Musik aus der Probierstube
Von Ane Hebeisen. Aktualisiert am 14.02.2012 1 Kommentar
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Neulich seien sie an ein grösseres Jazzfestival eingeladen worden, erzählen die beiden Jazzwerkstatt-Veranstalter und Jazz-Saxofonisten Marc Stucki und Benedikt Reising. Zwei Wochen vor dem Konzert habe der Veranstalter angerufen und sie gebeten, doch noch einen Russen in die Band aufzunehmen, das Thema des Festivals sei nämlich Russland und dem wolle man doch irgendwie Rechnung tragen. Da gerade kein Russe zur Hand war, beschlossen die beiden, den Bulgaren, der in der Band mitspielte, einen Abend lang als Russen zu verkaufen. Alle waren zufrieden, die Band hatte ihren Spass, doch die Frage, wie sehr sich ein Festival in die Kunst einmischen soll, hat die beiden offenbar beschäftigt.
Es gibt derzeit zwei Ströme im globalen Festivalveranstalter-Milieu: Entweder kauft man sich bei den Agenturen jene Bands zusammen, die alle Jahre wieder im Angebot stehen, und läuft Gefahr, zu einem Musiksupermarkt zu verkommen. Oder man versucht, den Durst nach dem Exklusiven und Besonderen mit eigens fürs Festival zusammengewürfelten Formationen zu stillen.
Die Jazzwerkstatt Bern geht einen anderen Weg. Gesetzt wird auf Musiker aus dem weiten Freundeskreis des Organisationskomitees oder auf Bands, die man auf Tourneen kennen gelernt hat. Was diese am Festival vortragen, bleibt den Künstlern überlassen. Und weil die Jazzwerkstatt nicht bloss eine serielle Manufaktur ist, sondern primär als Probierstube genutzt werden soll, sehen sich die meisten der angefragten Musiker angestachelt, Neues zu versuchen.
Zwischendurch ein Happy End
Die Gruppe Cooper/Stucki/Naidoo ist beispielsweise eine Frucht dieses Geistes. Marc Stucki lernte an einem Konzert den südafrikanischen Schlagzeuger Kesivan Naidoo kennen und schätzen, kurz darauf kehrte der Co-Veranstalter Andreas Schaerer aus Kapstadt zurück mit der Absicht, den Bassisten Shane Cooper ans Festival zu laden. Man gebar die Idee, fürs Festival ein Trio zu gründen, die Südafrikaner sind nun schon eine Woche vor dem Anlass in die Schweiz gereist, haben mit Stucki ein Warm-up-Konzert in Luzern bestritten, und aus den ersten Reaktionen auf diesen Auftritt darf geschlossen werden, dass da etwas geboren ist, was der Musikwelt noch viel Freude bereiten wird.
«Ohne das Festival wäre diese Gruppe kaum entstanden», sagt Marc Stucki und erinnert an den Gründergedanken der Jazzwerkstatt: «Es gab schlicht kein Festival, das den Mut aufgebracht hätte, unsere teilweise abenteuerlichen Ideen auf die Bühne zu bringen. Wer würde sich schon um ein Grossorchester mit zwei Schlagzeugen und elektrischer Gitarre reissen, das Stücke spielen will, die noch nicht geschrieben sind?»
Am Festival der Jazzwerkstatt Bern sind genau solche Abenteuer möglich und erwünscht. Der Impro-Gedanke wird weiter gefasst als bei anderen entsprechenden Festivals, bei denen als Ketzer gilt, wer einen vorproduzierten Beat ins Rennen wirft oder auf der Bühne ein Notenblatt entfaltet. War man im letzten Jahr noch bemüht, ein paar erprobte Bands ins Programm zu mengen, hat man diese Idee für die Ausgabe 2012 bis auf ein paar wenige Ausnahmen wieder verworfen. «Wir haben immerhin darauf geachtet, dass es jeden Abend eine Art Happy End geben könnte», sagt Benedikt Reising, «und dass in den frühen Morgenstunden dann eben eher nicht der Mann auf der Bühne steht, der sein Piano zersägt.»
Ein musikalischer Selbstlaut
Ein solches Happy End dürfte etwa die CD-Taufe der Gruppe Sans Claire um die Berner Sängerin Simone Abplanalp werden. Sie präsentiert zarte, sparsamst instrumentierte Balladen, die mal von eiszapfenartiger Schönheit sind und kurz darauf durch tiefsten Americana-Sumpf waten.
Zu einem fast schon popmusikalischen Selbstlaut hat die neue Gruppe des einstigen Züri-West-Keyboarders Oli Kuster gefunden. Aeiou heisst das Projekt, für das er unter anderem die Soulsängerin Djemeia zur Avantgarde-Sirene umfunktioniert.
Auch der Berner Schlagzeuger Julian Sartorius ist ein regelmässiger Gast der Jazzwerkstatt. Für die diesjährige Ausgabe hat er zusammen mit dem Luzerner Tonkünstler Martin Baumgartner und der Berliner Schauspielerin Jana Klinge eine Bühnenfassung des surrealistischen Textes «Die Sonne war ein grünes Ei» von H. C. Artmann ausgeheckt.
Dudelsäcke und falsche Könige
Eine der Hauptattraktionen des Festivals ist traditionell das hauseigene Grossorchester: Das Ballbreaker Ensemble wird unter anderem Werke der südafrikanischen Saxofonistin Shannon Mowday oder des Berner Pianisten Philip Henzi uraufführen. Und dann gibt es ein Wiedersehen mit dem amerikanischen Dudelsack-Tunichtgut Matthew Welch, der dieses Jahr mit einem Projekt um die Schweizer Goldkanten-Rhythm-Section Flo Reichle und Tonee Schiavano vorstellig wird. Ebenfalls immer wieder gerne gehört sind die neuesten Abenteuer des Wiener Schlagzeugers Lukas König, der kürzlich mit seiner Gruppe König Leopold am Berner Winterjazzfestival für sehr angenehme Verwirrung sorgte. Seine neue Band heisst B. B. König, es wird mit Keyboard, Schlagzeug und Saxofon musiziert, und das Ergebnis hat mit Blues nur sehr am Rande etwas zu tun.
Und der ganze grosse Rest? Von den meisten Bands wüssten selbst sie noch nicht, was zu erwarten ist, versichern die künstlerischen Leiter. «Da darf auch mal was in die Hosen gehen», sagt Benedikt Reising, und irgendwie klingt es so, als wäre man fast ein wenig empört, wenn dem nicht so wäre. (Der Bund)
Erstellt: 14.02.2012, 08:33 Uhr
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Anstatt seine negativen Klischeevorstellungen zu wiederholen und eine Segregation zu betreiben, wäre es vielleicht nützlich, wenn der Autor dieser "Vorschau" mal gewisse Veranstaltungen besuchen und sich persönlich informieren würde. Es besteht eine grosse Vielfalt - in allen Gebieten. Der heutige Jazz "kann" alles und muss nicht immer nur den Fun-Hunger der Partygänger und Zappelpeter stillen! Antworten
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

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