Klangforscher

Klänge sammeln wie ein Botaniker

Der Berner Schlagzeuger Julian Sartorius hat ein Jahr lang täglich auf zum Teil skurrile Gegenstände und Objekte gehauen. Die Resultate hat er zu einem «Beat Diary» mit 365 fesselnden Kurztracks zusammengefasst.

«Es gibt nichts auf der Welt, das nicht tönt»: Auf der Suche nach Rhythmen und Klängen betrommelte Julian Sartorius auch Grashalme.

«Es gibt nichts auf der Welt, das nicht tönt»: Auf der Suche nach Rhythmen und Klängen betrommelte Julian Sartorius auch Grashalme. Bild: Reto Camenisch

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Über Grashalme kann man achtlos hinweggehen. Man kann ihnen aber auch besondere Aufmerksamkeit schenken, sie zum Beispiel mit Drumsticks «bespielen» und horchen, was dabei an Rhythmen entsteht. Letzteres hat der Berner Schlagzeuger Julian Sartorius getan. Mit einem Holzschlegel in der Linken, einem Filzschlegel in der Rechten, hat er für sein «Beat Diary» Gräser betrommelt und die Beats mit einem speziellen Mikrofon aufgezeichnet.

365-mal war Sartorius 2011 mit seinem «Field Recorder» unterwegs, hat Klänge und Rhythmen gesammelt, wie Botaniker Pflanzen in ihre Botanisiertrommeln stecken. Und dabei festgestellt: «Es gibt nichts auf der Welt, das nicht tönt. Es ist grossartig.» Der 1981 geborene Drummer nippt am Tee und fährt sich mit der Hand durchs Haar, das genauso wildwüchsig zu spriessen scheint wie die Natur; wie die Grashalme, mit denen Sartorius im «Beat Diary» ein rauschendes Kurzkonzert aus Mikrorhythmen spielt.

Auf seinem Blog veröffentlichte er von Januar bis Mitte Juli 2011 täglich seine Beats, ab dem Sommer bis Ende Jahr schrieb er ohne Blog weiter an seinem Sound-Tagebuch, das nun als Gesamtpaket zusammen mit einem Fotoband veröffentlicht wird – die Aufnahmesituationen hielt er nämlich jeweils fotografisch fest. So folgen wir Sartorius durchs letzte Jahr. In Berlin war er, in Brüssel, Amsterdam, Litauen, Helsinki, Island, Paris, aber auch in der freien Wildbahn oder gar auf einer Alp. Und überall entstanden kurze Tracks, an denen er mal fünf Minuten, mal fünf Stunden arbeitete.

Selbst die Luft klingt

Was aber hat er alles bespielt während dieses 365-tägigen Klang- und Rhythmusexperiments? «Das Wohnungsinventar zu Hause, Metallplatten, Dächer, Instrumente aus den verschiedensten Teilen der Welt, die ich auf Flohmärkten fand, Velospeichen; Lampenschirme in Hotels, Türschlösser, Lichtschalter – und sogar wenn man die Luft mit den Schlegeln zerteilt, gibt es einen Klang.»

Hört man von der Vielfalt des Instrumentariums, versteht man die Zürcher Sängerin Sophie Hunger, die meinte, Sartorius’ «Beat Diary» klinge genau so, wie die Welt töne. Mit Hunger war Sartorius zweieinhalb Jahre unterwegs, spielte über 200 Konzerte. Von ihr habe er viel mitgenommen, sagt er. «Man hatte zwar in dieser Musik nicht so viel improvisatorische Freiheit als Schlagzeuger, aber ich konnte mich so auf die Nuancen konzentrieren, um das Lied bestmöglich zu unterstützen.» Aufmerksamkeit den kleinen Klangereignissen gegenüber zeichnet nun gerade auch die Tracks im «Beat Diary» aus.

