Kultur

Im Disneyworld der Rockmusik

Der Retropop war erst der Anfang: Wie New York in Boutiquen und Museen seine heroische Rockvergangenheit feiert.

Ungewöhnliche Transformation: Der legendäre Punkrock-Club CBGB’s stand erst leer, unterdessen wurde er zur teuren Kleiderboutique.

Ungewöhnliche Transformation: Der legendäre Punkrock-Club CBGB’s stand erst leer, unterdessen wurde er zur teuren Kleiderboutique.
Bild: Keystone

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Der berühmteste Tempel des Punk in New York ist seit ein paar Jahren geschlossen. Im ehemaligen CBGB's im südöstlichen Manhattan kauft man heute Jeans und Musikfotografie. Wo Mitte der Siebzigerjahre die Ramones, Television oder Patti Smith die Rockmusik zerstörten, um sie selbst nochmals zu erfinden, hat nur der Stil überlebt. Viele Boutiquen dieser Gegend schmücken ihre Schaufenster mit alten Gitarren und Bässen, die Lederjacken tragen astronomische Preisschilder. Man kann das weder Fashion Punk noch Punk Fashion nennen, dafür wirkt es zu bieder. Vielleicht: Casual Business Punk.

Die globale Schicht, die zwischen Greenwich Village und der Lower East Side einkauft, ist zu jung, um sich an die Bands des alten CBGB's zu erinnern. Diese Stiloffensive, die den Look einer bankrotten und gefährlichen Stadt von vor 30 Jahren auf ein aktuelles Preisniveau hochkopiert, hat ihren Grund in der Gegenwart. In Manhattan, das seinen Mythos der Kreativstadt erneuern konnte: Die Nuller-Jahre brachten hier tolle Musik hervor, aber es war immer Musik, die auf eine andere Zeit verwies.

Eine stilbewusste Jugend

Man nannte es Retro oder einfach Neue Rockmusik. The Strokes in New York waren die Ersten, dann kamen The Libertines aus England. Es war der erste Trend der Nuller-Jahre. Wenig später folgte die zweite Retrowelle, eine Neuauflage des Folk, schon wieder in Manhattan entworfen. Im Jahrzehnt der Digitalisierung hatte der analoge Sound Konjunktur. Gespielt mit Gitarren, gesungen von Typen mit ungewaschenen Frisuren. Stets klang es nach einer Zeit vor Internet, Globalisierung und gesicherten Innenstädten. Indes: Diese Musik sah gut aus – nach den blassen Elektronik-Bastlern, grotesk kostümierten Hiphoppern und Flanellhemd-Rockern eine Wohltat für die stilbewusste Jugend und ihre Medien.

Als The Strokes 2001 mit «Is This It» das Spiel eröffneten, waren alle zufrieden, weil überrascht. Man mochte nicht so richtig über Geschichte reden, obwohl die Strokes sehr deutlich nach Television klangen. Dafür war der Sänger Julian Casablancas zu attraktiv. Und: Diese neuen Bands hatten fleissig geübt. In diesem Jahrzehnt wurde Pop klassisch, wurden die Brillen der Älteren getönt. Vorsicht, Falte!

Nur Posen am Mikrofon zählen

Dezember 2009: Das Jahrzehnt geht zu Ende, Julian Casablancas ist bald dreissig und stellt in Berlin sein erstes Soloalbum vor. Es hätten noch ein paar Menschen mehr Platz im Saal. Der immer noch junge Mann verwaltet bereits sein Erbe, es geht nur noch um die Pose am Mikrofon. Danach stehen ein paar Mädchen neben der Bar und lassen sich von Roadies und dritten Gitarristen abschleppen, in der Hoffnung, ihn zu sehen. Wen? Julian Casablancas, der jetzt aussieht wie Adam Green. Oder umgekehrt: Der zweite Retro-Coverboy New Yorks, Adam Green, könnte ein Doppelgänger des ersten sein. Greens neues Album «Minor Love», ab 8. Januar im Handel, zeigt den Singer/Songwriter in Schwarzweiss, in schwarzem Lederjäckchen und linkisch verspielter Pose. Als wärs das Cover einer Strokes-CD.

