Kultur

Hören Sie, wie neu die Beatles tönen

Von Jean-Martin Büttner, London. Aktualisiert am 09.09.2009 18 Kommentare

Heute erscheinen die grossartigen Remasters auf CD. Es ist, als springe die Musik der Beatles zum ersten Mal aus den Boxen. Überzeugen Sie sich selbst, wir haben die Audio-Files.

Klingen wie frisch aus dem Studio: Das Werk der Beatles wurde digital überarbeitet.

Klingen wie frisch aus dem Studio: Das Werk der Beatles wurde digital überarbeitet.
Bild: Keystone

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Hörbeispiele

Vergleich alte Aufnahmen/überarbeitete Versionen

I'm looking through you, alt:



I'm looking through you, neu:


Taxman, alt:


Taxman, neu:


Things we said today, alt:


Things we said today, neu:


Revolution Nummer neun

Heute, am 9. 9. 09, erscheint das alte Werk wie neu: «The Beatles Remastered», die komplette digitale Überarbeitung ihrer zwölf Alben auf CD, ergänzt durch das Doppelalbum «Past Masters», das viele Singles, EPs und B-Seiten vereint. Alle Platten sind neu und sorgfältig annotiert und mit zusätzlichen Fotos sowie einer kurzen Filmdokumentation versehen. Sie können einzeln oder als Box erworben werden (EMI/Apple).

Nur als Box wird «The Beatles in Mono» angeboten, die alle Alben ausser den letzten beiden enthält und aus mehreren Gründen von Interesse ist. Zum einen nahmen die Beatles und ihr Produzent George Martin den Mono-Mix wesentlich ernster als die Stereo-Version, weil die Fans zu dieser Zeit nur mono hören konnten. Dann weicht die Mono-Abmischung zum Teil deutlich von den Stereo-Versionen ab. Und schliesslich wird einem auf diese Weise die absurde Kanalverteilung zwischen Stimmen und Instrumenten erspart, die vor allem bei den frühen Platten stören. Dennoch bleibt diese Ausgabe Liebhabern vorbehalten.

Wenn sie sich wieder einmal darüber stritten, welches Stück die bessere Single abgeben würde oder wie sich ihre Stimmen noch weiter verfremden liessen, wenn sich also alles zwischen ihnen komplizierte, was im Laufe ihrer Karriere immer häufiger vorkam, gerade weil sie einander so nahe standen da konnte es passieren, dass John Lennon innehielt, ironisch über den Rand seiner Brille schaute und sagte: «It s only me.»

Das war typisch für sie, nicht nur für ihn. «Wir kommen halt aus Liverpool», sagte George Harrison, «einer Stadt, die Aufschneider nicht ausstehen kann und in der sich jeder für einen Komiker hält.» Bis heute spricht Paul McCartney von den Beatles als «dieser ziemlich guten, kleinen Rock- n -Roll-Band». Auch Ringo Starr verkörperte mit seinem lakonischen Spiel und Witz die unbeeindruckte Haltung von vier Arbeiterkindern einer Hafenstadt aus dem Norden, die nie vergassen, woher sie kamen, auch wenn sie auf Tournee oder im Drogenrausch nicht immer wussten, wo sie waren. Die Beatles kamen von ganz unten, gelangten zusammen ganz oben an und kamen sich zuletzt im bitteren Streit abhanden.

Das Ende am Zebrastreifen

Zuvor, 1969, hatten sie ein letztes Album aufgenommen, das alle Konflikte vertonte und versöhnte und das sie nach dem alten Studio benannten, von dem aus sie die Welt verändert hatten: «Abbey Road». Auf der Hülle sieht man sie den Fussgängerstreifen überqueren, der von ihrem Studio wegführt, vier Freunde auf dem Weg zur Trennung. «And in the end», hatte McCartney am Ende der Platte gesungen, die Hoffnungen der 60er-Jahre beschwörend, «the love you make / is equal to the love you take.» Die Zeilen sind als Graffiti auf der Studiomauer zu lesen, die alle paar Monate übermalt wird, um dann von den Fans wieder vollgeschrieben zu werden.

Während die Touristen einander auf dem Zebrastreifen fotografieren, gehen die Techniker in den Studios ihrer Arbeit nach. In den Studios eins und zwei wird aufgenommen, im Studio drei wird abgespielt. Seit Monaten reisen Journalisten aus aller Welt hierher, um die Aufnahmen der Beatles zu hören, die der Tontechniker Allan Rouse und seine Kollegen während vier Jahren neu digitalisiert haben. Das sechsköpfige Team hat vollendet, was der Erstausgabe der Beatles-CDs von 1987 nicht einmal im Ansatz gelang: Das Gesamtwerk so aufzubereiten, dass die Qualität des Klangs endlich der Qualität der Musik entspricht.

