Joe Jackson spielt Duke Ellington

30 Jahre nach seiner Hommage an Cole Porter nimmt sich der britische Musiker einer weiteren Jazz-Legende an.

Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Ich kann nicht erklären, warum ich meine Duke-Ellington-Platte aufnahm», erzählt Joe Jackson. «Es gibt auch keine logische Erklärung dafür, demnächst mit einer verhältnismässig grossen Band auf Tour zu gehen, bei der ich vermutlich draufzahlen muss, um das Album live aufzuführen. Ausser, dass mir Ellington-Tunes immer wieder ins Gedächtnis gerufen werden. Wie Haare, die einem immer wieder in den Ohren wachsen.» Im Herbst stellt er seine Ellington-Variationen live auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz vor.

Jackson, der grossgewachsene Engländer, der 1978 rotzig und erfolgreich «Is She Really Going Out With Him» zum New-Wave-Stakkato-Beat jammerte, nahm im Laufe seiner dreieinhalb Dekaden umfassenden Karriere immer wieder hochambitionierte Alben auf. Er komponierte und arrangierte für sein «Will Power»-Album semiklassische Orchester-Einspielungen, schrieb Songzyklen über die grosse, weite Welt für «Big World» und die sieben Todsünden für seine «Heaven and Hell»-Platte. Meistens balancierte er dabei immer um Haaresbreite am Geschmacksnerv des grossen Publikums vorbei.

Hassliebe Pop

Pop und Joe Jackson - das war zumeist eine leidenschaftlich ausgelebte Hassliebe. Immer wieder diktierte ihm sein persönliches Selbstverständnis die Abkehr von künstlerischer Leichtigkeit. Hin und wieder machte er es einem aber auch leicht, ihn und seine in grenzenlose Musikalität gegossene Pop-Auffassung zu lieben.

Wie im Juni 1982, als er sein Signet-Album «Night & Day» veröffentlichte - eine Hommage an seine damalige Wahlheimat New York und an Cole Porter. Mit exponierten Salsa-Rhythmen, ohne Gitarren, aber mit drei Pop-Klassikern : «Steppin' Out», «Breaking Us In Two» und «A Slow Song». Auf den Monat genau 30 Jahre später greift Jackson für «The Duke», ein Duke Ellington-Tribut-Album, seine musikalische Nonchalance-Fährte wieder auf.

Mit prominent besetzter «Bigger Band», humoristischen Ellington-Betrachtungen und ohne Blasinstrumente. «Ich bin kein Jazz-Musiker, was mich zumindest in meinen Augen dafür prädestinierte, eine Ellington-Platte aufzunehmen. Wer hätte schon das zigste Ellington-Tribut eines weiteren Jazzers gebraucht? In dem ich quasi gänzlich auf Bläser verzichtete, machte ich meine Ellington-Platte unterscheidbar von allen anderen, die es schon gibt», erklärt Jackson die Konzeption von «The Duke».

«Ich war von meinem eigenen Vorhaben regelrecht überwältigt.»

Dramaturgisch an Jacksons New York-Nachbetrachtung «Night & Day II» angelehnt, steht am Anfang von «The Duke» eine Art Präludium in Form von «Isfahan» aus Ellingtons «Far East Suite» – sozusagen symptomatisch für die Platte. Johnny Hodges' charakteristische Altsaxofon-Melodieführung in der ursprünglichen Big-Band-Version der Szene wird unter Jacksons Regie mit einer von reichlich Schlagwerk grundierten, romantisierenden Zwiesprache zwischen Piano und Steve Vais Gitarre besetzt.

Insgesamt vier Jahre sezierte Jackson für «The Duke» mehrere Dutzend Ellington-Stücke, von denen sich einige schlicht nicht zur Neudeutung eigneten. «Hin und wieder bekam ich während des Arrangierens der Platte kalte Füsse und war von meinem eigenen Vorhaben regelrecht überwältigt. Aber dann setzte ich einen Schritt vor den anderen und arrangierte Songteile für die speziellen Fähigkeiten meiner Gastmusiker.»