Adam Green stand einst für das Gegenteil der hochtourig vermarkteten, coolen Langeweile der Strokes. Green war der Antiheld des Antifolk, dem zweiten grossen Popphänomen der Nuller-Jahre. Green war zwar zu ironisch, um ganz in den Bann des Neo-Lagerfeuers zu geraten. Seine kurzen Songs und sein Bariton klangen zu sehr nach Lee Hazelwood. Nach Herrenschmuck, den er nie trug, und nach Koteletten, die er nie wachsen liess. Green war lustig und smart, live auch mit körperlichen Folgen. An einem seiner ersten grossen Europa-Konzerte, 2004 in der Berliner Volksbühne, sah man nicht nur eine erstklassige Band und einen sicheren Performer, sondern etwas, was man an ernst zu nehmenden Konzerten schon lange nicht mehr gesehen hatte: Frauen, die ohnmächtig wurden. Das Foyer glich einem Lazarett.

Ein Ramone im Museum

In New York, im Sidewalk Café, wo Adam Green als Künstler gross wurde, ist Ende 2009 nichts mehr davon zu spüren. Die Portionen sind mächtig, der Schnaps mickrig. Auf dem Weg zur Toilette kommt man an der Bühne vorbei und einem Schild, man solle nicht stehen bleiben, sondern bezahlen. Es ist mehr ein Hinterzimmer. Ein einsamer Mittvierziger singt von sozialer Sicherheit und spielt akustische Gitarre. Hinter ihm das Logo des Ladens: «Sidewalk Café – Home of Anti-Folk». Was sich mal nicht definieren lassen wollte, wirbt nun um Touristen.

Ein paar Strassen weiter südlich steht ein junger, langbeiniger Mann vor einem Schaufenster in der Mulberry Street. Er trägt schwarze Röhrenjeans, das Haar mittellang, eine schwarze Lederjacke und Boots. Er hat was von Joey Ramone, wäre dieser schön gewesen und nicht als jüdischer Junge mit schlechten Zähnen im Stadtteil Queens geboren. Der Unterschied zwischen 1978 und 2009: Der Schönling vor dem Schaufenster hat vermutlich eine Krankenversicherung. Ob er auch in ein Schweizer Internat ging wie Julian Casablancas? Joey Ramone, 2001 gestorben, hängt aber im Museum of Modern Art. Die MoMA-Ausstellung «Looking at Music – Side 2» hat in diesem Spätherbst die Helden des New Yorker Punk und der New Wave geehrt. Plattenhüllen hängen wie Klassiker der Moderne an der Wand (was sie ja auch sind). «Marquee Moon» von Television, «Take Me to the River» von den Talking Heads, «Horses» von Patti Smith. Die Videos von Bob Gruen zeigen chaotische Parodien auf TV-Shows, in denen die Musiker von Blondie mit dem Moderator kiffen.

Wenig Grenzüberschreitung

Und die Begleittexte erinnern immer wieder daran, wie der experimentelle Geist mit den damals günstigeren Mieten zusammenhing. Stimmt, in den Retromusiken der Nuller-Jahre gab es wenig Grenzüberschreitung. Man machte entweder Musik oder Kunst, die Märkte waren längst getrennt, es galt halt Geld zu verdienen. Allerdings stimmt das für die Helden von früher jetzt genauso. Ein gründlicher Blick in die «Village Voice» kann ganz schön schwindlig machen, in welchem Jahr man sich denn gerade befindet. Kein Abend ohne alte Punk-Heroen in hochkulturellem Rahmen. Devo spielen Abend für Abend ihre Alben eins zu eins nach, für 74 Dollar (es sind kurze Alben). Sonic Youth und andere liessen sich vom Kunststar Mike Kelley zu einem Best-of-New-York-Avantgarde «kuratieren».

Es kann nicht mehr lange dauern, bis die Strokes selbst im Museum hängen. Denn mittlerweile bestimmen ganz andere Musiken die Stadt: Stilschmelzen aus anderen Kontinenten, discofizierte Weltmusik unterschiedlichster Hautfarbe.

Mehr an dieser Stelle in zehn Jahren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.12.2009, 06:46 Uhr

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