Vom Dreck der Zeit befreit

Das Ziel sei gewesen, sagt Allan Rouse im Gespräch, «die Musik der Beatles so zu übertragen, als höre man sie im Studio spielen» (siehe unten). Restaurierung also und nicht Modernisierung, Wiederherstellung statt Anpassung. Wie das alles tönt, kann die Öffentlichkeit ab heute überprüfen, da die neuen Masters erhältlich sind in Stereo, aber auch in Mono, für die Beatles lange Zeit das wichtigere Format. Und nachdem man alles tagelang und nächtelang durchgehört, wiedergehört, verglichen und analysiert hat, lässt sich sagen: Die Beatles waren nicht die beste Band der Welt; sie waren noch viel besser. Als Ganzes und in der Summe ihrer Teile. In der Einheit ihrer über 200 Songs und der Vielfalt ihrer Stimmen, Instrumente, Effekte und Arrangements: Popmusik in Vollendung.

Man glaubte jeden Ton zu kennen. Jetzt kommt es einem vor, als höre man alles zum ersten Mal. Und das nicht nur, weil man vieles tatsächlich zum ersten Mal hören kann. Die Musik klingt warm und organisch, klar und frei; sie leuchtet, vom Dreck der Zeit gereinigt, in den schillerndsten Klangfarben. Die Harmonien tönen weicher, die Kontraste schärfer. Wie nahe die vier Musiker einander waren, die kaum je Aussenstehende an sich heranliessen, wird einem erst jetzt wirklich bewusst, da man das subtile und kraftvolle Ensemblespiel so hört, wie die Beatles es aufgenommen haben.

Mit neuer Energie aufgeladen

Jetzt erst erklingt ihre Musik als Ganzes und als Summe ihrer Teile. Paul McCartneys Bassspiel zum Beispiel, das auf den ersten Alben kaum zu hören war, wird mit seinen melodischen und dann wieder kontrapunktischen Linien vibrierend spürbar. Auf späteren Aufnahmen kommt das Zusammenspiel der Gitarren neu zur Geltung, die Feinheiten von Starrs trügerisch einfachem Schlagzeugspiel. Frühe Platten wie etwa «With The Beatles» oder «A Hard Day's Night» klingen wie mit neuer Energie aufgeladen. Spätere, wie «Rubber Soul» und «Revolver», auf denen die Beatles ihre Drogenerfahrungen musikalisierten und mit noch nie gehörten Klangeffekten experimentierten, werden erst jetzt in der Komplexität ihrer Arrangements begreifbar.

Auch hat das «Weisse Album» aus dem Jahr 1968, bei dem die Konflikte der Gruppe erstmals offen ausbrachen, alles Schrille und Harte verloren. «Abbey Road» schliesslich belegt in seiner majestätischen Schönheit, was Brian Epstein, der sensible und unglückliche Manager der Band, zwei Jahre vor seinem Tod als Erster formuliert hatte: Dass in dieser Musik nicht nur das Glück, sondern auch die Trauer anklingt. Als melancholisches Glück, als getragene Trauer.

Lederjacken, Orchester, LSD

Um sich bewusst zu werden, was diese Band geleistet hat, muss man sich ihre Karriere vergegenwärtigen. Bevor die Beatles erstmals die kahlen Studios der Abbey Road betraten, hatten sie schon Hunderte von Konzerten gegeben, fiebrige Auftritte im düsteren Cavern-Club in Liverpool und zuvor nächtelang auf der Hamburger Reeperbahn vor Freiern, Prostituierten und betrunkenen Matrosen. Dann nahmen sie, zusammen mit ihrem Produzenten George Martin, in nur sieben Jahren elf Platten und ein Doppelalbum auf, dazu 33 Singles und B-Seiten (die Live-Aufnahmen bei der BBC und das später veröffentlichte Studiomaterial nicht eingerechnet). Dazu drehten oder vertonten sie fünf Filme und tourten vier lange Jahre lang unablässig durch die Welt. Bis 1966 standen sie entweder im Studio oder auf der Bühne. Und haben bis heute, schätzt jedenfalls ihre Plattenfirma, gegen eine Milliarde Platten und CDs verkauft.

Und immer wenn sie ins Studio zurückkehrten, kamen sie mit neuen Ideen an, wollten etwas anderes ausprobieren, setzten andere Instrumente und Effekte ein, hatten bessere Songs geschrieben. Zwischen «She Loves You» mit seinem unbekümmerten «Yeah, yeah, yeah» und dem avantgardistischen «Tomorrow Never Knows», bei dem Lennon sich am Tibetischen Totenbuch inspirierte, liegen keine drei Jahre. In der Zwischenzeit hatten sie mit George Martin und seinen exzellenten Ingenieuren die populäre Musik und mit ihr die Aufnahmetechnik revolutioniert in einem Studio aus den 30er-Jahren, in dem die Techniker noch lange in weissen Kitteln durch die Gänge gingen. Die Beatles begannen als Rock n Roller in Lederjacken, 1967 arbeiteten sie mit einem 40-köpfigen Orchester, inspirierten sich an Stockhausens elektronischer Musik und vertonten ihre LSD-Erlebnisse. Bis heute verzaubern die Mitsingmelodien ihrer Songs die Kinder und Fans. Und sie faszinieren die Musikwissenschafter mit ihren ungewöhnlichen Harmonien, Metren und Arrangements.

