«LSD hat für mich eine besondere Bedeutung»

Polo Hofer, Schweizer des Jahres 2015, sieht sein neues Album «Ändspurt» nicht als Vermächtnis – aber doch ein bisschen als Bilanz.

Ausgezeichnet: Polo Hofer, hier mit Moderatorin Christa Rigozzi bei der SwissAward-Show im Zürcher Hallenstadion. Foto: Walter Bieri (Keystone)

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Man solle ein Gebet auf Sie singen, wenn Sie gegangen sind. Mit diesem Satz hört Ihr Album «Ändspurt» auf. Haben Sie keine Angst vor dem Tod?
Nein. Meine Frau verkauft Särge. Es ist für alles vorgesorgt.

Haben Sie einen Wunsch für dieses letzte Gebet?
Es sollte eine gewisse Lebensfreude haben. Ein Gebet ist ja ein Ausdruck von Hoffnung. Ich könnte mir einen feierlichen Gospel vorstellen.

Wie ist denn Ihr allgemeines Befinden?
Sehr gut. Ich war vor zwei Wochen beim Arzt. Er hat einzig beanstandet, dass mein Herz etwas zu schnell schlägt. Das zeigt, dass da was auf Trab ist.

Auf Ihrem neuen Album gibt es nachdenkliche, aber auch äusserst ausgelassene Momente. Ist das Ihr Gemütszustand: zwischen Rentner-Euphorie und Todesahnungen?
Das Album ist die Quintessenz meiner Liedermachererfahrungen. Es pendelt zwischen Hoffnungen und Ängsten, zwischen Spott und Spiritualität. Dieses Spektrum also, das mit jedem Leben abgleichbar ist. Popmusik, egal aus welcher Gegend, spiegelt ja immer eine Zeit und eine Befindlichkeit wider. Vielleicht ist es sogar die nobelste Aufgabe der Popmusik, ein Fiebermesser der Gesellschaft zu sein. Blickt man zurück in der Musikgeschichte, findet sich in jedem grossartigen Song ein Bezug zur jeweiligen Zeit.

Wie äusserte sich dies konkret?
Das begann mit den Roaring Twenties, in denen nach dem Krieg wieder getanzt werden durfte. Oder nehmen wir die Hippiezeit, in der ich gross geworden bin. Unsere Songs waren voller Träume, es herrschte Aufbruchstimmung, und man hörte die neuen Rauschmittel zwischen den Zeilen blubbern.

Wie würden Sie die momentane Epoche umschreiben?
Als Zeit der Ängstlichkeit. Das hat zur Folge, dass die Jungen vor klaren Aussagen zurückschrecken. Die Jugend ist apolitisch, und so ist auch ihre Musik. Es ist – für den Mundartsektor gesprochen – eine Epoche der plumpen Poesie. «Ich reise nach Amerika und mache ganz viele Kinder»: Eine Zeit, in der solche Texte begeistern, ist keine besonders geistreiche Zeit. Wir haben in den 70ern noch den Eskapismus beschrieben. Heute geht es nur noch um Fern- oder Heimweh und um die schönen Berge.

Darum ging es bei Ihnen doch auch.
Das mag für einen Song wie «Alperose» zutreffen, aber ich wollte nie Schlager machen. Das Leben hat kein Happy End. Das gibts nur in den Schlagern. Ich habe stets versucht, wie ein Chronist auch globale Ereignisse in meiner Musik abzubilden. Ich habe gegen Aids gesungen, über Naturkatastrophen, übers Militär.

Sie schreiben, dass Sie 40 Jahre lang versucht hätten, den Zeitgeist zu reflektieren. Haben Sie nicht eher dem Zeitgeist getrotzt mit oberhoferscher Bockigkeit?
Musikalisch mag das stimmen, thematisch nicht. Ich habe früh gemerkt, dass ich in diesem Job eine gewisse Narrenfreiheit geniesse. Ich kann mir jede Frechheit erlauben und meine Meinung hinausposaunen. Heute ist es vor allem die Spaltung der Gesellschaft, die mir Sorgen macht. Die Völkerwanderungen werden uns vor eine grosse Probe stellen, aber sie werden uns auch kulturell bereichern. Aber im Moment sehe ich schwarz, wenn ich beobachte, wie die Gesellschaft darauf reagiert.

Trotzdem ist Ihr Album stellenweise fröhlich, voller sonderbarer Brüche. Sind Sie ein Breitbandmusikant?
Wenn man sich auf einem geografisch so engen Territorium bewegt wie ich, muss man schon etwas Abwechslung bieten. Wenn man immer auf der gleichen Linie fährt, klingt irgendwann jedes Album gleich. So wie bei Krokus.

Nun sind Sie auch noch Schweizer des Jahres geworden.
Es ist ja schon bizarr. Ein Schweizer des Jahres sollte doch ein Vorbild sein. Ich eigne mich dafür überhaupt nicht. Ich bin im Gefängnis gesessen, ich habe Leute geärgert, ich habe gegen die SVP geflucht – und jetzt bin ich Schweizer des Jahres. Was ist bloss los mit diesem Land?

Sie haben sich auch als «Kiffer der Nation» bezeichnet.
Das Fernsehen lädt mich immer ein, wenn es ums Kiffen geht. Dabei finde ich Marihuana immer noch harmlos. Alkohol ist viel bedrohlicher für die Menschheit.

Gibt das Rauschgift tatsächlich mehr, als es nimmt?
Eines schon, und zwar LSD. Ich will das in keiner Weise propagieren. Aber LSD hat für mich eine besondere Bedeutung. Ich habe in den Siebzigern etwa 25 Trips eingeworfen. Und ich hatte das Gefühl, dadurch immer wieder neue Zusammenhänge zu erkennen. Es hat mich nicht erstaunt, dass Steve Jobs und Bill Gates ebenfalls mit LSD experimentiert haben, was ihr vernetztes Denken sicher gefördert hat.

Bedeuten Titel wie Schweizer des Jahres Ihnen überhaupt etwas?
Ich habe schon zweimal den Prix Walo gewonnen. Beide Trophäen habe ich der Berghilfe gespendet. Das sagt wohl alles.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 10.01.2016, 22:44 Uhr)

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