Recht ’n’ Roll

Das Jazzfestival Montreux darf aus seinem vollständig digitalisierten Konzertarchiv nur Ausschnitte zeigen – der Copyrighthandel ist kompliziert geworden.

Schwierig zu bekommen: Alte Aufnahmen von Adele.

Schwierig zu bekommen: Alte Aufnahmen von Adele. Bild: Sandro Campardo/Keystone

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David Bowie spielt «China Girl», «Starman» und dann «Changes». Sonst ist es still im Chalet in Haut-de-Caux, vor den Fenstern fällt der Schnee in die Alpen. In den Sesseln vor der Grossleinwand sitzen Journalisten aus ganz Europa und sehen, was normalerweise niemand sehen darf – die Aufnahme des fantastischen Konzerts, das Bowie am 18. Juli 2002 in Montreux gab. Doch dann dreht der Pressechef freundlich, aber bestimmt den Ton ab, bittet zum Fingerfood ins Chalet nebenan, und die Medienleute stapfen zurück ins Holzhäuschen hoch über dem Genfersee, in dem Claude Nobs gelebt hat.

«Wir hoffen sehr, dass wir dieses Konzert irgendwann veröffentlichen können», sagt später Mathieu Jaton, der das Jazzfestival Montreux seit dem Tod von Nobs vor zwei Jahren leitet. Das Problem: Das Festival erhielt damals, 2002, zwar das Recht, das Konzert von David Bowie zu filmen und ins Archiv zu stellen. Verwenden darf es aber nur einen einzigen Song – «Heroes». Alles andere verlässt nicht die ausgebunkerten Wände jenes zweiten Chalets, in dem das Festival sein Archiv angelegt hat.

Mit drei Anwälten

Wer die Rechte neu verhandeln will, hat ein grosses Problem. Denn der Deal mit den Copyrights, das ist die neue Heimsuchung des Musikgeschäfts – «ein Albtraum», wie man an diesem Abend in Haut-de-Caux immer wieder hört, oder einfach nur «zum Schreien». Natürlich formuliert es der Direktor nicht so: Mathieu Jaton sagt, die Sache sei «sehr komplex». Bis vor zehn Jahren beschäftigte man in Montreux einen einzigen Anwalt auf Mandatsbasis. Heute sind es zwei festangestellte Juristen und eine Kanzlei in New York, die sich für das Jazzfestival um die Rechte kümmern. Zum Vergleich: Als Talentsucher, die in der ganzen Welt junge Künstler beobachten, bezahlt Jaton zwei Leute.

Dass sich der Deal um die Rechte seit zehn Jahren verschärft hat, ist kein Zufall. In dieser Zeit sind die Plattenverkäufe eingebrochen, und die Musiker und ihre Managements kämpfen um ein Einkommen mit allem, was sie noch haben. Das sind in erster Linie ihre Konzerte, aber in zweiter Linie eben auch die Rechte an den Aufnahmen dieser Konzerte – denn fast jeder grössere Auftritt wird heutzutage für die Bühnenbildschirme gefilmt und aufgenommen. Was mit diesen Mitschnitten geschehen darf, ist das Ergebnis minuziöser Verhandlungen von Anwalt zu Anwalt.

Ein Copyright ist nicht einfach ein Copyright. Jaton sagt, für jede Aufnahme gebe es dreissig, vierzig Nutzungen, für die man die Rechte einzeln verhandle – vom Ausschnitt aus einem Song für die Fernsehnachrichten bis hin zum Stream eines ganzen Konzerts, wie ihn Montreux auf seiner Website etwa vom letztjährigen Auftritt von Sam Smith anbietet. «Aber was ist das, ein Stream?», so Jaton: «Das kann heissen, dass wir das Konzert live übertragen, und dann verschwindet es aus dem Netz. Aber auch, dass es der Fan noch ein halbes Jahr lang sehen kann oder ein Jahr oder immer.» Tatsächlich bietet die digitale Welt schier unbeschränkte Möglichkeiten, die Copyrights zu komplizieren. Ein Fernsehrecht ist nicht nur ein Fernsehrecht, seit die Anstalten ihre Inhalte online aufbereiten. Und dass man das Recht erhält, einen Song auf der Website zu spielen, heisst nicht, dass das auch für die App gilt. Mathieu Jaton schüttelt den Kopf und lacht: «Oft ist nicht einmal klar, wem die Rechte überhaupt gehören – manch ein Künstler hat mit seiner europäischen Plattenfirma einen anderen Deal als in den USA.»

