«Musik bietet die Chance, in Afrika zu bleiben»

Marianne Berna und Thomas Burkhalter erklären, warum Afropfingsten, das wichtigste Schweizer Festival für afrikanische Musik, nicht mehr stattfindet.

Europa ist nicht mehr das Mass aller Dinge: The Tshe Tsha Boys aus Südafrika. Foto: Chris Saunders

Europa ist nicht mehr das Mass aller Dinge: The Tshe Tsha Boys aus Südafrika. Foto: Chris Saunders

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Am Musikfilmfestival Norient ist ein Remake von «Purple Rain» zu sehen, dem Film mit Prince: Mdou Moctar spielt einen Tuareg aus Niger, der sich als Gitarrist durchsetzen will. Wovon hängt im realen Leben die Karriere eines solchen Musikers ab?
Thomas Burkhalter: Der Markt hat sich auch für afrikanische Musiker stark verändert. Europa oder die USA sind nicht mehr der Ort, wo man es schaffen will und muss. Ein junger Gitarrist aus Niger bemüht sich in erster Linie um lokale ­Finanzquellen und Auftritte. Moctar ist ja selber Musiker: Seine Platten erscheinen auf dem Label Sahelsounds eines amerikanischen Musikethnologen. Das hilft ihm zwar, ab und zu ausserhalb von Afrika zu touren, aber entscheidend ist sein Heimmarkt.
Marianne Berna: Die Konzerte waren in Afrika wegen der Piraterie der Weg zur Karriere, seit die Musikkassette eingeführt wurde: Danach verkaufte ein Musiker vielleicht 5 Millionen Stück, aber Tantièmen erhielt er für 5000. Seit auch bei uns nicht mehr bezahlt wird für Tonträger, sind die europäischen und amerikanischen Märkte für afrikanische Musiker nicht mehr so interessant.

Eine Musikkarriere wird also nicht mehr auch als Chance verstanden, nach Europa auszuwandern?
Marianne Berna: Nein, als Chance zum Bleiben. Die Digitalisierung hat aus dem afrikanischen Musikmarkt einen gigantischen Wachstumsmarkt gemacht.
Burkhalter: Nigeria zum Beispiel hat heute einen riesigen Mainstream-Musikmarkt mit einer Videoclip-Produktion auf westlichem Niveau. Aber nicht nur dort sind die jungen Generationen in den Social Media sehr präsent. Also buhlen die Musiker dort um Likes und Followers. Die Mobiltelefon­firmen haben erkannt, was für ein Potenzial da drinsteckt, und investieren in vielen afrikanischen Ländern. Auch in die Musiker: Die können zum Beispiel sehr gut verdienen, wenn sie in den sozialen Netzwerken als Markenbotschafter für eine Telefonfirma auftreten. Auch Klingeltöne sind ein gutes Geschäft.
Berna: Nicht zu vergessen die Diaspora. Es gibt afrikanische oder arabische Stars, von denen die meisten Europäer nie gehört haben, die aber in unseren Städten riesige Konzerte geben.
Burkhalter:Kennen Sie Naiwa Karam? Ich sollte diese libanesische Sängerin mal an ein Festival in Basel einladen. Sie forderte 50'000 Dollar, und die Gage war nicht verhandelbar.

Die meisten europäischen Musiker hätten ein Problem damit, Botschafter für eine Telefonfirma zu sein.
Burkhalter: Viele afrikanische Musiker gehen mit dem Kommerz viel lockerer um, da arbeitet auch ein Underground-Künstler mit Vodafone zusammen. Es gibt dort diese Indie-Ideologie nicht.
Berna:Youssou N'Dour hat schon in den 80er-Jahren einen Song für Honda gesungen.

«Die Popmusik wird in zehn Jahren noch viel stärker vermischt und viel weniger westlich geprägt sein.»Thomas Burkhalter

Sie haben Vodafone erwähnt: Wie weit vorne mit dabei sind europäische Firmen auf dem afrikanischen Musikmarkt?
Berna: Eher weit hinten als weit vorne. Zuerst waren Investoren aus Indien da, aus Dubai, den Emiraten und Ägypten – etwa die Orascom von Samih Sawiris. Jetzt steigen die Chinesen ein.

Hat erst die Verbreitung der Smartphones den afrikanischen Musikmarkt digitalisiert?
Berna: Schon, auch wenn längst nicht alle ein Smartphone besitzen. Viele hören die Musik auch in Internetcafés, auf den Musik- oder Videoplattformen oder über Sticks, auf denen sie ihre Songsammlungen mitbringen.

