Gott ist ein altes Klavier und der Blues eine Domina
Von Christoph Fellmann. Aktualisiert am 09.07.2009 1 Kommentar
Am Ende war das Wort: Gott schrie, dass es nichts mehr zu sagen gebe. Das war in «Little Cream Soda», einem der stärksten Songs auf «Icky Thump», dem letzten Album der White Stripes (2007). Dem Sänger war die Landstrasse immer länger und der Blues immer gleicher geworden, als sich der Himmel teilte, um das Machtwort durchzulassen. Der Song ist typisch für Jack White, den Songschreiber der White Stripes. Erstens, weil er aus der Tatsache, dass der Blues ein ausgeleiertes Genre ist, einen Blues von feixender Kraft gewinnt. Und zweitens, weil das Versagen des Musikers, der sich nur noch wiederholt, von apokalyptischer Grandezza ist.
Der himmlische Budenzauber – mitsamt Teufels Beitrag – ist ein fester Bestandteil der Musik von Jack White, dessen Mission es seit 1997 ist, den Blues mit schwerem Gitarrengerät für eine Indierock-Gegenwart zurechtzubeulen. Es ist aber anzunehmen, dass Jack White auch in der irdischen Realität von der Angst umgetrieben wird, sich bloss noch zu wiederholen. Vielleicht hat er darum die Raconteurs gegründet, deren burschikoser Vintage-Rock ihn übers ganze letzte Jahr beschäftigt hat. Und jetzt gibt es sogar eine dritte Band: The Dead Weather veröffentlichen morgen die elf Songs von «Horehound».
Die vergessene Geheimwissenschaft
Die Gitarren spielen diesmal Dean Fertita (von den Queens of the Stone Age) und Alison Mosshart (The Kills), am Bass steht Jack Lawrence (Raconteurs). Jack White seinerseits wiederholt sich nicht: Er setzt sich ans Schlagzeug. Es sei heutzutage eben schwierig, sein Publikum zu überraschen, sagt er. Schuld daran sei das Internet, das immer schon alle Musik gehört und gestohlen hat, bevor sie auf den Markt kommt. Darum huldigt er – im Tonstudio, aber durchaus auch auf dem Internet – einer Ära, in der mit Analogtechnik und Vinylschallplatte noch die reine Rock-'n'-Roll-Lehre gelebt wurde.
Auf der Website seiner neuen Band ist in einem virtuos verzitterten Schwarzweiss-Clip zu sehen, wie die Musiker eine Vinylsingle herstellen. Es sieht ein bisschen aus wie Alchemie, und das ist vermutlich genau der Eindruck, der erweckt werden soll: dass hier Einblick gewährt wird in eine vergessene Geheimwissenschaft. Dazu hört man Zikaden und den vertrödelten Blues von «Will There Be Enough Water (When My Ship Comes In)?». Die obszöne Metapher des Titels löst sich im tropfend schwülen Gesang von Alison Mosshart und Jack White auf, während der Gospelgott aus schweren Klavierakkorden mit Strafe und Verdammnis droht. Da ist er wieder, der mythologisch aufgedonnerte und sexuell gespannte Blues des Jack White.
Chor der Masochisten
Tatsächlich unterscheidet sich die Musik der Dead Weather nicht wesentlich von jener der White Stripes. Zwar klingt das Quartett fetter und öliger als das zwölf Jahre alte Duo, das nicht zuletzt für Meg Whites sklerotisches Schlagzeugspiel bekannt ist. Letztlich aber ist sie nur ein neues Vehikel für die immer gleichen Fuder von Blues- und Rockarchaik in cooler Rowdy-Ästhetik. The Dead Weather führen die überdrehte Bluesshow der White Stripes fast nahtlos fort, sei es, dass sie da und dort die Eisenhämmer des Hardrock stampfen lassen, sei es in den Infarkten einer heftig übersteuernden Stromgitarre.
Und man muss schon sagen, auch die Probleme gleichen sich. Die exaltierte Aufführung der Bluestradition kippt auch mit den Dead Weather mehr als einmal ins Karnevaleske – und ist da von närrischer Humorlosigkeit. So in «No Hassle Night», in dem schon wieder ein einsamer Sänger der Nacht und überhaupt dem Untergang entgegentaumelt: «I'm looking for a place to go / When the sun goes down and stays down.» Dazu orgelt ein breit aufgummierter Rock, den man nur aus Stilgründen nicht Schweinerock nennen möchte.