Einst führte Claude Nobs eines der wenigen Festivals, das alle Konzerte aufnahm. Das Archiv, das er in seinem Chalet aufgebaut hat, zählt heute über 10 000 Tapes und gehört zum «Memory of the World» der Unesco, einem Register, das bedeutende Bibliotheken und Archive versammelt. Mittlerweile aber filmt fast jedes Festival seine Konzerte, und diese Datenschwemme überfordert auch die Künstlermanagements und ihre Anwälte. «Sie können nicht über jedes einzelne Copyright verhandeln, also lautet die Standardantwort halt ‹Nein›», sagt Jaton. «Oder es gibt keine Antwort, was natürlich dasselbe bedeutet.»

Eine Frage des Image

Weil das Archiv von Montreux einzigartig ist und so gut wie jeder Künstler gern dazugehört, erhält das Festival die Rechte für Aufnahmen meist problemlos – die Sammlung ist bis auf einzelne heikler Künstler wie Bob Dylan, Prince oder Lady Gaga vollständig. Erst danach wird es kompliziert: Jaton fragt darum gezielt nach Copyrights – hier für einen Livestream im brasilianischen Fernsehen, da für die Weitervermittlung auf Eagle Vision, einem Onlinehändler von Musikdoks und Konzertfilmen.

Mit hoffnungslosen Fällen aber versucht der Direktor seine Anwälte gar nicht erst zu behelligen. So ruht auf Haut-de-Caux die Aufnahme aus Adeles erster Tournee, die bestimmt auf riesiges Interesse stossen würde. Jaton winkt ab: «Die Chance, dass die Leute von Adele einer Verwertung zustimmen, ist so gut wie null.» Denn je wichtiger das digitale Geschäft für die Musiker wird, umso mehr versuchen sie, die kursierenden Daten und damit ihr Image zu kontrollieren. So dürfte Adele, gerade zum grössten Popstar ihrer Zeit aufgestiegen, kein Interesse haben, dass ein Konzertmitschnitt von 2008 in Umlauf kommt – zumal mit einer DVD aus der Royal Albert Hall in London ein Auftritt dokumentiert ist, der das Bild der Diva aus der Arbeiterklasse präzis überliefert. Jaton: «Was möglich ist, hängt davon ab, was für die Karriere des Künstlers gerade Sinn macht: Wenn der Fan sehen soll, wie gut der Musiker vor 100 000 Leuten besteht, dann kommt eben nicht Montreux zum Zug, sondern Coachella.»

Gut fürs Prestige

Doch selbst wenn Montreux eine Konzertaufnahme weiterverwenden darf, ist das vor allem gut fürs Prestige. «Das ist kein Businessmodell», sagt Jaton, «wir besitzen ja keine Rechte.» Selbst wenn ein Fan zwei Dollar bezahle, um einen Auftritt aus Montreux zu streamen, erhalte er nicht mehr als zehn Cent. Wenn das Festival zusammen mit der ETH Lausanne jetzt also sein Archiv digitalisiert hat, geht es weniger darum, all diese Musik zu den Fans zu bringen; sondern mehr darum, sich in der Flut der Festivals als besonders geschichtsträchtig hervorzutun. Weil Claude Nobs lange ziemlich allein damit war, seine Konzerte aufzunehmen, kursieren aus Montreux über 350 Livealben und 140 DVDs. Damals brachte dies dem Festival sein weltweites Renommee.

Heute hilft es Jaton, Montreux als «Marke» zu stärken: Auf einer Website, die letzte Woche zum Abschluss der Digitalisierung aufgeschaltet wurde, surft man durch die 50-jährige Festivalgeschichte, durch ein hübsch gestaltetes Kompendium aus Fotos, Interviews und Konzertaufnahmen. Doch es sind vorerst nicht mehr als 800 Songs, die man sich ansehen kann, und einige davon kennt man von den DVDs oder Youtube. Mehr Marketingtool als Bibliothek, belegt der schöne, aber lückenhafte Internetauftritt zweierlei: erstens, wie viel Aufwand die Festivals heute betreiben, um sich von der Konkurrenz abzuheben. Und zweitens, wie schwierig der Kampf um die Copyrights ist. Acht Jahre haben die Spezialisten der ETH gebraucht, um das Archiv zu digitalisieren. Bis man sich all diese Konzerte tatsächlich ansehen kann, werden die Juristen des Festivals sehr viel mehr Jahre zu tun haben.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 08.02.2016, 19:10 Uhr)

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