Die westliche Popmusik hat sich etwas verbraucht und rezykliert vor allem noch ihr Archiv. Nicht wenige Beobachter glauben, dass die ­Zukunft des Pop aus Afrika kommt.
Berna: Richtig, wobei Afrika vor allem schon mal die Vergangenheit der Popmusik ist.
Burkhalter: Davon bin ich überzeugt. Die Popmusik wird in zehn Jahren noch viel stärker vermischt und viel weniger westlich geprägt sein. Wenn ich sehe, wie gut ausgebildet, mit wie viel Lebenserfahrung und Drive junge Musiker in Afrika und anderen Regionen ihre Welt neu erschaffen wollen: Dann ist klar, dass sich all dieses Talent schon bald durchsetzt.

Afro-Pfingsten, das wichtigste ­Festival für afrikanische Musik in der Schweiz, muss aber aufhören.
Berna: Dieses Festival musste eine Halle für 3500 Zuschauer füllen. Es gibt  nicht mehr als eine Handvoll von Weltmusik-Stars, die so viele Leute erreichen.
Burkhalter: Ich finde aber auch, dass das Festival inhaltlich ein bisschen stehen geblieben ist, dass es immer wieder dieselben Altstars aus der Weltmusik-Industrie der 80er-, 90er-Jahre gezeigt hat. Ich glaube, die neue, jüngere Weltmusikszene mit ihrer hybriden Ästhetik wurde an den Afro-Pfingsten nie richtig ernst genommen.
Berna: Diese Szene hat auch keine Stars hervorgebracht, die eine Halle füllen.
Burkhalter: Das stimmt allerdings. Die ganze Szene ist kleinteiliger geworden und in Nischen organisiert. Es gibt nicht mehr zwei, drei Labels und Produzenten in New York und London, die Weltmusikstars machen. Es gibt sehr viele Plattformen und Meinungsmacher, aber sie sind nicht in der Lage, Karrieren zu lancieren. Also gibt es viele Stars – jeder in seiner Nische. In ihrem kleinen Netzwerk machen sie alles selber: Musik, Videos, Verpackung, Promo und Vertrieb.

Popstars wie Paul Simon, Peter Gabriel oder Damon Albarn haben afrikanische Musiker gefördert. Bräuchte es wieder solche Förderer?
Burkhalter: Diese Stars haben tat­sächlich bei ihrem Publikum ein Interesse für afrikanische Musik geweckt. Aber es ist jedes mal ein weisser west­licher Mann, der sagt, welche Afrikaner auf die Bühne dürfen und wie die Musik inszeniert wird. Man kann sagen, das sei ja nur Musik und man solle das nicht so ernst nehmen. Trotzdem bleibt dieser kolonialistische Ruch.

Im Westen stellt man sich die Musik aus Afrika authentischer und ländlicher vor, als sie ist.
Berna: Kongolesische Musik war schon in den 50er-Jahren ein urbaner Mix aus kubanischem Rumba, lokalen Rhythmen und griechischer Produktion.
Burkhalter: Im Internet-Zeitalter sind die Cut-ups einfach viel schneller, virtuoser und extremer geworden. Man kann heute jederzeit jede erdenkliche Musik samplen und mit einem Beat oder einer Ästhetik aus einer entgegengesetzten Ecke der Welt kombinieren.

Und doch wurde die Musik von Ali Farka Touré dem westlichen Publikum als Quelle des Blues verkauft. Mit grossem Erfolg.
Burkhalter: Das stimmt, das Publikum liebt solche Geschichten.

Auch in Afrika?
Berna: In Afrika ist die traditionelle Musik so allgegenwärtig, dass man sie weder pflegen noch inszenieren muss. Natürlich gibt es auch dort die Sänger, die klagen, dass die Jungen nur noch Hip-Hop und Elektrozeugs hören.
Burkhalter: Das 20. Jahrhundert ist voller europäischer Ethnologen, die durch Afrika und Arabien reisten, um «das Erbe zu bewahren». Im arabischen Raum gibt es erst jetzt, so meine Beobachtung, erste einheimische Exponenten, die Feldaufnahmen machen.
Berna: Viele afrikanische Musiker haben kein Problem damit, beides zu machen. Sekouba Bambino etwa kommt aus einer Griot-Familie mit tausendjähriger Musiktradition, die selbstverständlich auch er beherrscht. Daneben macht er Elektromusik für die Tanzpartys.
Burkhalter: Der Umgang mit dem ­kulturellen Erbe ist spielerischer geworden; man verwendet auch bedenkenlos Sounds aus der Medien- und Popkultur. Als sich Weltmusiker noch stärker am westlichen Markt orientieren mussten, ging es darum, eine vermeintlich tra­ditionelle Musik zu nehmen, sie auf ­Ho­chglanz zu polieren und zu den ­europäischen Festivals zu tragen.