Die Musiker und Charaktere, die auf Jacksons Streifzug durch das Werk Ellingtons zu hören sind, lassen den 57-Jährigen schwärmen. Sein Rhythmus-Trio, Bassist Christian McBride, Drummer Ahmir Thompson und Percussionistin Sue Hadjopoulos, bereiten geschmeidige, gleichsam druckvolle Groove-Fundamente für den «Caravan»-Salsa-Rock, den die iranische Sängerin Sussan Deyhim auf Farsi-Sprache interpretiert. Dem fröhlichen Swing-Medley «I'm Beginning To See The Light/Take The ‹A› Train/Cotton Tail» setzte die Jazz-Violinistin Regina Carter eine Jazz-Manouche-Krone auf. «It Don't Mean A Thing (If It Ain't Got That Swing)», das exaltierte Duett mit Iggy Pop, erinnert an Jacksons «Jumpin' Jive»-Album.

«Alles darf neu und anders interpretiert werden»

Den Vergleich mit seinem Swing-Ausflug von 1980 will Jackson trotz der offensichtlichen Überschneidungen nicht gelten lassen. «Das ‹Duke›-Album ist keine Swing-Angelegenheit und es besitzt auch nicht diese übergeordnete Nostalgie. ‹Jumpin Jive› war 1981 mein radikaler Bruch mit der Perspektive, durch die ich als Musiker mit der ersten Joe-Jackson-Band wahrgenommen wurde. Heute verspüre ich nicht mehr den Drang, nach irgendeiner Wahrnehmung meiner musikalischen Qualitäten», sagt er trotzig.

Trotzdem unterstreicht «The Duke» Jacksons Kunst als Arrangeur wie keins seiner bisherigen Alben, abgesehen von seinen Live-Erzeugnissen. «Neben der Freude, die ich beim Arbeiten mit Ellingtons Kompositionen hatten, wurde mir die Gewichtung des Arrangierens von musikalischem Material deutlicher als bisher bewusst. Viele Musiker wissen gute Arrangeure gar nicht mehr zu schätzen, sondern glauben, dass das Gelingen einer Platte vor allem vom Produzenten abhängt. Als ob es so viel Mühe kostet, Musik ein bisschen interessanter und variabler zu gestalten. Ellington war ein Arrangeur-Meister, der fand, dass alles neu und anders interpretiert werden darf. Das war die Legitimation für meine neue Platte, die sowohl ein Joe Jackson-, wie auch eine Duke Ellington-Album ist.»

Jackson mag kein Jazz-Musiker sein. Ein Pop- und Jazz-Fan, der mit grenzenlos artikulierter Unaufdringlichkeit begeistern kann, ist er geblieben. «The Duke» ist sein Meisterwerk.

Am 21. Oktober spielt Joe Jackson im Spirgarten in Zürich. (dapd)

Erstellt: 27.06.2012, 08:27 Uhr

Artikel zum Thema

Von Keith für Elise

Vom «Kotelett-Walzer» bis «Für Elise»: Jazz-Pianist Keith Jarrett greift auch mal auf Gassenhauer zurück. Zumindest in dieser Video-Montage. Mehr...

Die freien Radikalen des Jazz

So macht Globalisierung Spass: Die Jazzwerkstatt Bern schickt immer mehr internationale Querkopf-Joint-Ventures ins Rennen. Der Oberquerkopf war heuer der US-Dudelsack-Liebhaber Matthew Welch. Mehr...

Weiterbildung

Lehrstellen

Sich zu bewerben heisst für sich werben

Blogs

History Reloaded Kampf gegen die Einheitswelt

Sweet Home Das tut einer Männerwohnung gut

Werbung

Die Welt in Bildern

Abgetaucht: In Zürich geniesst man die sommerlichen Temperaturen mit einem Bad im See. (26. Mai 2017)
(Bild: Walter Bieri) Mehr...