Kultur

Pompöses Schaulaufen der heimischen Musikbranche

Im Zürcher Schiffbau wurden gestern Abend zum dritten Mal die Swiss Music Awards überreicht. Dabei ergaben sich etliche Fragen – und auch ein paar Erkenntnisse.

1/8 Grosses Dankeschön: Boris Blank, (links), und Dieter Meier, (rechts), von «Yello» bedanken sich für den Preis in der Kategorie «Best Album Pop/Rock national».
Bild: Keystone

   

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Nachdem wir in den letzten Wochen genug gänsehäutige Prominente auf roten Teppichen bedauert hatten, musste nun gestern bei der Verleihung der dritten Swiss Music Awards kein einziges von all den halb nackten Mädchen frieren. Zur Begrüssung verlor auch Stadtpräsidentin Corine Mauch - laut Moderator Marco Fritsche «die heimlifeisseste Bassistin der Schweiz» - für einmal ihre etwas frostige Steifheit und begrüsste alle hörbar mit viel innerem Feuer und auf Mundart. Tipptopp.

Die Fragen, die sich gestern Abend stellten, waren natürlich: Wie schön ist Moderatorin Melanie Winiger, dieser nationale Augentrost, denn heute? Na ja, schon schön, aber ihre Witze waren wohl eher für sie selbst lustig, und eine nicht richtig lustige Schönheit ist halt auch ein bisschen weniger schön. Und: Wer gewinnt eigentlich die Awards? Oder um es in den Worten der Award-Homepage zu sagen: «Welcher Act haut dich um? Welches Album zwingt dich in die Knie?»

Für einen Sieg braucht es bei den Swiss Music Awards ja eigentlich nur gute Verkaufszahlen. Die Firma Media Control ermittelt je nach Kategorie die 10 oder 5 bestverkauften Künstler des Jahres, und eine 70-köpfige Academy aus der Schweizer Musikbranche reduziert diese auf drei Top-Favoriten. Von einem dieser drei - gaaanz zufälligerweise ist es oft auch der am allerbesten verkaufte - lassen sich dann eine Musikkritiker-Jury und viele, viele online abstimmende Fans dermassen in die Knie zwingen beziehungsweise umhauen, dass er gewinnt und einen grauen Pflasterstein, aber kein Geld bekommt. So war das auch gestern, zum dritten Mal.

Preise und Preisträger

Aber zum ersten Mal fand die Verleihung im pompös aufgehübschten Schiffbau statt. Zum ersten Mal hatte sich die sonst ein bisschen überflüssige Jury ausbedungen, einen von Zahlen unabhängigen Jurypreis zu vergeben - er ging, juchhe!, an die liebste Ticketverkäuferin im Zürcher Kino Riffraff und natürlich an die tollste Rapperin der Schweiz, Big Zis, die ihn in einem Indianer-Outfit entgegennahm. Zum ersten Mal sang Baschi Hochdeutsch, das deutsche Fernsehen hatte ihn dafür in den letzten Wochen unter dem Motto «Es gibt auch CDs aus der Schweiz, über die wir uns freuen» liebevoll willkommen geheissen. Und zum ersten Mal gab es die neue Single aus dem Reunion-Album von Sens Unik zu hören! Sens Unik, die Hiphopper aus Lausanne um Carlos Leal, die vor genau 20 Jahren anfingen und eine sechsjährige Pause einlegen mussten, weil Leal unbedingt Filmkarriere machen musste. In Spanien ist er jetzt im vierten Jahr ein Star der Serie «El internado» («Das Internat»), und bald kommt er ja auch noch in «Sennentuntschi» als übler Puppenschänder in unsere Kinos. «Wir haben es alle nötig zu träumen», rappte er locker auf Französisch und mit diesem unverwechselbar melancholischen Sens-Unik-Timbre. Ein Star in seinem wahren Element.

Melanie Winigers Gatte Stress gewann mit «Tout les mêmes» den Award für den besten Song National und für Album Urban National («Des rois, des pions et des fous»). Er bedankte sich dafür aus tiefstem Herzen bei seiner Liebsten. Newcomer National wurde die herzige Band Pegasus, Newcomer International ging an den monströs langweiligen Belgier Milow. Song International holte sich logischerweise Lady Gaga mit «Poker Face», und logischerweise war sie nicht in Zürich. Album Pop/Rock International gewann die ebenfalls abwesende Pink mit «Funhouse». Die schon etwas älteren Herren von Yello wurden mit dem Outstanding Achievement Award geehrt und gleich noch mit dem Album Pop/Rock National («Touch Yello»), und siehe da, sie nahmen auch beide Preise entgegen. Album Dance National ging an «2009» von DJ Antoine, Album Urban International an «The E.N.D.» von den Black Eyed Peas, auch sie nicht in the house.

Warten auf Ke$ha

Die beiden Bands Dada Ante Portas aus Luzern und Lunik aus Bern performten, es war wahrhaft föderalistisch. Ke$ha, die «heisseste Neuentdeckung aus Amerika» kam einfach nicht, und als es nicht mehr auszuhalten war vor Peinlichkeit, griff Marc Sway zur Gitarre und rettete «superspontan» und unter Standing Ovation die «vercheibete» Situation. Anschliessend war es dann so weit, und Ke$ha donnerte mit gewaltigem Make-up ihren Discohit «Tik Tok» in den Saal. Sympathischer als das Fräulein, das spät kam und früh schon wieder aufs Flugzeug ging, war allerdings der kleine Franzose Christoph Maé, der eine dreckige Chanson-Variante sang.

Und was wollte uns dieses einmal mehr medial torpedierte und professionell inszenierte Schaulaufen der einheimischen Musikbranche jetzt eigentlich sagen? Vielleicht dies: Dass sich im ganz Grossen auch irgendwo immer das ganz Kleine spiegelt und umgekehrt. Dass auch in Jaël Kern von Lunik ein kleines bisschen Fergie von den Black Eyed Peas steckt. Und ein wenig Robbie Williams in Baschi. Dass sich Schweiz und Welt also gar nicht so unähnlich sind. Bei Robbie und Fergie hätten allerdings weit mehr Fans vor dem Schiffbau gewartet. Für all die unsrigen waren es gestern Abend gerade einmal bescheidene fünfzehn Stück.

Heute Mittwoch um 20.15 Uhr wird die Verleihung der Swiss Music Awards auf Prosieben ausgestrahlt.

Sie wurden gleich doppelt ausgezeichnet: Boris Blank (links) und Dieter Meier von Yello bei der Preisverleihung im Schiffbau. Foto: Walter Bieri (Keystone) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.03.2010, 10:56 Uhr

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