Perlen für die Punks

Sie waren Athleten der Zärtlichkeit: The Associates spielten in den 80er-Jahren Elektropop mit der Energie von Punk. Jetzt sind die drei herausragenden Platten der Schotten neu zu entdecken.

Punk für die Disco: The Associates um Sänger Billy Mackenzie (vorne) und Gitarrist Alan Rankine (rechts).

Punk für die Disco: The Associates um Sänger Billy Mackenzie (vorne) und Gitarrist Alan Rankine (rechts). Bild: David Corio (Getty Images)

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Der eine schminkte sich zum Samurai, um die Aufmerksamkeit der Fernsehgemeinde zu bekommen, oder er brachte Gitarren aus Schokolade, zerbrach und verteilte sie. Der andere aber sang, als singe er nur für sich. Das waren Alan Rankine und Billy Mackenzie von The Associates, und im Frühling 1982 waren sie zu Gast bei «Top of the Pops» im britischen Fernsehen, um ihren Hit «Party Fears Two» vorzustellen. Rankine trug seine exotische Schminke und Stäbchen im Haar, Mackenzie aber schaute am liebsten sich selber zu auf den Monitoren, wie er sang, jedenfalls grinste er ­jedes Mal breit befriedigt, wenn er den Blick von seinem Bild abwandte.

The Associates mit «Party Fears Two» bei «Top of the Pops» (1982).

«Es klang nicht mal, als ob er beim Singen auf die Musik hören würde», hat Tom Doyle in «The Glamour Chase» geschrieben, seiner Biografie über Billy Mackenzie. Der hatte tatsächlich eine beeindruckende Tenorstimme, mit der er jeden Auftritt dominieren konnte; und trotzdem wirkte er wie ein Parvenu im eigenen Popsong. Was aber gerade zum Appeal der Associates gehörte: Die Band, die 1980 aus dem schottischen Dundee nach London gezogen war, vertonte bis 1982 den Übergang vom Punk zum Elektropop auf drei Platten und mit Songs voller Ambitionen und Paranoia. Zu hören sind junge, hungrige Musiker, die sich fürs Massenspektakel aufbrezelten in einem Jahrzehnt, das vom ­Musik­fernsehen regiert werden würde – die aber nicht im Traum daran dachten, sich freiwillig zu ergeben.

Der gute Geschmack

Und die sich trennten, als es dann ernst wurde. Die Associates hatten 1982 drei Singles in den britischen Charts, verdienten erstmals gutes Geld, und die vieldeutigen Oberflächenreize ihrer Lieder schienen tatsächlich den Weg zu weisen mitten ins Herz der Achtzigerjahre. Doch als Billy Mackenzie nur einen Tag vor Tourneebeginn alle Auftritte absagte und als er auch noch 900 000 Pfund für einen Plattenvertrag in den USA zurückwies, verliess Alan Rankine die Band. Ob ihn der Erfolg verunsichert habe, wurde Mackenzie ein Jahr später in einem Interview mit dem «New Musical Express» gefragt. «Das war keine Unsicherheit», sagte der 26-Jährige, «das war nur mein guter Geschmack, der sich durchsetzte.»

Zwar machten die Associates noch ein paar Jahre ohne ihren musikalischen Kopf Rankine weiter – allerdings ohne Inspiration und Erfolg. Bald waren sie vergessen, auch Mackenzie, der von der Poppresse erst noch als «Stimme der Achtzigerjahre» ausgerufen worden war. Jetzt aber lassen sich die Band und ihr irrlichterndes Spiel mit dem Popschein neu kennen lernen: «The Affectionate Punch» (1980) und «Sulk» (1982), die zwei ersten und überragenden Platten der Associates, sind eben neu aufgelegt worden, genauso wie «Fourth Drawer Down», eine Sammlung von Singles aus den Jahren 1980 und 1981.

