Kultur

«Meine Musik bringt die neue Zeit»

Von Markus Schneider. Aktualisiert am 06.10.2009

Yoko Ono findet ihr neues Album grossartig. Die Witwe von John Lennon lässt im Gespräch keinen Zweifel daran, dass ihr Zweifel fremd sind.

«Der Weltfrieden, der wird sehr bald kommen»: Yoko Ono.

«Der Weltfrieden, der wird sehr bald kommen»: Yoko Ono.
Bild: Keystone

Erstmals seit acht Jahren hat die Künstlerin und Musikerin Yoko Ono wieder ein Album veröffentlicht. Dafür hat die Witwe des Rockmusikers John Lennon eine neue Plastic Ono Band mit japanischen und amerikanischen Musikern gegründet. Produziert hat das Album ihr Sohn Sean Lennon.

Frau Ono, wie kam es nach der langen Pause zum neuen Album?
Es war mir nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 einfach wichtig, zu reisen und über den Weltfrieden zu sprechen. Und meinen «Imagine Peace»-Tower in Island zu bauen: ein Turm des Lebens, auf dem in 24 Sprachen «Imagine Peace» geschrieben steht und dessen Licht immer vom 9. Oktober, Johns Geburtstag, bis zum 8. Dezember, seinem Todestag, brennen soll. Irgendwann meinte mein Sohn Sean: Du solltest jetzt langsam dein Album angehen, und zwar mit neuer Musik.

Das Album ist vielseitig geworden.
(begeistert) Ja, total unterschiedlich. Ist das nicht grossartig?

Ja, super.
Ich komme von der klassischen Musik und dem Jazz her, im Gegensatz zu vielen anderen Musikern habe ich nie gesagt: Ich mache nur Klassik oder Avantgarde. Als 1968 der Free-Saxofonist Ornette Coleman kam und mich bat, mit ihm eine Show zu spielen, habe ich es getan. Und dann bin ich über diesen Rocker gestolpert (lacht herzlich) und habe eben das getan – ich habe immer leidenschaftlich und interessiert Musik gemacht. Diesmal hatte ich mir vorgenommen, einfach zu tun, was mir in den Kopf kommt – es ist, als würde ich die Landkarte meines Hirns veröffentlichen.

Vieles dreht sich um die Erinnerung, die Musik klingt träumerisch und wehmütig. Hat dieser Ton mit dem Älterwerden zu tun?
Es geht um Erinnerung, aber genauso um die Zukunft. Um das Älterwerden muss ich mir keine Gedanken machen. Auch nicht darum, ob ich noch Avantgarde bin oder nicht. Ich brauche einfach die Überraschung. Dabei bemühe ich mich nicht um Unberechenbarkeit. Ich versuche nur zu sein, was ich jeweils gerade bin.

Sie stellen in Berlin ein paar Arbeiten aus. Eine davon, «My Mummy Is Beautiful», ist eine Aufforderung an den Besucher, seine Mutter auf die leeren Flächen zu zeichnen.
Toll, nicht? Alle drei Arbeiten, die ich zeige, haben mit Frauen zu tun. Ich wollte daran erinnern, dass wir Frauen sehr wichtig sind. Auch Sie würden schliesslich nicht existieren ohne uns.

Den Zuschauer einzubeziehen, ist typisch für Ihre Kunst.
Ja, aber das gilt auch für meine Musik. Schon «Two Virgins» – 1968 mein erstes Album mit John Lennon – trug den Untertitel «Unfinished Music Part One»; das nächste Album hiess «Part Two». Das bedeutet, dass die Leute ihre eigenen Sachen dazu spielen können. Hat aber niemand gemacht.

2007 erschien das Remix-Album «I'm A Witch». Mit der elektronischen Musik und der Remix-Kultur hat die Popmusik Ihr Konzept der Forterzählung eingeholt.
Genau, das ist toll. Jetzt muss ich es nicht mehr tun. Ich will ja nicht hinterherlaufen (lacht). Aber ich habe mir nie gesagt: So, das musst du jetzt tun. Sie müssen verstehen, dass bei mir alles mit Emotion zu tun hat.

Zum Beispiel?
2004 machte ich für die Biennale in Liverpool «My Mommy Was Beautiful» – Bilder einer nackten Frauenbrust und einer Vagina, die auf Plakaten, Flyern oder Postern verteilt wurden. Ich dachte, das ist das Schönste, was ich geben kann, sie werden es lieben. Es war John gewidmet, weil der diese Mutterfixierung hatte. Aber sie reagierten richtig sauer. Ich will niemanden provozieren, ich gebe einfach nur, was in meinem Kopf vorgeht.

Ihre Kunst hatte immer einen starken politischen Impuls. Hat sich seit Obama etwas verändert?
Naja, Politiker innerhalb etablierter Institutionen haben es schwer, sie sind in bestimmten Grenzen gefangen. Was aber gut funktioniert, das sind wir. Und die Art, wie wir Dinge mit Imagination tun. Musik hat eine ungeheuer heilende Vibration, und visuelle Kunst hat diese ungeheure Macht, Wirklichkeit zu visualisieren. Mit visueller und auditiver Kunst können wir den Planeten bedecken und in einen Planeten der Musik und der Kunst verwandeln. Wenn wir das tun, haben wir – (klatscht in die Hände) ganz schnell den Weltfrieden. Das wird sehr bald so kommen.

Einige Stücke des Albums, etwa «D Train», klingen recht aggressiv.
Der «D Train» ist der Death-Train, der Zug des Todes. Wir warten auf den Tod, und während wir warten, passieren alle möglichen Dinge. In den ersten Songs geht es um das Jetzt, um all die Sachen, die man emotional hinter sich bringt. Am Ende geht die Sonne wieder auf. Da sage ich: «I'm Alive», ich lebe. Aber das bedeutet: Wir leben. Und wir werden ein neues Zeitalter schaffen. Auf eine gewisse Art sagt mein Album die Zukunft voraus. Mehr noch: Es bringt die neue Zeit.

Sie klingen überaus optimistisch.
Nicht optimistisch, realistisch. Unser Planet wird aus seinem jetzigen embryonalen Stadium herauswachsen. Wir werden weiser und freier werden und eine unglaubliche Welt schaffen. Wir haben zum Beispiel Stammzellen, wir können Klone aus einem einzelnen Haar herstellen. Viele interessante Dinge geschehen. Sie konzentrieren sich auf etwas, das nicht passiert. Denken Sie daran: Was auch immer Sie denken oder tun, es beeinflusst die ganze Welt. (Pause, Kichern.) Sie glauben mir kein Wort, nicht wahr? (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.10.2009, 08:30 Uhr

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