Kultur

«Nein danke, kein Campari Soda»

Von Tina Uhlmann. Aktualisiert am 12.10.2009

Vielleicht wird er seinen Hit diesen Samstag in der Mühle Hunziken spielen. Doch 30 Jahre nachdem Dominique Grandjean «Campari Soda» geschrieben hat, hebt er mit neuen Songs ab. Ein Gespräch im Überflug.

«So musste ich bei Fototerminen in die Sodaflasche linsen»: Dominique Grandjean, 65,  demonstriert im Berner Café Kairo, wie ihn die PR-Agenten der Fluggesellschaft Swiss inszenierten. Den Campari Soda im Glas liess der Songschreiber stehen.

Urs Baumann

Zur Person

Als der Zürcher Dominique Grandjean «Campari Soda» schrieb, war er bereits 32. Der Song erschien 1977 auf der einzigen Platte seiner Avantgarde-Punkband Taxi und verklang vorerst, ohne gross Wellen zu schlagen. Noch im selben Jahr fusionierten Taxi mit Dieter Meiers Assholes und wurden zu Hertz. Mit ihren Konzeptalben etablierten sich Hertz im Bereich des experimentellen Wave als Schweizer Vorläufer der Neuen Deutschen Welle. «Campari Soda» wurde derweil von Span und Stephan Eicher gecovert und so immer bekannter.

2006 erwarb die Fluggesellschaft Swiss das Recht, den Song für Werbeclips zu nutzen und finanzierte die Neuaufnahme der Single, die darauf in der Hitparade bis auf Platz 3 hochkletterte – 30 Jahre, nachdem der Song geschrieben wurde.

Dominique Grandjean, praktizierender Psychiater, ist seit 2004 auch wieder mit Hertz unterwegs. Am letzten Samstag wurde im Zürcher Club Helsinki ein Livemitschnitt gemacht, der auf CD erscheinen soll.

Konzert: 17.10., Mühle Hunziken. Vorprogramm Christine Lauterburg/Aërope. Beginn 21 Uhr. Tickets: 031 7210721

Herr Grandjean, dürfen wir Ihnen einen Campari Soda bestellen?
Dominique Grandjean: Nein danke. Ich hätte lieber eine Ovomaltine. Gibt es das hier?

Sicher. Haben Sie denn das Getränk, das Sie so wunderbar besingen, gar nicht gern?
Für meinen Song habe ich «Campari Soda» gewählt, weil man das gut singen kann. Und wegen der schönen roten Farbe.

Waren Sie in den Siebzigern ein Roter? Immerhin haben Sie auch dem Arbeiterbundesrat Willy Ritschard ein Lied gewidmet.
Es ging da weniger um Politik. Mit meiner Band Hertz wollte ich die Schweiz zum Thema machen. Das traditionell Schweizerische stand damals für Biederkeit und Bünzlitum, und trotzdem war es einem irgendwie ans Herz gewachsen. Wir wollten etwas tiefer graben und experimentierten deshalb auch mit Volksmusik.

Damit lägen Sie heute voll im Trend.
Ja, Patriotismus ist jetzt wieder politisch korrekt. Aber damals war das, was wir machten, eine Provokation. Kennen Sie das Lied vom Appenzeller? «Min Vater isch en Appezäller, Appezäller, Appezäller, er frisst de Chäs mitsamt em Täller, samt em Täller» Das ist doch wahnsinnig gut. Und frech! Dagegen ist jeder Rocker, der auf der Bühne seine Gitarre zertrümmert, ein Wegglibueb. Wir fanden Volksmusik subversiv. Wir spielten quasi den Rock ’n’ Roll der Urschweiz. Rock ’n’ Roll ist eine Bewegung von unten nach oben, da bot sich Willy Ritschard natürlich an.

Für welchen Bundesrat würden Sie heute ein Lied schreiben?
Heute? Hm. Sind fast alles Rechtsanwälte, nicht wahr? Nur Ueli Maurer tanzt aus der Reihe, der ist Bauer. Vielleicht würde ich einen Song über Ueli Maurer machen. Aber das brennt mir jetzt nicht wirklich unter den Nägeln.

Den Text zum Ritschard-Song hatten Sie damals aus dem Ringier-Archiv. Wie kommt man als Songschreiber dazu, eine nüchterne Kurzbio zu vertonen?
Das war so eine Idee. Keine Wertung, nur Fakten. Damit der Text singbar wurde, musste ich ihn allerdings etwas bearbeiten.

Wie kommt es, dass die Ritschard-Single und andere Platten der intellektuellen Wave-Band Hertz auf dem Label des Trio Eugsters erschienen?
Sowohl Hertz als auch das Trio Eugster waren Aussenseiter. Die Eugsters boten sich uns an, wollten einen Fuss drin haben in dieser neuen, alles auf den Kopf stellenden Musik, und wir fanden das lustig. Wir sind sogar in ihrer damaligen Fernsehserie «Iischtige bitte!» aufgetreten.

Dann war es für Sie wohl auch kein Problem, mit «Campari Soda» 2007 bei den «Grössten Schweizer Hits» mitzumischen?
Wohl gefühlt habe ich mich dabei nicht. Ich habs für Hertz getan, obwohl «Campari Soda» ja von meiner früheren Band Taxi ist. Ich dachte, der Song könnte ein Brückenkopf sein für das, was wir mit Hertz heute machen. Das liegt mir nämlich sehr am Herzen.

Mit «Taxi» sangen Sie Mundart – als einer der ersten in der Schweiz. Warum haben Sie sich mit Hertz aufs Hochdeutsche verlegt?
Weil die Mundart so beschränkt ist. Es gibt keinen guten Mundart-songtext, der auch ein guter Text ist – ich meine, wenn er nicht gesungen wird. In Mundart will man jemandem etwas sagen. In der Schriftsprache kann man Aussagen machen, ohne andere direkt anzusprechen – ein ganz anderer Horizont. Deutsch ist für mich die schönste Sprache der Welt. Aber die Mundart hat mich zur Musik geführt. Ich hörte Rumpelstilz und beschloss, es auch einmal zu versuchen. So entstand die «Taxi»-Platte.

Und wie macht man einen Hit wie «Campari Soda»?
Keine Ahnung. Man ist schwanger mit dem Song, trägt ihn lange aus. Dabei muss man immer wieder entscheiden, in welche Richtung man mit ihm weitergeht. Ob man an jedem Punkt die richtige Entscheidung trifft, ist letztlich auch Glückssache.

Fast alle Schweizer Hits sind in Mundart gesungen. Wirkt diese trotz dialektaler Unterschiede verbindend?
Eher ausschliessend, denke ich. Ausser uns versteht ja niemand diese Songs. Das Berndeutsche hat sich flächendeckend durchgesetzt. Oder kennen Sie einen St.Galler Hit? Schon «Campari Soda» ist ein Phänomen, denn uns Zürcher hört man auch nicht gern. Der Text dazu sollte eigentlich ein Haiku werden, ein japanischer Dreizeiler, der eine banale Situation beschreibt und Punkt. Leider bin ich gescheitert.

Gescheitert?
Ja, denn mit dem Satz «Es isch, als gäbs mich nüme meh» bin ich zu weit gegangen, der sprengt die Beschreibung, wie ich im Flugzeug sitze, rausschaue und den Ventilator höre. Trotzdem scheint mir etwas gelungen zu sein. Denn Kunst beginnt da, wo man andere überzeugt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.10.2009, 07:57 Uhr


Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

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