«Kanté sagte immer, er habe ‹Yeke Yeke› nicht für die Weissen gemacht, sondern weil die jungen Afrikaner solche Lieder hören wollten.»Marianne Berna

Bob Marley wollte selbst ­kommerziell sein. Es war kein ­hegemonialer Akt der Engländer, seinen Reggae zu glätten.
Burkhalter: Er war aber auch eine Ausnahme. Wie viele Weltmusiker gibt es, die einen Welthit hatten? Marley, ja, dann kommt schon Psy. Und da­zwischen vielleicht noch Youssou N’Dour mit ­Neneh Cherry und Mory Kanté.
Berna: Kanté ist ein gutes Beispiel. Er sagte immer, er habe «Yeke Yeke» nicht für die Weissen gemacht, sondern weil die jungen Afrikaner solche Lieder hören wollten. Die Ironie dabei ist höchstens, dass seine jungen Afrikaner auch darum begannen, seine Musik zu hören, weil er damit in Europa so erfolgreich war. Afrika fährt immer noch auf das ab, was in Europa gerade populär ist.

Das muss nicht schlecht sein: Stromae ist mit seinem «Papaoutai» in Afrika sehr populär geworden. Das Lied handelt von einem grossen Problem gerade auch für diesen Kontinent – den abwesenden Vätern.
Burkhalter: Ja, er tritt auch erfolgreich in Afrika auf. Wie sehr er damit in den afrikanischen Gesellschaften eine Debatte auslöst, weiss ich nicht.

Wie politisch ist Pop in Afrika?
Berna: Das ist sehr unterschiedlich. In manchem Land, vor allem im ara­bischen Raum, musst du deine Musik nach dem Geschmack der Machthaber machen, sonst hast du ein Problem.
Burkhalter: Wenn dich ein wichtiger Lokalpolitiker einlädt, an seiner Hochzeit zu spielen, sagt längst nicht jeder Nein. Dafür wirst du sehr gut bezahlt.
Berna: In Südamerika sind das nicht Politiker, sondern Drogenbosse. Pech, wenn sie dich zu ihrer Lieblingsband wählen: Dann weisst du, was du zu ­spielen hast.
Burkhalter: Der Protest ist darum häufig ironisch und parodistisch. In Ghana zum Beispiel hat das Rapduo Fokn Bois mit seinen grellen Videos gerade grossen Erfolg. Natürlich wollen sie auch im Internet auffallen, aber sie kritisieren auch die evangelikale Kirche oder die Lokalpolitik. Und ich glaube schon, dass viele solcher Nadelstiche, sei es von Stromae oder den Fokn Bois, die Leute zum Nachdenken bringen und die Zivilgesellschaft stärken können. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 13.01.2016, 18:28 Uhr)

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Die Playlists von Marianne Berna und Thomas Burkhalter

Marianne Berna, geboren 1950, ist bei Radio SRF 3 ­Musik­redaktorin und für exotische Sounds zuständig.

Thomas Burkhalter, geboren 1973, ist Journalist, Musik­ethnologe und Gründer der Seite norient.com, einer Plattform für globale Musik.

Norient

Norient ist eine Internetplattform «für lokale und globale Sounds und Medienkultur», die von Bern aus betrieben wird. Sie tritt auch als Veranstalterin auf und publiziert Bücher. Im Herbst 2015 ist «Seismographic Sounds» erschienen über exemplarische Musikvideos in der globalisierten Medienkultur unserer Zeit. Ab heute Donnerstag und bis Sonntag, 17.?Januar findet in der Berner Reitschule das Norient-Musikfilm-Festival statt. Schwerpunkt sind Videoclips, neben Dokfilmen und dem Spielfilm «Akounak Tedalat Taha Tazoughai». Vorführungen finden auch in Lausanne (Le Bourg) und St.?Gallen (Palace) statt.(cf)
www.norient.com

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