Die Schwächen der Genies

Dabei konnte Ringo Starr keine Trommelwirbel spielen, und George Harrison fiel das Solieren schwer. John Lennon, der seine Stimme nicht leiden konnte, vermochte seine Wünsche nur in Metaphern zu formulieren: Er wollte singen «wie eine Orange» oder «wie tausend Mönche auf einem Berg» und verlangte ein Arrangement, «das nach Sägemehl riecht». Sogar Paul McCartney, der neben Bass, Klavier und Schlagzeug auch hervorragend Leadgitarre spielt, weigert sich bis heute, das Notenlesen zu erlernen. Wie konnten diese vier nur ein solches Werk erschaffen?

Keine Frage: Ohne George Martin, den klassisch geschulten Musiker und Arrangeur, wären Platten wie «Revolver» oder «Sgt. Pepper» nicht entstanden. Mit ihm entdeckten die Beatles das Mischpult als Instrument, obwohl sie nur zwei, dann vier und zuletzt acht Aufnahmespuren zur Verfügung hatten (vier Jahre später gab es Mischpulte mit 24 Spuren, auf den heutigen Computern sind es grenzenlos viele).

Allerdings hat George Martin seither keine einzige Platte produziert, die auch nur annähernd die Qualität seiner Aufnahmen mit den Beatles erreicht. «Zu Beginn war ich der Lehrer», schreibt er in seiner Autobiografie, «dann lernte ich von ihnen.» Auch seine Boys, wie er sie nannte, erreichten als Solisten nie mehr das Niveau ihrer gemeinsamen Arbeit. Wie ihre Musik funktionierten auch sie als Ganzes und als Teile, als Gruppe und als Individuen, allen voran über die konträren Talente ihrer wichtigsten Songschreiber. Drohte McCartney sentimental zu werden, zwang ihn Lennon mit seinem schneidenden Sarkasmus zurück. Wusste Lennon musikalisch nicht mehr weiter, half ihm McCartney mit seiner harmonischen Brillanz.

Wahrheit trifft auf Schönheit

«Lennon passte seine Melodien der gesprochenen Sprache an und kam mit minimalen Intervallen aus», schreibt der britische Musikwissenschafter Ian MacDonald, aber er habe auch mit unüblichen Metren und Rhythmuswechseln gearbeitet. McCartneys Kompositionen dagegen verblüfften durch ihre grossen Intervalle, durch natürliche Musikalität und melodisches Talent. «Bei Lennon und McCartney kollidierten Dissonanz mit Konsonanz, Ausdruck mit Eleganz, Wahrheit mit Schönheit.»

Spätestens wenn die beiden mit ihren jeweils neuen Songs ankamen, verdoppelte sich das Duo zum Quartett davon abgesehen, dass auch Harrison als Songschreiber laufend zulegte. «Das Gute bei uns war», sagt Ringo Starr, «dass wir die beste Idee umsetzten, egal, wer von uns sie eingebracht hatte.» Mit ihrer Musik realisierten die Beatles eine Utopie der 60er- Jahre: zusammen sein, aber sich selber werden. Wie John Lennon es sang, auf «Strawberry Fields Forever», seinem träumerischen Lied über die Grenzen der Realität: «It s getting hard to be someone but it all works out.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.09.2009, 10:10 Uhr

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18 Kommentare

Paul Steiger

09.09.2009, 09:59 Uhr
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@Arun Müller - da stimme ich Ihnen voll und ganz zu. Aber, wer über 40 Jahren erfolgreich auf der Bühne ist, kann auch nicht alles falsch machen. Ob nun diese Monströnen Bühnen gut sind, mit denen die Stones rumfahren, oder nicht bleibe mal dahingestellt. Tatsache ist, dass die Musik unserer Generation noch immer zieht. Warum wohl?? Antworten


Arun Müller

09.09.2009, 07:48 Uhr
Melden

Der Artikel bringt gut zum Ausdruck was die Beatles von den Stones unterschiedet: Musikalische und persönliche Weiterentwicklung innert weniger Jahren. Die Stones tönen heute immer noch so wie vor vierzig Jahren und ob sie sich persönlich weiterentwickelt haben - na ja.... Antworten




Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

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