Roger Köppel: «AC/DC sind wie die SVP»
Interview: Simone Matthieu. Aktualisiert am 27.03.2009 47 Kommentare
Roger Köppel über AC/DC: Wie eine Motorsäge, eine gute Motorsäge.
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AC/DC in Zürich
AC/DC spielen am Sonntag im Zürcher Hallenstadion ihr einziges Schweizer Konzert der aktuellen Tournee. Der Gig war innert kürzester Zeit ausverkauft.
Herr Köppel, eine Proletarier-Band wie AC/DC passt so gar nicht in das Bild, das man von Ihnen hat...
Ich fand die Band in den 80er-Jahren auch nicht gut. Ich stand auf Krokus, die ja bekannterweise oft als AC/DC-Kopie bezeichnet wurden. In den 80er-Jahren gehörten AC/DC für uns in die Schmuddelecke. Die Pseudointellektuellen am Gymi hörten Punk, der Mainstream hörte Disco, ich stand auf Deep Purple, Eric Clapton oder Cream. AC/DC entdeckte ich erst viel später, als ich 1995 eine Konzertkritik für den «Tages-Anzeiger» über ihr Konzert in Zürich schreiben musste. Da habe ich alle Vorurteile, die man als Jazz-Liebhaber gegenüber den Australiern so hat, revidiert und eine sehr euphorische Besprechung abgeliefert. Danach habe ich mich systematisch in AC/DC reingehört.
AC/DC, Krokus – Der «Weltwoche»-Chef als Hardrock-Liebhaber?
Ich habe immer ein breites Interesse an der Kultur, auch an der Populärkultur, gehabt. Ich absolvierte eine Musikausbildung, spielte Schlagzeug und wollte kurzzeitig sogar Musik studieren. Ich bin kein Hardrock-Fan, aber ich habe und hatte vielfältige Interessen, ich bin ja auch nicht mehr der Jüngste.
Sie haben den Gitarristen Angus Young sogar einmal in Sydney besuchen dürfen. Wie kam es dazu?
Als ich Chefredaktor des «Tages-Anzeiger-Magazins» war, habe ich in meiner Euphorie einen Brief ans AC/DC-Management geschrieben und diesem mitgeteilt, wie toll ich die Band finde. Man rief mich zurück und meinte, einen solchen Brief habe man jetzt doch noch nie erhalten und lud mich zu einem Interview ein. So flog ich nach Sydney. Zuerst unterhielt ich mich mit der Managerin, bis ich den kleinen, schäbig gekleideten Mann, der in der Nähe stand, plötzlich erkannte: Es war Angus Young.
Wie haben Sie ihn erlebt?
Er ist ein sensibler, ruhiger Typ. Nicht der grosse Intellektuelle. Als ich ihn fragte, was das mit dem Schulbuben-Kostüm solle, meinte er, das habe rein marketingtechnische Gründe. Er habe alles marktwirtschaftlich analysiert und sei zum Schluss gekommen, wenn man so klein sei wie er, müsse man eben durch ein Kostüm auffallen. Das tönte so glaubwürdig, als würde einem ein Schweizer Uhrmacher seine Firmenstrategie unterbreiten.
Was macht die Faszination von AC/DC aus?
AC/DC ist die hohe Kunst, mit bewusst beschränkten Mitteln ein Höchstes herauszuholen. Die Kraft der reinen Form sozusagen. Damit haben AC/DC einen Archetypus der Musik geschaffen. Angus sagte in diesem Interview in Sydney zu mir, sie bastelten eigentlich immer am selben Song. Alle AC/DC-Kompositionen seien ein unendlich langer Song, den sie bis zur Perfektion immer weiterverfolgen. Es ist eine beachtliche Leistung, so lange top zu bleiben, vor allem, wenn man bedenkt, dass die Band den Tod ihres ersten Sängers Bon Scott überlebt hat. Das schaffen nur wenige. Ich denke, es liegt daran, dass bei AC/DC nicht nur der Sänger, sondern mindestens ebenso Angus Young für die Showeinlagen verantwortlich ist. So war Bon Scott nicht das einzige Aushängeschild, und die Band hat ihren Wiedererkennungwert durch Angus Young behalten. Ausserdem ist ihre Musik so gut, dass der Sänger glaube ich keine solch grosse Rolle spielt.
