Klein, süss, brav und traurig

Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 13.10.2009

Das tragische Leben des Stephen Gately: Trotz ständigem Kampf mit Pillen und Depressionen bleibt der Tod des homosexuellen Sängers der irischen Band Boyzone mysteriös.

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Stephen Gately starb am 10. Oktober während eines Aufenthalts in Mallorca.
Bild: Reuters

   

Amy Winehouse, ja, Pete Doherty, ja, Robby Williams, ja, – bei ihnen würde die Nachricht passen: nach einer wilden Party auf einem Sofa verstorben, erstickt am eigenen Erbrochenen. Aber Stephen Gately? Wer war der Junge noch mal? Gately war der süsse, kleine und traurige Sänger der irischen Boygroup Boyzone. Aus katholischem Elternhaus, scheu und introvertiert, überliess er die exzessiven Partys, die frivolen Skandale und die schnellen Sportwagen, mit denen Boyband-Mitglieder gerne prunken, seinen Kollegen. Wenn seine Kollegen in den Tagen ihres grössten Erfolges aufbrachen, um die Sau rauszulassen, blieb Gatley stumm und erklärte erst auf Nachfrage, er werde den Abend zu Hause bei Mutti verbringen.

Auch in anderer Hinsicht widersprach Gately dem Image eines Popstars. Denn Gately war homosexuell, eine Tatsache, die er lange verschwieg. Er sei einfach zu scheu, um Mädchen anzusprechen, behauptete er jahrelang. Erst zum Comeback der Band im vergangenen Jahr durfte er, erstmals überhaupt, in einem Boygroup-Videoclip, einen Mann anschmachten.

In der Schule übte er Autogramme

Umso mehr überrascht, dass Gately vergangenes Wochenende unter mysteriösen Umständen bei einem Urlaub in Mallorca verstarb. Offiziell soll er am eigenen Erbrochenen erstickt sein - die Todesursache ist noch Gegenstand von Untersuchungen. Gately wurde 1976 als viertes von fünf Kindern in Dublin geboren. Der Vater war Maler, die Mutter Putzfrau, finanziell war die Familie Gately nicht auf Rosen gebettet. Doch das bremste Stephens Träume keineswegs. Schon als Kind liebte er die Bühne. Mit vierzehn Jahren ergatterte er einen Vertrag bei einer Model-Agentur, gewann im selben Jahr die All-Irland-Disco-Meisterschaft und trat in Musicals und Theaterstücken seiner Schule auf. Seine Zukunft, so war ihm klar, lag im Showbusiness. Eifrig übte er auf den Rücken seiner Schulbücher seine Unterschrift, um später für die Autogrammstunden gerüstet zu sein. Als seine Mitschüler ihn auslachten gab er zur Antwort: «Es wird sich auszahlen.»

Er sollte Recht behalten. 1993, in seinem letzten Schuljahr, entdeckte er eine Zeitungsannonce. Gesucht wurden hübsche Talente für die Gründung einer Boygroup. Gately bewarb sich neben vierhundert anderen Adoleszenten beim irischen Unternehmer Louis Walsh und gewann. Er wurde neben Ronan Keating Sänger bei Boyzone. Der Erfolg stellte sich schon bald ein mit Hits wie «Words» (1996), «All That I Need» (1998), «When the Going Gets Tough, The Tough Get Going» durch.

Früher Erfolg

Gately hatte erreicht, wovon er geträumt hatte – dennoch litt er unter dem Erfolg. Zumal er sich nicht zu den Mädchen hingezogen fühlte, die ihn nun anhimmelten, eine Tatsache, die nicht nur er mit allen Mitteln zu verbergen versuchte. Walshs PR-Abteilung streute in regelmässigen Abständen Gerüchte, Gately liebe heimlich einen anderen Star, zum Beispiel Emma Bunton von den Spice Girls oder Mandy Smith, Ex-Frau des Rolling Stone Bill Wyman. Gately spielte brav mit und schmückte die Geschichten in Interviews aus.

Doch statt auf Freiersfüssen zu wandeln, kämpfte er mit Privatproblemen: Sein Freund aus den Dubliner Tagen, Stephen Howard, war heroinsüchtig. Nachdem Gately sich 1995 von ihm getrennt hatte, erhängte sich Howard. Kurz darauf verliebte sich Gately in Eloy de Jong, seinerseits Mitglied der holländischen Boyband Caught in the Act.

Zunächst schien das Glück perfekt. De Jong reiste Boyzone nach und checkte unter falschem Namen in Hotels ein, um mit Gately zusammen sein zu können. Das Versteckspiel flog allerdings im Jahr 1999 auf, als ein Bodyguard der Band drohte, die Wahrheit über Gateyls sexuelle Orientierung an ein Boulevard-Blatt zu verkaufen. Gately outete sich. Doch seine privaten Probleme blieben. 2001 ging die Beziehung zu de Jong in die Brüche. Und Boyzone löste sich im Streit auf.

Depressionen

Gately lancierte eine Solo-Karriere und verbuchte kleinere Erfolge, aber er kämpfte mit Depressionen. Er sah sich bei Kristallsehern und Astrologen nach Hilfe für seine persönlichen Probleme um, nahm aber auch Antidepressiva, die ihn nach eigenen Angaben in einen Zombie verwandelten. Immer öfter plagte er sich mit Selbstmordgedanken.

2003 heiratete Gately seinen Freund Andrew Cowles in Las Vegas, einen Unternehmer, den er durch Elton John kennengelernt hatte. Er zog mit ihm zusammen nach London. Vergangenes Jahr wurde das Comeback von Boyzone verkündet, doch die Band spielte auf der Tour diesen Sommer in halb leeren Stadions – und das Comeback-Album war immer noch in Arbeit bei Gatelys Tod am Samstag. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.10.2009, 15:30 Uhr

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