Reduziert auf das absolute Maximum

Sie können es immer noch, und wie: Am Sonntag gaben die Rolling Stones im Letzigrund ein sensationelles Konzert. Was für ein Abschied.

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Wenn die Wörter «alt» und «Rocker», «Preis» und «hoch» gehäuft auftreten, meistens im selben Satz verwendet, und wenn Musik als Geschäft im Wirtschaftsteil verhandelt wird, gastieren die Rolling Stones. Keine Band spielt schon so lange und so erfolgreich zusammen, 52 Jahre in ihrem Fall, keine Band verlangt so rücksichtslos viel Geld für ihre Auftritte, keine muss sich so heftige Kritik anhören, wird dermassen verhöhnt – und lässt sich trotzdem nicht beirren.

Perfekte Bedingungen

Was bleibt diesen Jugendsimulanten übrig, die in einer Rock’n’Roll-Band spielen, als das zu machen, was sie am besten können, kapitalistisch gesagt: Kundenwünsche restlos zu erfüllen? Alles andere liefe unter solch merkantilen Umständen auf die Bestätigung ihrer Kritiker und als Verrat an ihrem Publikum hinaus. Das Erste dürfte ihnen egal sein, die Stones haben sich noch nie um ihre Rezensenten gekümmert. Aber das Zweite geht nicht. Wer so teuer spielt und ein so treues Publikum anzieht, das kommt und wieder kommt, muss ihm ein Fest bereiten. Veranstaltete Unmittelbarkeit, besinnungslose Routine, die Aufführung des abgewetzten Materials, als sei es eben geschrieben.

Das ist die Ausgangslage für das dritte Konzert der laufenden Europatournee, nach Oslo und Lissabon ist der Zürcher Letzigrund an der Reihe. Bei ihrem letzten Besuch im Stadion, am Ende einer Tournee vor elf Jahren, wirkten die Rolling Stones kraftlos und enttäuschten. Der aktuelle Auftritt ist trotz 48‘000 Besucherinnen und Besuchern nicht ganz ausverkauft, dafür sind die klimatischen und atmosphärischen Bedingungen perfekt. Ein milder Abend verdämmert, zufriedene Wolken wälzen sich am Himmel, gute Laune schwebt durch das Stadion, auf den Rängen herrscht Heiterkeit, und auch Tina Turner, die hergekommen ist, scheint sich auf das Konzert zu freuen.

Klar wie die Akkorde

Kurz vor halb neun steigen die Stones auf die Bühne und übernehmen die Nachtschicht. Keith Richards wirft seine Gitarre an, stoisch mit seinem Ledergesicht und den Bildhauerhänden, «Start Me Up», das Riff geht wie ein Stromstoss durch die Menge, Mick Jagger beginnt zu singen und zu gestikulieren, die Rhythmusgruppe treibt ihn an, der Sound klingt klar und die Musik wuchtig. Man braucht keine zwei Minuten, um zu merken, um es am ganzen Körper zu spüren wie eine Umarmung, dass die Stones uns die nächsten zwei Stunden in die Verzückung treiben werden. Es wird ein sensationelles Konzert über weite Strecken, kaum je langweilig, mit wenigen Hängern und vielen Höhepunkten, sogar für sie.

Warum ist das so? Nach dem Konzert probiert man seine synkopierten Gedanken ein wenig zu ordnen, versucht, die Musik gewordene Erregung so weit zu dämpfen, dass einigermassen kohärente Sätze nachformuliert werden können. Dabei ist die Erklärung simpel. So klar wie die Akkorde von Richards, wie das lakonisch swingende Schlagzeugspiel von Charlie Watts, wie die Gitarrenlinien von Ronnie Wood, der an seinem 67. Geburtstag und exakt 39 Jahre nach seinem ersten Stones-Konzert so schön spielt wie seit Jahren nicht mehr. Die Erklärung geht so: Die Rolling Stones haben sich auf ihre Begeisterung für die schwarzen Musiker besonnen, an denen sie sich damals inspirierten. Sie haben ihre Stücke auf das absolute Maximum reduziert und ihre Show dieser Essenz angepasst. Die Bühne ist kahl gehalten und die Dekoration minimal, es blasen sich keine Plastiktiere am Bühnenrand auf, es ragen keine industriellen Imponierbauten in den Hintergrund, und auch die Leinwände zeigen, statt abzulenken.

Wiegen und Stampfen

Und genauso, wie sich die Musiker und ihre langjährigen Begleiter aufführen, klingen sie auch: Sehnig, soulig, muskulös. Kein Ton zu viel, kein Solo zu lang, kein Stück zu fett. So nahe bei sich klangen sie schon lange nicht mehr, so pechschwarz haben sie selten gespielt. Wie gut es ihnen selber gefällt, merkt man dem Zusammenspiel an, dem gegenseitigen Anlachen, dem Tänzeln und Stampfen der Musiker im wiegenden Takt ihrer Lieder. Selbst jene Songs, die sie seit bald vierzig Jahren spielen und die man an früheren Konzerten eher überstand als feierte, reissen alle mit: «Honky Tonk Women», «Let’s Spend the Night Together», «Midnight Rambler» mit Mick Taylor als Gastgitarrist, «Brown Sugar» gegen Ende als einzige sexuelle Verlockung.

Das weniger Gelungene ist rasch aufgesagt. Die Stones haben bei den Pariser Proben im Februar fast siebzig Stücke anprobiert aus ihrem immensen Repertoire, und wenn man ihnen etwas vorwerfen kann an diesem Abend, dann die eine oder andere Auswahl der 19 aufgeführten Nummern. «You Got Me Rocking» zum Beispiel, das die Band dazu noch als zweites Stück des Abends gibt, lässt sich in keinem Bewusstseinszustand als inspirierte Wahl erleben, die Wegwerfnummer aus dem «Voodoo Lounge»-Album von 1994 klingt wie der Versuch einer Hochzeitsband, auf Stones zu machen. Dasselbe gilt für «Can’t Be Seen», das Keith Richards atonal vor sich hin röchelt, nachdem er «You Got the Silver», diesen fragilen Blues, mit Inbrunst vorgetragen hat. Auch mag man sich nicht an Mick Jaggers Versuche gewöhnen, in jeder Stadt etwas Landessprache zu verbreiten. Man ist froh, dass London nicht Zürichdeutsch redet, das wäre nicht gut herausgekommen.

Mick Jagger ausser sich

Aber das kann Jaggers Vortrag an diesem Abend nichts anhaben. Wie er mit seinem schmalen Körper gegen die Kraft seiner Kollegen ansingt. Wie er bei «Worried about You» in flehendes Falsett ausbricht, wie er und die Begleitsängerin Lisa Fisher «Gimme Shelter» als Gospel der Verzweiflung intonieren, wie er «Sympathy for the Devil» drohend ausstösst als Geist, der stets verneint – fast kommt es einem vor, als habe der Sänger vor lauter Aufregung vergessen, den Prahler zu spielen, den Ironiker, der seine Leidenschaft gegenkühlen muss, um seine Verletztlichkeit nicht zu entblössen. Erst gegen Schluss, bei «Jumpin‘ Jack Flash», geht ihm der Atem aus, er keucht die Zeilen und verfehlt die Töne: Er ist ausser sich, und wir sind es mit ihm.

Auch wenn sie es nicht zugeben: Es dürfte die letzte Tournee der Rolling Stones gewesen sein und damit ihr letztes Konzert bei uns. Zum ersten Mal wünscht man sich, sie würden sich daran halten. Gewinnender kann man sich nicht in der eigenen Musik verlieren. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 02.06.2014, 08:11 Uhr)

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