Es gibt manche Stücke, in welchen Sartorius die Welt in ihrem Klangwillen gleichsam frei sprechen lässt. Am 29. Oktober 2011 nahm er so eine alte Wanduhr auf; es ist ein Rhythmus ohne sein Zutun. Manchmal hilft er der Welt aber auch auf die Sprünge (oder Klänge) und holt etwas hervor, was noch verborgen ist – wie beim Treffen, als er sein Teeglas mit dem Löffel streichelt: «Du erfindest diesen Klang nicht, er ist irgendwie schon da, gespeichert im Glas.» Fast will einem im Gespräch der berühmte Satz des Dichters Eichendorff einfallen, wonach ein Lied in allen Dingen schläft, man müsse nur das Zauberwort treffen, dann hebe die Welt zu singen an. Auch Sartorius lässt die Welt singen, wenngleich er als Perkussionist nicht das Zauberwort sucht, sondern den Zauberschlag.

Er hat überall gearbeitet

Beim Projekt ging es ihm bald auch nicht mehr nur darum – wie noch bei der Wanduhr –, der Welt ihren freien Klangwillen zu lassen, schliesslich lasse sich der in Dingen gespeicherte Klang ja formen. Und so zwang er ihm seine (Rhythmus-)Vorstellung auf. Als Schlagzeuger habe er bei seinem akustischen Tagebuch Beats gewollt und rhythmische Strukturen. Wodurch am Ende ganze Groove-Kunstwelten entstanden.

Wie beim kleinen Konzert mit den Gräsern. Wir hören 1000 poetisch-trauliche Knacklaute, sie addieren sich zu einem flirrenden Rhythmus. Und man merkt: Hier spielt einer, der sein schlagzeugerisches Handwerk versteht, der auf die Kraft seiner Hände und auf die Kraft natürlicher Klänge vertraut. Sartorius verzichtet bei seinen Feldstudien auf die elektronischen Zaubermittel des Studios – einzig Overdubs gibt es im «Beat Diary»; die meisten Tracks haben drei oder vier Spuren. Der Sophie-Hunger-Satz von der Welthaltigkeit des «Diary» macht auch insofern Sinn, als Sartorius’ Tagebuch von Entdeckungen lebt, die der Drummer wirklich allüberall erstöberte. «Es gibt viele Alltagsgeräusche in den Tracks, Autos, Vögel, Bahnhofdurchsagen.»

Wir hören 1000 poetisch-trauliche Knacklaute, sie addieren sich zu einem flirrenden Rhythmus.

Sartorius arbeitete buchstäblich überall an den Tracks, sogar im Flugzeug und im Zug – auch wenn manche Leute den klopfenden Mann mit dem zerzausten Haar bisweilen für ein wenig seltsam hielten. Die Offenheit gegenüber Alltagsereignissen habe ihn auch vor Fantasiestress bewahrt: Er habe sich anfänglich gefragt, ob er genug Einfälle für 365 Beats habe. «Doch es half mir, dass ich die Umwelt mitspielen liess.“

Und manchmal half Sartorius auch das Datum der Aufnahme. Sein Geburtstag am 30. April? Der Tag inspirierte ihn zu seinem verschmitzten «Happy Birthday» auf Tassen. Der 31. Dezember? Hier erklingt ein gewaltiges Furioso, das mit fast drei Minuten den längsten Track im «Beat Diary» bildet. Ein wuchtig-trashiges Schlagzeug, ein Stimmengewirr von Menschen. Und an Silvester muss es eben auch nicht mehr der Klang sanftmütiger Grashalme sein: Das «Beat Diary» von Sartorius endet mit dem fortgesetzten Knallen von Feuerwerkskörpern – als wollte die Welt zeigen, dass sie auch mal laut sein kann.


«Beat Diary» von Julian Sartorius als 12-LP-Vinyl-Box samt Fotoband (229 Fr.) oder als Downloadtracks inklusiv Fotoband (40 Fr.) bei everestrecords.ch.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.12.2012, 17:08 Uhr

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