

Sie haben also alles unter Kontrolle?
Eben nicht! Der Psychiater C. G. Jung ist da mein Vorbild: Der Körper ist besetzt von Leben. Auf eine wundervolle Weise ist man darum machtlos. Gib dich also selbst auf und sei gleichzeitig ein an­ständiger, freier, fühlender Mensch.

Sonst noch Erkenntnisgewinn aus drei Jahren Rockstardasein?
Bleibe risikofreudig, hab Selbstvertrauen. Die Welt ist heute eine feindselige, brutale.

Sie klingen abermals etwas pessimistisch.
Mag sein. Aber ich weiss mittlerweile auch, wie ich mir selbst Glück zuführe. Dass ich das im kleinen Kreis am besten schaffe. Mit Freunden. Mit guter Lektüre. Einfach so daliegen. Ich fische auch gerne. Mag es, gevögelt zu werden. Und ich kann mittlerweile mit meiner Unsicherheit, die mir schon immer ein treuer Begleiter war, besser umgehen. Ich war lange irgendwie unfähig, ein Leben zu führen. Manchmal hatte ich zu viel Mitgefühl, dann wieder zu wenig. Ich kriegte es einfach nicht auf die Reihe. Als ich am Institut für Sprachkunst der Universität Wien zu studieren begann, traf ich wenigstens Menschen, die mich verstanden, mir nahestanden. Das half. Jeder will ja irgendwie erkannt werden.

Sind Sie heute glücklich?
Es war bisher nicht mein Ziel, glücklich zu sein. Mit Mitte zwanzig geht das doch gar nicht. Vielleicht mit 50, wenn ich mal Kinder aufgezogen habe und zurückblicken kann. Aber heute? Die Umstände waren schon missgünstiger, ja. Aber ich bin auf ­einem langen Weg, muss viel lernen. Ernest Hemingway sagte mal: Der Unterschied zwischen einem guten und einem sehr guten Schriftsteller ist, dass Letzterer schneller lernt.

45 Minuten waren für dieses Interview eingeplant. Eigentlich. Doch Michael Marco Fitzthum wollte im mittlerweile völlig verrauchten Tourbus nicht aufhören zu reden – trotz seines Managers, der im Hintergrund immer nervöser auf die Uhr blickte, weil der Soundcheck im Zürcher Volkshaus schon längst hätte beginnen sollen. Diese reflexive Atmosphäre hier tue ihm gut, sagt der Sänger. Er habe ja derzeit kaum mehr Zeit, um nachzudenken.

Im letzten Jahr haben Wanda 180 Konzerte gegeben. Daneben hat die Wiener Band ihr zweites Album «Bussi» ver­öffentlicht. An diesem Abend werden Wanda im ­ausverkauften Volkshaus ein Konzert geben, das musikalisch nicht ganz den hohen Erwartungen gerecht wird. Aber alle, wirklich alle im Konzerthaus werden Michael Marco Fitzthum auf die Frage, wofür sie stehen, antworten: «Amooore!» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 11.03.2016, 14:24 Uhr)

Stichworte

Video

Videoclip zum Wanda-Hit «Bologna».

«Die Single «Bussi Baby».

«1,2,3,4». Videos: VertigoTV und ProblembaerRecords

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