Champagner, bitte

Wer all diese Musik durchgeht, entdeckt tatsächlich eine der interessantesten Bands der Achtzigerjahre; eine Gruppe, die sich mühelos zwischen den Smiths und den Cure, zwischen Duran Duran und Talk Talk einreihen lässt. Die alle hatten zwar mehr Hits und Sing­alongs. Aber bei den Associates ist der kalt-heisse Schauder jener Londoner Übergangsjahre besonders gut spürbar: Ihre Songs drängen vorwärts mit dem Druck von Punk. Mit dissonanten, aggressiven Stakkatos an Gitarre und Synthesizern oder mit einem ganzen Schlagzeug nur aus Snares rief Alan Rankine nochmals die Flamboyanz einer Musik auf, die gerade im Verschwinden begriffen war. Darüber allerdings perlten die Synthesizer bereits wie die Bläschen im Champagner der Yuppies, die nun den Finanzplatz entfesselten.

Billy Mackenzie glitt mit seinem blanken Tenor durch das neue Partyvolk («anonym wie Toiletten / androgyn wie Dackel»). Und unklar blieb, ob sich die spasmischen Spitzen in seinem Gesang seiner Verehrung für David Bowie verdankten oder nicht doch seinem Kokainkonsum. Die Musik seiner Generation definiere die Gefühle neu, sagte Mackenzie damals in einem Interview. Dieses Reset der britischen Seele, dieses hysterische Einrasten in die Jahre unter der radikalen Maggie Thatcher, die von der Auflösung der Gesellschaft träumte und regierte: Es ist gut hörbar in den Songs der Associates – zunächst im nervösen, im noch zärtlichen, aber auch schon athletischen Punch, der dem Debütalbum zu Recht den Titel gab. Dann aber auch in der hochgeschichteten Künstlichkeit von «Sulk», in die der Gesang mit seinen Affekten irritierend hereinplatzt.

Diese Musik wechselt ständig ihre Temperatur, wie beim David Bowie der späten Siebzigerjahre klingt sie in einem einzigen Moment verrutscht und doch elegant. Sie rumort in ihrem Untergrund, um sich in der Auslage verführerisch an den Melodien zu aalen. Das alles lässt die Associates wieder modern klingen. «Private Verzweiflung und öffentliches Drama»: Das hörte der «New Musical Express» in einer frühen Kritik, und dazu gehörte natürlich auch, dass man diese Lieder bis auf wenige Ausnahmen durchtanzen konnte.

Tanzen bis zum Schluss

So viel sperriger und seltsamer die Associates auch aufspielten als ihre britischen Mitbewerber wie die ironischen Smiths oder die verschrobenen Talk Talk, so zielten ihre Lieder doch auf die Party. Es gehe in der Popmusik darum, Teil der Scheisse zu bleiben und sich gleichzeitig daraus zu erheben, sagte Billy Mackenzie einmal (er wusste noch nichts vom Brexit). Und vielleicht warb er deshalb bei The Cure deren Bassisten Michael Dempsey ab: Der brachte aus der US-amerikanischen Black Music einen scharfen Funkpuls mit, der sich in Songs wie «The Association» oder «Skipping» derart an Elementen aus Disco oder sogar House entzündete, dass man auch an Prince denken darf.

Doch nach drei Hits war die Party aus. Alan Rankine produzierte weiterhin Musik, etwa für die Cocteau Twins oder Belle & Sebastian, und ist heute Popdozent in Glasgow. Mackenzie machte ein paar weitere Platten und schrieb 1987 Texte für die Zürcher Discosurfer von Yello: «Moon on Ice» sang er selbst, «The Rhythm Divine» ging an Shirley Bassey. 1997 tötete er sich selbst. Der Parvenu hatte genug gesehen von den Menschen und von sich selbst: «Ich glaube, ich wurde glücklich geboren», sagte er in einem seiner letzten Interviews, «und habe alle Illusionen verloren.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.06.2016, 18:28 Uhr

The Associates: The Affectionate Punch; Fourth Drawer Down; Sulk (BMG).

Video

Essbare Gitarre: Mit «18 Carat Love Affair» bei «Top of the Pops» (1982).

Video

Funky und tanzbar: «Club Country» (1982).

Video

Vor dem Ruhm: The Associates spielen beim Radio-DJ John Peel (1981).

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