Wie nahe sich The Dead Weather an der Karikatur bewegen, zeigt auch Jack Whites neue Gesangspartnerin. Hat bei den White Stripes das flirrend laszive Zusammenspiel der angeblichen Geschwister Jack und Meg White eine inzestuöse Note, becirct Alison Mosshart mit sadomasochistischem Extra-Thrill. Das ist grossartig in «So Far From Your Weapon», als sie das ziellos über die Landstrasse tippelnde Mannsvolk zu einem Begleitchor sammelt und schnalzt: «You want to get off and let go / I said no.» Der Chor antwortet brav. Der Song mokiert sich über die romantischen Helden des Blues – und denkt ihr Verhängnis weiter. Die absurde Sinnlosigkeit der Bluesexistenz ist ohne sexuellen Trost. Die Musik klingt wie der endlose Strassenrand, der dem Manne so noch übrig bleibt.
Nicht jede Songidee ist so gut, und nicht jede Tonspur so schön desolat. «Hang You From the Heavens» oder «I Cut Like A Buffalo» sind dick mit Hardrock, Funk und Dub geschmiert, und vor dieser Drohkulisse wirkt die Dominapose bald überkandidelt und lachhaft. «I've got a lot that I can do to you», bellt Mosshart dann, oder: «You know I treat you like a joke / But I can't tell you when I'm joking.» Das soll nach dem Blues von der üblen Seite des Bahndamms klingen, klingt aber vor allem nach viel Kostümaufwand.
Der Selbermacher
Jack White lebt heute in Nashville. Das Zentrum der kommerziellen Countrymusik sei das perfekte Gegengift zur «coolen Hipster- und Garagenrockszene» seines alten Viertels in Detroit, «in der ich dauernd geprüft werde, ob ich noch cool oder indie genug bin für den Underground», sagte er in einem Interview. Aber natürlich produziert White mit seinen Bands nach wie vor fürs Indie-Publikum und teilt auch dessen Ideen: In Nashville hat er sich seinen Hauptsitz mit Ton- und Fotostudio, Bühne und Büros für sein Label eingerichtet. Hier kann er Platten machen, bei denen ihm niemand dreinredet.
Für das digitale Zeitalter ist Jack White damit gerüstet. Er, der gerne als Dinosaurier einer analogen Zeitrechnung posiert, ist der neuen Epoche in Wahrheit bestens angepasst. Seine Musik rettet zwischen Bluesakkord und Punk-Ethos so gut wie jedes Echtheitszertifikat einer guten, alten Zeit in die Hitparaden von heute. Jack White handelt im digitalen Kosmos mit analog restaurierten Roots-Rock-Mythen – und betont mit seinen schnittigen Outfits und musikalischen Manierismen gleichzeitig deren Künstlichkeit. Das macht ihn reihum interessant. Jack White ist in Hollywood ebenso wohlgelitten wie auf den Rängen der Fussballstadien, wo sein Gitarrenriff zu «Seven Nation Army» einen beliebten Schlachtgesang hergibt.
Wenn Jack White heute seinen 34. Geburtstag feiert, ist er mit seinen drei Bands im Markt gut aufgestellt. Er hat sein Produkt zu drei Produkten ausnuanciert, die im Gleichen eine angenehme Abwechslung bieten. Das reduziert die Gefahr, das Publikum zu langweilen. Und nicht zuletzt lanciert er so einen Gegenentwurf zum Geschäftsmodell, das die Popmusik seit Madonna geprägt hat. Nahm diese in ihrer Karriere alle möglichen Identitäten an, zerlegt White seine musikalische Identität zu drei Karrieren. So wissen wir heute, was Jack White meinte, als er vor zwei Jahren auf «Icky Thump» sang, er sehe «drei Personen im Spiegel». Die grosse Depression im Musikgeschäft müsste sich mit solch einem Spiegel überstehen lassen.
The Dead Weather: Horehound (Third Man Records/Sony).
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 09.07.2009, 07:57 Uhr
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