Das Charisma von Angus Young, Bon Scott und dessen Nachfolger Brian Johnson macht aber auch viel von der Faszination aus, finden Sie nicht?
Ich glaube, ihre Musik ist entscheidend, nicht der Auftritt der Band. Chris von Rohr sagte einmal zu mir: Ein AC/DC-Konzert ist, als ob lauter 100er-Nägel in den Bühnenboden genagelt würden. Der Kern von AC/DC ist Musik, das Kostümtheater hat einen reinen Marketingeffekt. Ohne die harte Arbeit der Young-Brüder, mit der die beiden immer wieder die Drogenabstürze der anderen Bandmitglieder auffingen, wäre AC/DC nie so weit gekommen. Ich würde ihre musikalischen Skills über alles andere stellen: Wie Drummer Phil Rudd als Präzisionsmaschine hinter den anderen sitzt und alle vorantreibt. Die Musiker greifen ineinander wie Zahnräder. AC/DC ist eine Motorsäge, aber eine gute Motorsäge.
Sie sehen AC/DC auch gern als Familienunternehmen.
Das stimmt. AC/DC ist ein Familienunternehmen. Die Brüder Young haben die Band ins Leben gerufen, die Schwester Young den Namen gefunden. Die ganze Familie Young war musikalisch, das bekamen die Brüder mit auf ihren Lebensweg. Doch sie mussten sich raufkämpfen. Sie sind ein typisches KMU.
Aus Ihren Worten spricht Bewunderung.
Man merkt, dass die Band sich nicht dazu verleiten liess, zu tun, was gerade angesagt war. Während in den 90ern alle Crossover machten, wollten AC/DC ihre Musik eben nicht vermantschen. Wie die SVP haben sich AC/DC gegen den Zeitgeist gestellt, gingen zu ihren Wurzeln zurück und wuchsen daraus. Deshalb kann man ihre Musik auch heute noch hören, sie ist keine Modeerscheinung, sondern ein Klassiker ihres Genres.
AC/DC sind wie die SVP?
Durchaus! Das sind Organisationen, die sich nicht ums Image kümmern, sondern auf urtümliche Weise ihrer Sache auf den Grund gehen. Beide sind auf ihre Art authentisch und hecheln nicht dem Zeitgeist hinterher.
Welches sind Ihre Lieblingsalben von AC/DC?
Sicher «Stiff upper Lip», das damals bei meinem Besuch bei Angus gerade aktuell war. Und dann natürlich das Live-Album «If you want Blood», welches sehr gut ist. «Back in Black» und «Highway to Hell» darf man auch nicht vergessen. Das neue Material gefällt mir nicht mehr so.
Gehen Sie deshalb am Sonntag nicht ans Konzert in Zürich?
Ich bin eigentlich in den Ferien und habe auch sonst keine Zeit wegen meiner Hochzeit und allem. Ausserdem: Inzwischen finden alle AC/DC gut – und wenn alles etwas gut finden, werde ich misstrauisch.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 27.03.2009, 13:48 Uhr
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47 Kommentare
Ich bin sehr beeindruckt vom Musikverständnis von Frau Beeli. Wenn man einen Song von AC DC gehört hat, kennt man nachher sicher alle. Trotzdem find ich sie auch heute noch gut. Weil Sie eben wie die Rolling Stones - oderauch ABBA - jedem Mainstream trotzen und ihre Musik heute noch begeistert und sogar von Fans gehört werden, die bei der Gründung noch nicht einmal geboren waren. Antworten
Köppel funktioniert immer nach dem Motto: anders als andere wie ich. Deshalb ist er wohl auch der einzige AC/DC-Fan, der "systematisch reinhört". Na, vielleicht schafft er es, AC/DC zu überreden, "dirty deeds done cheap" mit Blocher als Gastsänger nochmals aufzunehmen. Antworten
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